Unterforderte Tankstellen

Markt

KFZ - Hierzulande sind viele Erdgas-Tankstellen nicht ausgelastet, da die Zahl der Fahrzeuge noch hinter den Erwartungen zurück bleibt. Im Ausland ist die deutsche Technik gefragt.

02. September 2010

Zehn Erdgas-Tankstellen »außer Betrieb« meldete die Internet-Plattform gibgas.de Anfang Juli. Die Ausfallzeiten liegen meist zwischen ein paar Tagen und zwei Wochen.

Klagen über eine schlechte Verfügbarkeit der Tankstellen will Juliane Gött von den Stadtwerken München aber nicht gelten lassen. Nicht mehr, besser gesagt: »Bis vor etwa fünf Jahren hatten wir noch fast jeden Monat eine Störung, heute sind es noch drei oder vier Einsätze im Jahr. Wir haben dazugelernt.«

Acht Erdgas-Tankstellen, abgekürzt CNG, werden von den Stadtwerken betrieben. Über eine Hotline erreiche der Tankstellenpächter den Stadtwerke-Service, der wichtige Ersatzteile selbst auf Lager habe. Nur bei schwierigeren Fällen müsse der Hersteller verständigt werden. Gött sagt, dass in der Bayernmetropole so »Störungen in der Regel innerhalb weniger Stunden behoben werden.« Die Stadtwerke München haben dabei Anlagen von Bauer Kompressoren und Greenfield Europe in Betrieb. Bedeutende Erdgastankstellenbauer sind noch die norddeutsche Bohlen & Doyen Bauunternehmung und die Schwelm-Anlagentechnik aus Westfalen.

200.000€ pro Station

Auch Thomas Wöber, seit 15 Jahren Erdgasfahrer und Betreiber der Website gibgas.de, bestätigt, dass die Tankstellen etwa seit 2003 wesentlich zuverlässiger geworden sind. Eine wichtige Ursache sei die Standardisierung der Anlagen. »Davor waren die Tankstellen oft Unikate mit individuell zusammengestellten Komponenten«, sagt Wöber.

Da Erdgas-Tankstellen überwiegend in die Tankfelder von ›Farben-Tankstellen‹ wie Shell, Aral oder Esso integriert werden, muss die Zapfsäule mit unterirdisch verlegten Hochdruckleitungen an die Technikeinheit angeschlossen und mit dem jeweiligen Kassenabrechnungs-System verbunden werden.

Wird ein Standort für eine neue Erdgas-Station gesucht, ist auch der Vordruck in der Gasleitung zu beachten: Je höher der Druck, desto geringer ist der Energieaufwand für die Verdichtung des Erdgases. Die Tankstelle wird meist mit Werten zwischen 250 und 300bar betrieben. Der vom Gesetzgeber vorgeschriebene Fülldruck im Fahrzeug ist 200bar bei 15°C.

Schlüsselfertige Tankanlagen gibt es bereits ab einer Liefermenge von 15Nm³/h. Diese Kleinstanlagen sind für den Einstieg geeignet und reichen für kleine Flotten von fünf bis zehn PKW oder einen Bus oder LKW aus.

Während die größten Systeme bis zu 1.500Nm3/h im Schnitt abgeben, liegt die Mehrheit der deutschen Erdgas-Stationen zwischen 100 und 150Nm3/h, also rund 80 bis 120kg/h. »Für eine komplette Tankstelle in dieser Größenordnung ist inklusive Zapfsäule und Tiefbauarbeiten mit einer Investition von rund 200.000Euro zu rechnen«, sagt Fritz Burghart von Greenfield Europe.

Seit 2007 gehört das Unternehmen zur internationalen Atlas Copco Group. Darüber hinaus haben eine Partnerschaft mit der Erdgas Mobil sowie ein Rahmenvertrag mit E.on Ruhrgas Markterfolge in Deutschland befördert. Rund 300 Tankstellen hat Greenfield in Deutschland nach eigenen Aussagen bereits gebaut.

