Vollständige Trennung

Unbundling Als erste EVU führten die Stadtwerke in Schwerte und in Völklingen das 2-Mandanten-Modell der SIV.AG ein. Sie wickeln die Wechselprozesse zwischen Händlern und Lieferanten vollkommen identisch und diskriminierungsfrei ab – ganz nach den Vorstellungen der Bundesnetzagentur.

06. März 2008

Das neue Energiewirtschaftsgesetz verpflichtet die deutschen Energieversorger, die Bereiche Netz und Vertrieb zu trennen. Nachdem im vergangenen Jahr die festgelegten Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität (GPKE) umgesetzt werden mussten, steht den Unternehmen in diesem Jahr ein ähnliches Prozedere für die Gaswirtschaft bevor. Dabei ist klar definiert, dass die Prozesse zur Abwicklung des Lieferantenwechsels nach identischen Regeln, in einheitlichen Datenformaten und unter Gleichbehandlung eigener und fremder Lieferanten spätestens bis zum 1. Oktober 2009 sicherzustellen sind. Alle von diesem Grundsatz abweichenden Umsetzungsmodelle besitzen Auslaufcharakter.

Nur das 2-Mandanten-Modell, welches eine vollständige Trennung der Systembereiche Netz und Vertrieb vornimmt, erfüllt die Vorgaben der Bundesnetzagentur (BNetzA) und bietet entsprechende Rechts- und Investitionssicherheit. Eine Herausforderung für Multi- Utility-Unternehmen, denn die Allgemeinverfügungen BK 6 und BK 7, explizite Regelungen für den Strom- und Gasmarkt, betreffen das gesamte wirtschaftliche Handeln der Versorger. Viele von ihnen haben sich auf die veränderten rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eingestellt, ihr Geschäft neu ausgerichtet und das Portfolio neben der reinen Energieversorgung um neue Geschäftsbereiche erweitert. So auch die Stadtwerke in Schwerte und in Völklingen, die als erste Kunden der SIV. AG das 2-Mandanten-Modell anwenden.

Handeln im Spannungsfeld

Im Spannungsfeld von kosteneffizientem Handeln, nachhaltiger Bindung der Kunden und den Veränderungen am Energiemarkt haben die Stadtwerke Schwerte frühzeitig Synergien ihrer Multi-Utility- Strategie ausfindig gemacht. Der Infrastruktur- Dienstleister ist in den Geschäftsfeldern Strom, Gas und Wasser tätig und bietet auch die Triple-Play-Produkte Telefonie, Internetzugang über DSL sowie Kabel-TV an. Er baut momentan ein modernes Glasfasernetz (FiberTo-TheHome), um alle Schwerter Haushalte künftig an die Höchstgeschwindigkeitsdatenautobahn anzuschließen.

Als erstes Unternehmen besaßen die Stadtwerke Schwerte den Mut und die Weitsicht, die sich abzeichnenden Marktentwicklungen im regulierten Energiemarkt nicht nur anzuerkennen, sondern das von der Bundesnetzagentur präferierte 2-Mandanten-Modell umzusetzen. Dieses Vorhaben wurde mit der SIV.AG während der Einführung des Softwaresystems kVASy im vergangenen Jahr realisiert. Nach Einführung des Billing-, Finance- und CRM-Systems bildet der Versorger heute alle Vertriebs- und Netzprozesse der Sparten Strom und Gas zwar in einem IT-System, aber in zwei voneinander getrennten Systembereichen – den Mandanten – ab. Im Prinzip heißt das: Die Bereiche sind organisatorisch und IT-technisch getrennt, haben eingeschränkten Einblick auf die Netz- und Vertriebsdaten und arbeiten auf diese Weise wie in einer normalen (und von der BNetzA gewünschten) Kunden-Lieferanten- Beziehung. Alle nicht unbundlingpflichtigen Sparten wie Wasser, Telefonie, Internet und Kabel-TV werden unter Berücksichtigung individueller Spezifikationen ebenfalls im 2-Mandanten- Modell abgebildet.

»Nur so können wir unsere erfolgreiche Multi-Utility-Strategie aufrechterhalten und weiter verfolgen. Das Informations- und Datenmanagement und die kaufmännischen Prozesse funktionieren quasi im Hintergrund, strikt orientiert an gesetzlichen Vorschriften und buchhalterischen Gesichtspunkten und ohne negative Auswirkungen auf unsere Kunden «, sagt Gerhard Visser, Geschäftsführer der Stadtwerke Schwerte GmbH.

