Virtueller Handel wird Realität

GASNETZE Die RWE Transportnetz Gas GmbH, Essen, entwickelt ihr Netzzugangssystem EESy zielstrebig weiter. Das im Mai 2005 in Betrieb genommene Gastransportmodell ermöglicht nun auch die Abwicklung virtueller Handelsgeschäfte.

02. Dezember 2005

Wenn Marktexperten darüber räsonieren, wie man den Gashandel in Deutschland liquider gestalten könnte, lautet die Empfehlung häufig, dass man sich von der Physik des Gasmarkts lösen und ein virtuelles Marktmodell ausprägen müsse. Bis dahin ist es sicher noch ein weiter Weg, aber in welche Richtung er gehen kann, das demonstriert dieser Tage die RWE Transportnetz Gas GmbH. Nachdem der Netzbetreiber für den Gasbereich des RWE-Konzerns im Mai 2005 EESy vorgestellt hatte, das neue Entry-Exit-System, folgte am 4. Oktober 2005 schon der nächste Schlag: „Ab sofort ist mit RWE EESy ein sehr flexibler virtueller Handel in den Teilnetzen möglich“, heißt es in der RWE-Pressemitteilung.

„Damit können Bilanzkreise ausschließlich aus virtuellen Handelspunkten gebildet werden, denen entsprechend der Netzzugangsystematik die Funktionalitäten von Entry- und Exit-Punkten zugewiesen werden“, erläutert Bernhard Koch, bei RWE Transportnetz Gas für den Netzvertrieb zuständig. „Gashandelsgeschäfte können somit ohne die Buchung physikalischer Kapazitäten und damit einfacher als bisher abgewickelt werden. Mit dieser Möglichkeit haben wir EESy um eine interessante Facette erweitert und die Voraussetzungen für den Gashandel weiter verbessert.“

Wer über RWE EESy spricht, kommt nicht umhin, sich mit der Historie und den technischen Besonderheiten des RWE-Gastransportnetzes zu befassen. Denn so wie sie sich heute darstellt, ist die Infrastruktur ein alles andere als homogenes Gebilde. Das rund 6.800 km lange Leitungssystem besteht aus den ehemaligen Netzen der RWE Gas AG (entstanden aus den Netzen der Westfälische Ferngas AG, VEW Energie AG und RWE Energie AG) und der Thyssengas GmbH. Seine komplexe Struktur resultiert einerseits daraus, dass die ehemaligen Eigner die Netze nach ihren Bedürfnissen aufgebaut haben, andererseits und vor allem aber auch daraus, dass vier verschiedene Gasqualitäten separat befördert werden müssen: H-Gas aus der Nordsee und aus Russland sowie L-Gas aus den Niederlanden und Deutschland.

Komplexe Netzstruktur

Bis vor einem halben Jahr bestand das RWE-Gasnetz noch aus zwei unabhängig voneinander betriebenen Systemen, West und Ost. Beide bestanden aus mehr als 20 teilweise hydraulisch nicht verbundenen Netzteilen mit unterschiedlichen Gasbeschaffenheiten und mehr als 3.400 Ein- und Ausspeisepunkten. Die Vermarktung der Netze nach dem alten Punkt-zu-Punkt-System war zudem noch in unterschiedlichen Prozessen und Vertragsmodellen organisiert.

Mit der Entwicklung von EESy habe RWE Transportnetz Gas beim Netzmanagement große Fortschritte erzielt, sagt Dr. Wandulf Kaufmann, Geschäftsführer des Unternehmens. „Wir haben die komplexe Herausforderung in kurzer Zeit bewältigt und mit der Einführung des Entry-Exit-Systems die Anforderungen des Gesetzgebers vorzeitig erfüllt.“

„Das System gewährleistet eine einheitliche und deutlich vereinfachte Nutzung des RWE-Fernleitungsnetzes“, versichert Bernhard Koch. „Dazu haben wir die mehr als 20 hydraulisch getrennten Teilnetze zu neun Teilnetzen mit weitestgehend frei zuordenbaren Kapazitäten zusammengefasst.“

Um die Handhabung zu vereinfachen, wurde ein Teil der mehr als 3.400 Ein- und Ausspeisepunkte zu Entry- bzw. Exit-Zonen zusammengefasst. So können Transportkunden mit Hilfe von EESy Kapazitätsrechte unabhängig voneinander in unterschiedlicher Höhe und Laufzeit an etwa 40 Entry- und 1.450 Exit-Punkten bzw. -Zonen anfragen und buchen. Transporte über Teilnetze hinweg sind an den Gasmischanlagen in Duisburg-Hamborn, Weine und Broichweiden möglich, jeweils in Richtung des Netzes, das mit Erdgas niedrigeren Brennwerts gefahren wird.

Kapazitätsanfragen lassen sich komplett über Internet organisieren. Ein interaktiver Kapazitätsassistent bietet bei allen Anfragen die nötige Unterstützung. Er gibt sowohl Auskunft über die Entgelte aller Entry- und Exit-Punkte als auch über Besonderheiten der Netzpunkte. Alle Angaben zu Kapazitäten, Vorhaltezeiträumen und Gasbeschaffenheiten können direkt aus dem Infotool in die Prozessbearbeitung übernommen werden. Um Transportkunden die Veräußerung oder den Erwerb von Kapazitäten, dem sogenannten Sekundärhandel, untereinander zusätzlich zu erleichtern, kooperiert RWE Transportnetz Gas mit der Internet-Plattform trac-x.