Flächendeckendes Netz

Auch Bauer Kompressoren hat hierzulande schon über 300 Tankstellen errichtet, so Manfred Schöffl, Vertriebsleiter Fuelgas-Systems. Das Münchner Unternehmen begann Mitte der 80er-Jahre als eines der ersten in Deutschland komplette Erdgastankstellen zu entwickeln.

In der Bundesrepublik zeichnen die beiden Hersteller für einen beträchtlichen Teil der Erdgastankstellen verantwortlich. Rund 880 Stationen sind es zurzeit insgesamt, die die CNG-Fahrer zwischen Flensburg und Garmisch versorgen. Das Netz gilt als flächendeckend, zur Zielgröße von 1.000 Tankstellen fehlt nur noch ein kleiner Rest.

Weit hinter den Erwartungen zurück bleibt hingegen die Zahl der Erdgas-Fahrzeuge: Erst 90.000 sind auf den deutschen Straßen unterwegs. »Das ist viel zu wenig. Im deutschsprachigen Raum ist bei der Tankstellen-Versorgung eine Sättigungsgrenze erreicht«, führt Schöffl aus.

In Österreich und der Schweiz sei die Zahl der Nachfrager im Verhältnis zu den Tankmöglichkeiten sogar noch geringer. Anders dagegen in Italien: Nur 700 Tankstellen stehen dort 600.000 Fahrzeugen gegenüber. Während also in Deutschland eine Station rund 100 Fahrzeuge versorgt, sind es in Italien 850.

Der hohe Fahrzeugbestand jenseits des Brenners liegt an der jahrzehntelangen Tradition: Erdgasvorkommen in Norditalien wurden dort schon vor dem Zweiten Weltkrieg als Kraftstoff genutzt.

»Bei uns sind viele Tankstellen unterfordert«, spricht Schöffl das latente Problem an, das auch Olaf Rumberg von der E.on Gas Mobil, Tochtergesellschaft von E.on Ruhrgas, kennt: »Bei kleinerer Auslastung sind die Anlagen nicht wirtschaftlich zu betreiben«, sagt der Geschäftsführer, »wir nehmen das aber in Kauf, um einen aktiven Beitrag zur Netzverdichtung zu leisten.« Noch sei der deutsche Markt in einer Infrastruktur-Aufbauphase, in der die Gasversorger in Vorleistung gehen müssten.

Potenziale vorhanden

Wenn auch die Entwicklung bei den Erdgas-Fahrzeugen für den Geschmack vieler Marktteilnehmer viel zu schleppend voran gehe, sieht Manfred Schöffl CNG-Tankstellen als das »Geschäftsfeld mit dem größten Entwicklungspotenzial« unter den verschiedenen Zweigen seines Arbeitgebers.

Das liege vor allem an dem Aufschwung, den das Erdgasfahren in vielen Ländern weltweit nimmt. In Europa seien es vor allem skandinavische und osteuropäische Länder, die auf Erdgas setzen. Zum Beispiel verhelfe in Schweden die verstärkte Biomethanerzeugung dem Gaskraftstoff zum Vormarsch, in Bulgarien seien ausgehend von einem Null-Level von 2005 bis 2008 über 50.000 CNG-Fahrzeuge auf den Markt gebracht worden.

»Auch in arabischen Ländern und in Fernost wird aufgerüstet«, sagt Schöffl. Im Mai eröffnete Bundeskanzlerin Angela Merkel feierlich die erste Erdgastankstelle von Abu Dhabi – gebaut von dem Münchner Hersteller. Das Unternehmen errichtet in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate ein Netz mit 17 Anlagen.

»Länder, die eigene Gasvorkommen haben, sind besonders stark interessiert«, erläutert Schöffl: »Der Vorteil ist, dass das Gas nahezu so verwendet werden kann, wie es aus dem Boden kommt. Es braucht nicht raffiniert zu werden.«

Aufbau grünes Image

Dieser Vorteil ist sicherlich auch ausschlaggebend für die Zahlen, die Franz Marschler von der österreichischen OMV darlegt: Im Iran gibt es bereits über 1,6Mio. Erdgasfahrzeuge. In Pakistan sind es 2,2Mio. bei einem Anteil am Gesamtbestand von 50%.

