Visionen vom grünen Massenmarkt

Markt/Vertrieb

Ökostrom - Der Preis muss offenbar stimmen. Im Versorgungsgebiet der Entega ist die große Mehrheit der Kunden auf Ökostrom umgestiegen. Mit dem »massenfähigen« Angebot tritt der Darmstädter Vertrieb jetzt bundesweit an.

12. Dezember 2008

Entega will »mit grünem Strom an die Spitze« und Marktführer Lichtblick bis Ende nächsten Jahres den Rang abgelaufen haben. In ihrem Stammgebiet ist das der Vertriebstochter der HSE (HEAG Südhessische Energie) bereits gelungen, wie HSE-Vorstand Holger Mayer Ende Oktober in Berlin berichtete. In den letzten 18 Monaten hätten über 80% der eigenen Stromkunden vom Normaltarif auf die Alternative ›Entega NaturPur III‹ umgestellt. Das sind 400.000 Verbraucher in Hessen und Rheinland-Pfalz. Bundesweit habe sich der Stromvertrieb damit auf Platz zwei der Ökotariftabelle katapultiert. »Wir wollen dauerhaft zu den Top zehn der deutschen Energiedienstleister und zu den führenden Ökostromanbietern gehören«, so HSE-Vorstandschef Albert Filbert zum Auftakt der bundesweiten Kampagne.

Gelingen soll dies mit dem »ersten massenfähigen alternativen Stromprodukt«. Als einziges deutsches Unternehmen biete man Strom aus erneuerbaren Energien »ohne nennenswerten Mehrpreis« gegenüber konventionellen Angeboten. Das Marktpotenzial dafür schätzt Mayer auf fünf bis sieben Millionen Kunden. Zwei Millionen wolle man mittelfristig aus Neuanlagen mit grünem Strom versorgen können.

Derzeit stammt ein Drittel des Grünstromabsatzes der Entega aus neugebauten Anlagen. Das vom TÜV Hessen und dem ›ok-power‹-Label der Organisation EnergieVision zertifizierte Angebot basiert auf Windkraft (9,7%), Biomasse (5%) und Solarenergie (1%), zum Großteil jedoch auf Wasserkraft, die man vorwiegend in Norwegen einkauft. Doch die Darmstädter wollen nicht nur mit Ökostrom handeln. Bis 2015 soll rund ein Fünftel des sauberen Stroms selbst erzeugt werden. Die Konzernmutter wird bis dahin rund 40% ihres Jahresumsatzes, 400Mio.€, in den Aufbau der Kapazitäten stecken. Es sei das größte Investitionsprogramm der Unternehmensgeschichte, so Filbert. »In Relation zu anderen nehmen wir damit eine absolute Spitzenposition ein.«

Mit über 110 installierten Solaranlagen zähle man auf diesem Gebiet bereits zu den Pionieren. Im Frühjahr wurde Hessens erste Biogasanlage mit Einspeisung in das Erdgasnetz in Betrieb genommen. Bis zu fünf weitere will die HSE in den kommenden Jahren errichten und dafür 13Mio.€ investieren. Für die Windkraft erwartet Filbert ebenfalls einen »Schub in Hessen«, den man aktiv nutzen werde. Das grüne Engagement geschieht nicht einfach ins Blaue hinein: Eine eigene Forschungseinrichtung – das NATURpur Institut für Klima- und Umweltschutz – soll den Bogen zur Wissenschaft spannen und geeignete Technologien finden. Gegründet wurde es Anfang des Jahres und mit 25 Mio.€ Startkapital ausgestattet.

»Wir sind keine grünen Spinner, sondern realistische Visionäre«, sagt Filbert. So werde man neben dem Ausbau der Erneuerbaren den Anteil der Eigenerzeugung erhöhen und dabei bewusst auf »Übergangstechnologien« wie die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) setzen. Am neuen Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerk in Irsching hat sich die HSE mit 15,6% beteiligt, in Darmstadt plant sie den Bau einer Gasturbine für die Spitzenlast. In den nächsten Monaten werde der Anteil der eigenen Stromproduktion dadurch von derzeit 15 auf 35% steigen. Ziel sei eine Quote von 60 bis 70%. Davon soll die Hälfte auf KWK basieren, 20% auf regenerativer Energie.

Kooperation mit Media-Markt

So könnten auch die Kunden in der Grundversorgung »CO2-reduziert und kernenergiefrei« beliefert werden, so Mayer. Seit Jahresanfang wird auf Strom aus Kernkraftwerken verzichtet. Die CO2-Bilanz der Produkte habe sich im gleichen Zeitraum um 40% gegenüber dem Bundesdurchschnitt verbessert. »Atomkraft ist vermeintlich günstig und CO2-frei«, sagt Mayer. Allerdings sei die Endlagerung nicht gelöst, die Technik somit nicht nachhaltig.

»Wir sind ein Unternehmen ohne Altlasten im Markt und müssen kein System rechtfertigen, auf das wir vor zwanzig, dreißig Jahren gesetzt haben«, ergänzt Filbert. Für umweltbewusste Kunden sei man dadurch »eine echte Alternative«.

Den bundesweiten Marktauftritt wolle man vorwiegend über das Internet kommunizieren. Zudem soll eine Vertriebskooperation mit sämtlichen Media-Markt-Filialen sowie weiteren Partnern über Kombiangebote Neukunden bringen: Käufer energieeffizienter Haushaltsgeräte erhalten einen Investitionszuschuss, wenn sie sich gleichzeitig für das Entega-Angebot entscheiden. Gute Absatzchancen vermutet Mayer vor allem in den Großstädten. »Wir sehen keinen Grund, warum wir das, was wir regional hinbekommen haben, nicht auch bundesweit schaffen sollten.«

Eine von Entega in Auftrag gegebene Forsa-Umfrage stützt die Niedrigpreis-Kampagne. Demnach sind zwar Dreiviertel der Bundesbürger überzeugt, dass jeder einzelne viel zu Klima- und Umweltschutz beitragen kann. Doch glauben nur 14%, dass der Verbraucher auch bereit ist, höhere Preise dafür zu bezahlen. Gleichzeitig ist die im Oktober 2008 vorgelegte Studie ein Beleg für die Wechselbereitschaft der Endverbraucher. Ein Viertel hat den Versorger bereits getauscht, von den übrigen können sich 45% vorstellen, diesen Schritt zu tun. <

Hans Forster

Erschienen in Ausgabe: 12/2008