Man interpretiere die Aussagen der Bundesnetzagentur dahingehend, dass man nur mit dem 2-Mandanten-Modell unbundlingkonform handle. »Wir standen im vergangenen Jahr vor der Aufgabe, ein neues IT-System einzuführen. Diese Gelegenheit haben wir genutzt und unsere organisatorischen und informationstechnischen Prozesse im Einklang an die Regulierungsanforderungen ausgerichtet«, berichtet Visser.

Mit dem neuen Softwaresystem haben sich viele Prozesse beim Infrastruktur- Dienstleister spürbar beschleunigt: Beispielsweise die Anmeldung von Neukunden im CRM-System, das als Kommunikationsdrehscheibe zwischen Netz und Vertrieb viele automatisierte Prozesse integriert. Oder der Zugriff und die Verwertung von Informationen aus dem GIS- und Archivsystem oder der Telefonabrechnungssoftware durch die problemlose Anbindung von Fremdsystemen an kVASy.

Der Geschäftsführer der Stadtwerke Schwerte ist mit der Umstellung zufrieden: »Finanzwirtschaftlich betrachtet war unser Vorgehen absolut richtig. Die Investitionen in das Gesamtsystem inklusive 2-Mandanten-Modell entsprechen in etwa dem, was wir hätten leisten müssen, um unser Altsystem auf das Modell umzustellen.« Hinzu kämen die Prozess- und Kostenvorteile, die man jetzt mit einem stark automatisierten System erziele.

Erheblicher Kostenaufwand

Generell sei jedoch die Umsetzung der BNetzA-Vorgaben mit einem erheblichen, zusätzlichen Kosten- und Organisationsaufwand verbunden gewesen. »Letztlich haben wir eine grundsätzlich unbefriedigende Situation nur optimieren können.«

Auch die Stadtwerke Völklingen haben frühzeitig ihre Organisations- und ITProzesse an das sich verändernde Marktumfeld ausgerichtet. Im Zuge der Liberalisierung entwickelte man sich von einem klassischen Verkehrs- und Versorgungsunternehmen zu einer modernen Holding mit zwölf Gesellschaften. Das Kerngeschäft der Versorgung mit Strom, Gas, Wasser und Fernwärme hat die Unternehmensgruppe schrittweise um zukunftsfähige Geschäftsfelder ergänzt. Dazu gehören Nahverkehr, Stadtkernsanierung, die würdevolle Einäscherung von Verstorbenen, der Aufbau einer Meeresfischzucht- und Biogasanlage sowie die Finanzierung, Planung und der Bau von Wärme- und Kälteerzeugungsanlagen.

Seit 2005 setzen die Völklinger das mehrmandantenfähige IT-System kVASy der SIV.AG zur Abwicklung der kaufmännischen Prozesse ein. Nun realisierte der Versorger als erster Bestandskunde die gesellschaftsrechtliche Entflechtung der Netz- und Vertriebsprozesse auf IT-Ebene und stellte vom 2-Vertragsmodell auf das 2-Mandanten-Modell um.

Ziel. Fristgerechte Umsetzung

»Uns war wichtig, die Unternehmensdaten unserer Tochtergesellschaften, der Stadtwerke Völklingen Vertrieb GmbH und der Stadtwerke Völklingen Netz GmbH, zu trennen, im Sinne des Gesetzgebers die Unbundling-Richtlinien einzuhalten und diskriminierungsfrei und regelkonform zu arbeiten. Gleichzeitig wollten wir die gesetzlichen Anforderungen an den elektronischen Datenaustausch im Strom- und jetzt nachfolgend auch im Gasmarkt fristgerecht umsetzen «, sagt Ralph Altmeyer, Technischer Leiter des IT-Projektes der Stadtwerke Völklingen Holding GmbH.

Nach Einführung des 2-Mandanten-Modells werden die Geschäftsprozesse der Vertriebs- und Netztochtergesellschaften, ähnlich wie bei den Stadtwerken Schwerte, in einem Netz- und einem Vertriebsmandanten abgebildet. Alle Vorgänge der Kundenbetreuung werden zentral von der Holding im Kundenzentrum als Shared Service bearbeitet, sodass die Kunden die gesellschaftsrechtliche Entflechtung nicht wahrnehmen, aber wie gewohnt einen Ansprechpartner für ihre Belange haben und eine Rechnung über alle Medien hinweg erhalten.