Außerdem führend sind Argentinien sowie Brasilien. In Argentinien etwa sind 1,8Mio. Erdgas-Fahrzeuge unterwegs, ihr Anteil liegt bei 21%. Hierzulande sei die Euphorie aus den 90er-Jahren dagegen vorbei. »Mittlerweile ist es ein harter Wettbewerb geworden«, meint Schöffl.

Um den Kraftstoff Erdgas endlich auch in Deutschland auf ein höheres Niveau zu heben, hat die Erdgas mobil als Interessenvertretung der Gaswirtschaft eine neue Imagekampagne gestartet. Dafür wird es höchste Zeit, nachdem die Elektromobilität mit ihrem Versprechen von lärm- und abgaslosem Autofahren durch Sonnen- oder Windkraft derzeit die Medienlandschaft überstrahlt.

Mit dem Motto ›Erdgas – Natürlich mobil‹ und dem grünen Erdgas-Blatt will Erdgas mobil daher eine neue Corporate Identity aufbauen, die den klimafreundlichen Aspekt des Kraftstoffes hervorhebe, erklärt der Geschäftsführer Timm Kehler das Vorhaben.

Zum Ökoimage soll vor allem die Biomethan-Beimischung beitragen, mit der die CO2-Emissionen noch über 25% hinaus gesenkt werden können. Rund 120 deutsche Erdgas-Tankstellen bieten bereits Kraftstoff mit Bioanteilen zwischen fünf und 20% an.

Auf der letztjährigen IAA in Frankfurt hat sich Erdgas mobil erstmals in dem grünen Gewand präsentiert, das in der Schweiz schon seit Längerem bekannt ist. Die neue Marke soll zukünftig auch am Point of Sale sichtbar werden, was bei den Farben-Tankstellen sicherlich nicht leicht umzusetzen sein wird. Hinzu kommen Anzeigen in Publikumszeitschriften und die Unterstützung von regionalen Initiativen und lokaler Vermarktung. Neben der Umweltfreundlichkeit soll vor allem kommuniziert werden, dass Erdgas der günstigste verfügbare Kraftstoff ist.

Die Branche leide darunter, dass die Preisgestaltung nicht transparent ist. »Das ist eine unerträgliche Situation«, klagt Kehler. Schuld sind die verschiedenen Verrechnungseinheiten Liter bei Superbenzin und Autogas, Kilogramm bei Erdgas und die Energiegehalte. Mit einem »Energieäquivalenzwert auf der Basis von Superbenzin« würde Erdgas nur die Hälfte von Super kosten und wäre entsprechend attraktiv an der Tankstellen-Preistafel.

Reichweiten-Sieger

E.on Gas Mobil testet derweil an zwei Aral-Standorten ein neues Preissystem mit Dieselpreisbindung. Der CNG-Kilopreis wird hier mit einem festen Abschlag von 28 Cent auf den Dieselpreis gebildet. »Das erleichtert den relativen Vergleich der Investitionsentscheidung des Kunden«, nennt Geschäftsführer Olaf Rumberg einen Grund.

Auch Fritz Burghart von Greenfield hält die Preisgünstigkeit von Erdgas für das wichtigste Argument und verweist auf den jüngsten ADAC-Reichweitentest. Bei dem ging es nicht um die Reichweite einer Tankfüllung, sondern darum, wie weit man mit Kraftstoff für 30€ kommt.

Zur Freude von Burghart und der ganzen Branche ließen zwei Erdgas-Modelle sämtliche der insgesamt 241 getesteten, von ihren Herstellern als umweltfreundlich bezeichneten Fahrzeuge hinter sich – darunter auch alle Flüssiggas- und Hybridmodelle.

Reichweiten-König wurde der Fiat Panda 1.2 8V Natural Power mit 724km vor dem VW Passat Variant 1.4 TSI EcoFuel Highline DSG, der 658km schaffte. Mit Super für 30€ kam das Schlusslicht BMW ActiveHybrid X6 gerade einmal 171km weit.

Christian Dany

Erschienen in Ausgabe: 07/2010