Vielversprechendes Joint Venture

IT-Partnerschaft zwischen EVU und Software-Anbieter

Als die Stadtwerke Jena-Pößneck eine neue Billing-Software suchten, war dies der Beginn einer nicht alltäglichen Partnerschaft. Der Versorger gründete mit seinem neuen Softwarelieferanten SIV.AG das Tochterunternehmen varys, das zunächst die komplette kVASy-Implementierung durchführte und heute als Abrechnungsdienstleister für den Mutterkonzern fungiert. Mittlerweile hat der Spross auch außerhalb von Jena und Pößneck gut zu tun.

04. Februar 2003

Die Stadtwerke Jena-Pößneck GmbH sind ein modernes Querverbundunternehmen mittlerer Größe. Auf den ersten Blick ganz normales EVU, denn wie viele andere Unternehmen in Ostdeutschland starteten die 1991 gegründeten Stadtwerke Jena (mit Unterstützung von Saarberg Fernwärme) zunächst mit der Fernwärmeversorgung. Seitdem hat sich viel getan - im Zeitraffer: 1992 kam die Gassparte hinzu, 1993 Strom, ebenfalls 1993 die Betriebsführung für den Wasser- und Abwasserzweckverband Jena. 1996 wurden die Technischen Werke Jena als Holdinggesellschaft unter anderem für die Stadtwerke Jena gegründet. 2000 folgte die Fusion der Stadtwerke Jena mit den Stadtwerken Pößneck zum heutigen Unternehmen. Bemerkenswert ist beispielsweise die für ein ostdeutsches EVU untypische Tatsache, dass die Stadtwerke Jena-Pößneck nur über eine minimale Eigenerzeugung verfügen.

Einen individuellen Weg hat das Unternehmen auch beim Aufbau seiner heutigen IT-Architektur beschritten. Gemeinsam mit dem Softwarehersteller SIV.AG, in Roggentin bei Rostock, haben die Stadtwerke die varys Gesellschaft für Software und Abrechnung mbH mit Sitz in Jena gegründet, die heute für das gesamte Unternehmen auf Basis der SIV-Software kVASy die Verbrauchsabrechnung als Dienstleistung durchführt, aber auch für weitere Energieversorger in dieser Funktion tätig ist.

Altsystem kapitulierte vor Hürde der Liberalisierung

Die Vorgeschichte von varys geht zurück ins Jahr 1992, als die Stadtwerke Jena von der Erdgasversorgung Thüringen-Sachsen GmbH die örtliche Gasversorgung übernahmen. Der Einfachheit halber blieb der Versorger bei der bereits zuvor verwendeten Software zur Verbrauchsabrechnung und baute um das „geerbte“ System herum die gesamte IT-Architektur im eigenen Hause auf. Als die Stunde der Strommarktliberalisierung schlug, kamen die Experten um den damaligen EDV-Leiter Dr. Andreas Korittnik jedoch zu der Erkenntnis, dass die bevorstehenden Aufgaben mit dem alten System und seiner Architektur nicht mehr zu lösen sein würden. „Man konnte die neue Tarifvielfalt nicht abbilden, keine Zusatzleistungen oder Bündelprodukte abrechnen“, berichtet Korittnik. „Wir mussten uns völlig neu orientieren.

Das Studium von Anbietern und Produkten mündete in der Erkenntnis, dass ein System, wie die Stadtwerke Jena-Pößneck es suchten, auf dem Markt noch nicht existierte. „Folglich brauchten wir einen Partner, mit dem wir unsere Zielvorgabe gemeinsam umsetzen konnten“, erinnert sich Andreas Korittnik. Zahlreiche Gespräche mit potenziellen Anbietern wurden geführt, am Ende mit eindeutigem Ergebnis: Die SIV.AG bot sowohl technologisch die vielversprechendste Plattform als auch in Bezug auf die angestrebte enge Kooperation das mutigste Konzept. Und noch ein anderer Aspekt war wichtig: Das spezifische, weit über den reinen Systembetrieb hinaus gehende IT-Know-how in den Stadtwerken Jena-Pößneck sollte nach Einführung der neuen Software nicht verkümmern, sondern anderweitig vermarktet werden. So gründeten die Stadtwerke Jena-Pößneck und die SIV.AG am 1. Januar 2001 das gemeinsame Tochterunternehmen varys, Geschäftsführer wurde Dr. Andreas Korittnik.

Der neue Softwaredienstleister analysierte bei den Stadtwerken Jena-Pößneck das Altsystem, erarbeitete die Spezifikation für die erforderlichen Programmanpassungen, implementierte das System, führte die Datenmigration durch und nahm das neue System nach nur fünfmonatiger Projektlaufzeit zum 1. November 2001 in den Produktivbetrieb. kVASy kommt im Stadtwerke-Konzern bislang überall dort zur Anwendung, wo Verbrauch abgerechnet wird, also in den Bereichen Strom, Gas, Fernwärme und Wasser. Allerdings nicht im Unternehmen selbst, sondern nur mittelbar, denn die Durchführung der kompletten Verbrauchsabrechnung inklusive Debitorenbuchhaltung und Energiedatenmanagement (EDM) liegt in den Händen der varys Gesellschaft für Software und Abrechnung mbH.

Ziel ist ein durchgängiges und integriertes System

Gut möglich, dass kVASy demnächst auch in vollem Umfang als ERP-System bei den Stadtwerken Jena-Pößneck zum Einsatz kommt, dann wäre der Wechsel zum System der SIV.AG komplett realisiert. Im Bereich des Customer Relationship Managements (CRM) deutet ebenfalls vieles auf eine Entscheidung zugunsten des kVASy-Moduls hin. Das würde Sinn machen, weil die Stadtwerke dann ein durchgängiges, integriertes Softwaresystem nutzen könnten. Außerdem sind alle Beteiligten mit der gewählten Form der Zusammenarbeit sehr zufrieden - eine gute Basis für weitere gemeinsame Projekte.

Frank Schöttke, bei den Stadtwerken Jena-Pößneck Bereichsleiter Verkauf und Marketing, bestätigt das: „Die Implementierung wurde schnell und umfassend realisiert. Wenn es Probleme oder Kinderkrankheiten gab - und die treten bei solch einem Projekt beinahe zwangsläufig auf -, wurden sie größtenteils rasch ausgeräumt. Bei Wünschen und eventuellen Schwierigkeiten reagiert die SIV.AG in aller Regel prompt.“ Heute laufe das System schon weitgehend so, wie man sich das bei den Stadtwerken vorgestellt habe.

Nicht zuletzt dank der neuen IT-Konstellation sieht Frank Schöttke sein Unternehmen für die Zukunft gut gerüstet. „Wir blicken zuversichtlich nach vorn, auch weil wir rechtzeitig begonnen haben, uns neben den klassischen EVU-Geschäftsfeldern weitere Standbeine aufzubauen, wie Facility Management oder das EDV-Dienstleistungsgeschäft durch varys.“

Erschienen in Ausgabe: 08/2002