Die Projektumsetzung selbst erfolgte nach dem systematischen, logisch durchdachten Umstellungsszenario der SIV.AG und mit Unterstützung des Beratungsunternehmens Concipion Consulting. Am Anfang mussten, neben Datenanalysen und -vorbereitungen, einige grundlegende Entscheidungen für das Gesamtkonzept getroffen werden wie eine Neustrukturierung der gesamten IT-Systemlandschaft oder der Umgang mit historischen Daten und Stammdaten. Der Versorger behielt das vorhandene kVASy-Schema als Netzmandanten, während die Vertriebsdaten in ein neues Schema weitestgehend automatisiert mit einem neu entwickelten Code-Runner migriert wurden.

Nach Implementierung des Testsystems, vielfältigen Funktionstests und Einweisung der Stadtwerke- Mitarbeiter in die neuen, regulierten Prozesse erfolgte die Umstellung auf das Echtsystem. In der Praxis werden nun alle Energiehändler wie die eigene Vertriebsgesellschaft diskriminierungsfrei behandelt. Alle Prozesse des Lieferantenwechsels laufen prozessidentisch und in einheitlichen Datenformaten ab. »Wir haben unser großes Vorhaben, diskriminierungsfrei und unbundlingkonform zu arbeiten, mit der Umstellung unserer IT-Prozesse endgültig erreicht«, berichtet Ralf Schmitt, kaufmännischer Leiter der Stadtwerke Völklingen Holding. Die Umstellung habe auch dazu beigetragen, alle Prozesse der Kundenbetreuung als Shared Service zentral in der Holding zu belassen. »Für die Kunden bleiben die Folgen der Umstellung transparent. Sie haben nach wie vor einen Ansprechpartner für alle Belange, Wünsche und Sorgen und erhalten wie gewohnt eine Rechnung über alle Medien hinweg «, erläutert Schmitt.

INTERVIEW

Dr. Ulrich Czubayko, SIV.AG - es: Was sind aus Ihrer Sicht die konkreten Vorteile des 2-Mandanten- Modells?

Wir empfehlen allen Energieversorgungsunternehmen, auf das 2-Mandanten- Modell umzustellen. Aus unserer Sicht ist das der einzige rechtssichere Weg und damit das investitionssicherste Vorgehen.

es: Wie unterscheiden sich die Umstellungsprozesse etwa in den Bereichen Netz, Abrechnung oder Metering?

In Hinblick auf unsere Applikation ist eine solche Trennung nicht erforderlich, da wir ein integriertes System haben. Für unsere Anwender werden sich in bestimmten Bereichen Arbeitsabläufe ändern. Unser System ist so konfiguriert, dass sich die aus der Umstellung resultierenden Geschäftsprozesse jeweils in einem der beiden Mandanten befinden. Angesichts der weitestgehenden Automatisierung aller mandantenübergreifenden Prozesse reduziert sich der Zeitaufwand auf ein möglichst geringes Maß.

es: Inwieweit unterscheiden sich hier die Prozesse für Strom und Gas?

Grundsätzlich laufen die Prozesse relativ analog ab. Dennoch gibt es im Gasbereich zusätzliche Randprozesse, die im Stromsektor so nicht zu verzeichnen sind. Hinzu kommt, dass der liberalisierte Gasmarkt erst langsam in Bewegung gerät und es dadurch noch kein eingeschliffenes Regelwerk wie im Strombereich gibt. Hier wird es im Zuge der Umsetzung des 2-Mandanten-Modells sicher tiefer greifende Veränderungen als im Strombereich geben. Die eigentliche Herausforderung liegt insbesondere darin, beide Sparten möglichst sinnvoll und kosteneffizient in eine einheitliche Prozesslandschaft zu integrieren.

es: Was sind Ihre Erkenntnisse aus den Projekten Schwerte und Völklingen?

Beide Projekte waren für uns Neuland und für alle Beteiligten entsprechend anspruchsvoll. Natürlich hat jeder Kunde ganz individuelle Vorstellungen, in welcher Form die Netz- und Vertriebsdaten voneinander getrennt werden. Der Vorteil unseres Lösungsmodells liegt darin, dass wir die Umstellung faktisch wie auf Knopfdruck vollziehen können.

es: Welche weiteren 2-Mandanten-Projekte haben Sie in Vorbereitung?

Wir planen bis Mitte nächsten Jahres, einen Großteil unserer Kunden auf das 2-Mandanten-Modell umzustellen. Eine Reihe von Anwendern wird wahrscheinlich nicht den Vertriebsbereich wie in Schwerte und Völklingen, sondern den Netzbetrieb auslagern. Hierfür können wir unser Vorgehensmodell bedarfsgerecht anpassen.

Erschienen in Ausgabe: 03/2008