„Mit EESy sind nur noch zwei Verträge für praktisch beliebig viele Transporte nötig“, erläutert Koch. „Mit dem Kapazitätsvertrag werden Entry- und Exit-Kapazitäten für den gewünschten Zeitraum erworben und die Entgelte vereinbart.“

Zwei Wege für die Abwicklung

Der Bilanzkreisvertrag ist Voraussetzung für den physischen Transport; er definiert die gewünschten Transporte. Über Kapazitätsrechte können Besitzer in der vereinbarten Laufzeit frei verfügen. Dies versetzt Erdgashändler in die Lage, gebuchte Kapazitätsrechte nach Bedarf unabhängig voneinander an Entry- und Exit-Punkten zu nutzen und mit denen anderer Händler zu kombinieren.

Die Abwicklung der Transporte ist auf zweierlei Weise möglich. Einerseits kann dies auf Basis online übertragener Werte geschehen (Online Flow Control). Dabei müssen die Zeitgleichheit und Wärmeäquivalenz von Bereitstellung und Übernahme gewährleistet sein. Voraussetzung sind Datenfernübertragungseinrichtungen an den Exit-Punkten zur Online-Übermittlung der Daten, und an den Entry-Punkten mit entsprechender Flexibilität anstehende Erdgasmengen. Alternativ kann die Bereitstellung des Erdgases durch Nominierung erfolgen. Falls Zeitgleichheit und Wärmeäquivalenz nicht gegeben sind, bietet EESy in bestimmten Fällen den Basisbilanzausgleich und, sofern gewünscht, den erweiterten Bilanzausgleich für den Ausgleich von Differenzmengen.

Die Umstellung des Netznutzungssystems sei für RWE Transportnetz Gas erlösneutral, versichert Koch. Allerdings verändere sich die Struktur der Transportentgelte: Kunden mit kurzen Transportwegen müssten tendenziell mit steigenden Netzentgelten rechnen. Kunden, die aufgrund großer Transportentfernungen bisher hohe Entgelte zahlen, würden hingegen entlastet.

Das Interesse der Transportkunden und Gashändler an Dienstleistungen sei seit der Einführung von EESy sprunghaft gestiegen, berichtet Koch. Abzulesen sei dies an der hohen Zahl angemeldeter Nutzer des Kapazitätsassistenten im Internet. Zumindest bei Kapazitätsanfragen hat das Internet das klassische Fax vollständig abgelöst. Wenn allerdings Verträge abgeschlossen werden, geht es noch nicht ohne Papier. Ziel ist aber eine Organisation des Gastransportgeschäfts, die eines Tages vollständig digital und online abgewickelt wird. Der Markt entwickelt sich weiter...

Reduzierung der Teilnetze

Dies gilt auch für RWE EESy. Als das System im Juni dieses Jahres vorgestellt wurde, war das Echo geteilt. Unisono gelobt wurden transparenter, klarer Aufbau und die einfache Nutzung. Kritik gab es vor allem für die aus Händlersicht hohe Anzahl von neun Teilnetzen und den daraus resultierenden Nutzungsrestriktionen. Die Verantwortlichen bei RWE stellten seinerzeit weitere Verbesserungen in Aussicht. Mit dem virtuellen Handel wurde ein wichtiger Teil des Versprechens bereits eingelöst. Auch die Anwenderführung des Kapazitätsassistenten im Internet wurde weiter optimiert. Was die Reduzierung der Teilnetze angeht, so arbeite RWE intensiv an Lösungen, berichtet Koch.

Da dies mit Investitionen im Leitungsbau verbunden sei, müsse man solche Schritte besonders gründlich planen. Bei allen Maßnahmen dürfe ein Grundsatz allerdings nicht vernachlässigt werden: „Ein stabiler Netzbetrieb und wettbewerbsfähige Netznutzungsentgelte müssen jederzeit gewährleistet bleiben.“

Ein konstruiertes Beispiel zeigt, wie der virtuelle Handel funktioniert (siehe Grafik): Die Großhändler A und B (blaue Pfeile) stellen an zwei realen Entry-Punkten eines Teilnetzes Erdgas ein (zusammen 100 %). Da Bilanzkreise (hier A und B) einen Entry- und einen Exit-Punkt voraussetzen, wird ein virtueller Exit-Punkt erzeugt (orangefarbener Kreis). Darüber liefert Händler A an zwei Großkunden (grüne Pfeile) jeweils 40 % der am virtuellen Exit verfügbaren Gasmengen, abgewickelt über die Bilanzkreise C und D.

Ein Zwischenhändler betrachtet den Exit von Händler A als Entry und erwirbt über einen virtuellen Entry-Punkt (orangefarbener Kreis unten) und den Bilanzkreis E die noch verfügbaren Mengen (20 % der Ausgangsmenge), die er über den Bilanzkreis F an einen dritten Großkunden (z.B. Industriebetrieb), der wiederum sein Kunde ist, verkauft.

ErdgastransportMehr Kapazität

Durch eine vierte Maschineneinheit in der Verdichterstation Rysum (bei Emden) können die BEB Transport und Speicher Service GmbH und die RWE Transportnetz Gas GmbH sukzessive zusätzliche Erdgasmengen aus Norwegen in das deutsche Fernleitungsnetz einspeisen. Die Verdichterleistung liegt bei rund 2 Mrd. m3/a.

BEB und RWE vermarkten die Kapazitäten diskriminierungsfrei und transparent. Beide Unternehmen haben in Rysum zusammen rund 23 Mio. € investiert.

Erschienen in Ausgabe: 11/2005