Vom Leitsystem bis zum Feldgerät

AUTOMATION - Mit dem Kauf von VA Tech kommt auch die Automatisierungssparte VA Tech SAT zum Siemens-Konzern hinzu. Das Sortiment wird „ausgewogener und durchgängiger“.

10. Mai 2006

„Wir werden keine Lösung von heute auf morgen ankündigen“, sagt Dr. Armin Bruck, Leiter des Geschäftsgebiets Energy Automation bei Siemens Power Transmission and Distribution (PTD). Technologien aus beiden Häusern hätten im Markt ihre Berechtigung, so Bruck bei einem Pressegespräch in Berlin. „So oft sind wir im Wettbewerb ja gar nicht aufeinander getroffen.“ Für die Stations-Automatisierung etwa stehen mit SAT 1703AK und dem siemenseigenen Sicam Pas zwei Lösungen nebeneinander.

Letztere arbeitet nach dem internationalen Standard IEC 61970, was die Integration in bestehende IT-Landschaften erleichtert und Einsparungen etwa bei der Systemadministration und Datenpflege bringen soll - gerade bei der Standardisierung sieht sich Siemens als „Trendsetter und Treiber“. Gleichwohl werde man beide Technologien weiterverfolgen und erst „mittelfristig im Bereich Bedienoberfläche, Engineering und Automatisierungsfunktionalität zusammenführen“.

Auch in der Schutztechnik will Siemens an der SAT-Lösung Reyrolle festhalten, obwohl diese speziell in Sachen Standardisierung den Überstromzeitschutz- und Distanzschutzgeräten der Siprotec-Reihe von Siemens hinterherhinkt. Mit einer „Dual-brand-Strategie“ könne man den Gesamtmarkt besser abdecken, erklärt Bruck.

„Es gibt Kunden, die sagen, ein bisschen kleiner tut’s auch.“ Vor allem in den Ländern des Commonwealth sowie im Nahen und Mittleren Osten würden die Reyrolle- Produkte im Markt gut akzeptiert. Im britischen Hebburn, wo die Schutzgeräte hergestellt werden, kann man also erstmal aufatmen. Das Werk mit seinen 160 Mitarbeitern stehe nicht zur Disposition.

Zuwächse v.?a. in Asien

Die Planungen über den gesamten Personalbestand der Energy Automation sind indes noch nicht abgeschlossen, wie Bruck erläutert. Immerhin als „gute Nachricht“ sei zu werten, dass das Geschäft als ausbaufähig betrachtet wird. Weltweit erwartet Siemens für die nächsten Jahre eine Wachstumsrate von knapp 3 %, die das Marktvolumen in der Energy Automation von heute rund 3,8 Mrd. € auf 4,5 Mrd. € im Jahr 2010 anschwellen lasse. „Besonders in den vergangenen Monaten haben wir ein verstärktes weltweites Wachstum verzeichnen können.“ Die größten Zuwachsraten erziele der asiatisch-pazifische Raum. Gute Perspektiven sieht das Unternehmen aber auch in Osteuropa, wo insbesondere VA Tech SAT vertrieblich breit aufgestellt sei.

Sich selbst verortet Siemens in einer „Spitzenstellung“ bei den Automatisierungslösungen für die Energiewirtschaft, die sogar noch ausbaufähig sei. Zahlen untermauern den Führungsanspruch.

Vor allem hat die Übernahme des österreichischen VAT-Tech-Konzerns im vergangenen Jahr einen deutlichen Sprung nach vorn gebracht: Der mittlere Marktanteil bei Produkten, Systemen und Komplettlösungen zur Überwachung, Steuerung und zum Schutz in Energieübertragung und -verteilung kletterte mit der Hereinnahme der VA Tech SAT von 17 auf 21 %. Den Abstand zu den Mitbewerbern - der nächstgrößte, ABB, erreicht nach Siemens-Angaben bei der Schutztechnik 17 % und in der Leittechnik 13 % - werde man weiter ausbauen, gibt sich Bruck zuversichtlich. Mittelfristig würden 30 % Marktanteil angepeilt.

Weltweit zählt das Unternehmen inzwischen 3.500 Mitarbeiter. Den Integrationsprozess werde man zum Ende des laufenden Geschäftsjahres abgeschlossen haben, also bis 30. September. Als Herausforderung gilt unter anderem die Abtrennung des Teilgeschäfts Wasserkraft aus einer „sehr vermaschten Struktur“: Das SAT-Geschäft gehörte zu 50 % der VA Tech Hydro, die gemäß einer Auflage der EU-Kommission zum Verkauf steht - Verhandlungen werden mit dem österreichischen Anlagenbauer Andritz AG geführt.

Pralle Auftragsbücher

In der Fertigung stelle sich die Frage, ob nicht ein Teil der SAT-Geräte künftig von Siemens selbst hergestellt werden sollte. VAT Tech hatte diese Aktivitäten outgesourct. Im Berliner Siemens-Werk kann man sich derzeit über mangelnden Auftragseingang allerdings nicht beklagen. Im Gegenteil: „Die Fertigung platzt gerade aus allen Nähten“, so Bruck. Energy Automation beliefert von Berlin aus „die komplette Welt“ - mit einer Ausnahme: China. Um Schutzzölle zu umgehen, wurde 2004 in Nanjing eine weitere Fertigungsstätte eingerichtet.

Mit langem Atem

Die Siemens Energy Automation hat ihren bisher größten Auftrag unlängst in Libyen akquiriert. Der staatliche Stromversorger Gecol bestellte zehn Netzleitstellen. Auftragsvolumen: rund 200 Mio. €. Gecol kann damit besser auf Störfälle reagieren. Siemens brauchte dafür „einen langen Atem“, wie Dr. Armin Bruck berichtet. Bis das Geschäft in trockenen Tüchern war, seien sieben Jahre vergangen.

Erschienen in Ausgabe: 05/2006