Vom Wärmeatlas zum Bio-Kraftwerk

Nahwärme

Konzept - Als erstes Bundesland hat Baden-Württemberg ein Erneuerbare-Wärme-Gesetz erlassen. Mit der Initiative Nahwärme sollen EVU punktgenaue Analysen und Szenarien zur Wärmeversorgung durch Eigenerzeugung erhalten.

08. September 2009

Konkrete Schwerpunkte der Initiative sind, neben dem Aufbau eines Wärmeatlasses, die Berechnung von Szenarien zur Wirtschaftlichkeit von Nahwärme und anderen Energiekonzepten sowie Konzeptionierung und Bau von Pilotprojekten im Bereich Nahwärme mit Ermittlung von potenziellen Standorten für Heizkraftwerke (HKW).

Die Initiative Nahwärme liefert den Stadtwerken die notwendigen Berechnungen und Analysen, und identifiziert potenzielle wirtschaftliche Nahwärmegebiete. Die Werkzeuge dazu gehen danach an die Stadtwerke und das Umweltministerium zur weiteren Multiplikation über. »Wir wollen die Stadtwerke als unverzichtbare Partner bei der Umsetzung der energie- und klimapolitischen Ziele des Landes stärken«, betont die Umweltministerin von Baden-Württemberg Tanja Gönner.

Neben dem Ministerium fungieren als weitere Träger der Initiative der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) sowie der Städtetag Baden-Württemberg.

Das südwestliche Bundesland hat 2008 mit dem Erneuerbare-Wärme-Gesetz eine Vorreiterrolle übernommen, der Bund erließ eine entsprechende Regelung erst ein Jahr später. Mit dem EWärmeG-BW wird eine Nutzungspflicht für erneuerbare Energien in Wohngebäuden geschaffen. Ab 2010 gilt das Gesetz auch für den Gebäudebestand. Eine Möglichkeit zur Erfüllung der Anforderungen besteht im Anschluss an ein mit erneuerbaren Energien gespeistes Nahwärmenetz.

»Der Ausbau von Erzeugungskapazitäten steht derzeit sicher nicht an erster Stelle bei kleinen und mittleren EVU, zu sehr ist man befasst mit den Herausforderungen des Tagesgeschäfts bei Beschaffung, Weiterentwicklung der IT oder Smart Metering«, sagt Erich Monhart, Partner der K.Group. Dabei sei absehbar, dass der politische Druck und die Förderinstrumente zu einem signifikanten Ausbau der dezentralen und regenerativen Erzeugung führen werden, so Monhart: »Der Kuchen wird heute verteilt.«

Wirtschaftlichkeit prüfen

Die Unternehmensberatung K.Group entwickelte die Projektidee und mobilisierte die teilnehmenden Stadtwerke sowie die unterstützenden Verbände, zu denen auch die KEA Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg GmbH und die Fernwärmegesellschaft Baden-Württemberg mbH zählen.

Laut Experte Monhart bringt das Projekt Know-how, Werkzeuge und Erfahrungen ein, die neben den ökologischen Zielen auch die Wirtschaftlichkeit dieser kapitalintensiven Vorhaben prüfen und optimieren. »Wir unterstützen das Projekt in allen erforderlichen Aufgabenstellungen. Dazu bringen wir Stadtplaner, Betriebswirte und Ingenieure ein«, erläutert Projektleiter Michael König.

Partner wie die KEA werden zu einzelnen Arbeitspaketen hinzugezogen. Die Stadtwerke ergänzen die Analysedaten und die Wirtschaftlichkeitsberechnungen durch lokale Kenntnisse, wie anstehende Sanierungen oder die Altersstruktur der bestehenden Wärmeversorgungsanlagen. Bisher nehmen folgende EVU an der Initiative teil: Stadtwerke Schwäbisch Gmünd, Stadtwerke Bretten, Stadtwerke Waldkirch, Stadtwerk Tauberfranken, Stadtwerke Altensteig, Stadtwerke Villingen-Schwenningen und Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm.

Bei nahezu allen Teilnehmern ist nach Abstimmung der jeweiligen Wärmestrategie die Phase I, also die Zusammenführung der Daten aus den Geoinformationssystemen (GIS) und der Verbrauchsdaten abgeschlossen. Dies gilt auch für die Die Erstellung der Wärmeatlanten und der Gaskarten. Für einzelne Stadtwerke werden bereits in der Phase II neue Wärmeinseln wirtschaftlich hochgerechnet. So lassen sich Kostenvergleiche zu konkurrierenden Wärmesystemen erstellen. Die Rückkopplung mit den Stadtwerken erfolgt etwa alle fünf bis sechs Wochen.

Wie Projektleiter König berichtet, erfordert das Zusammenführen verschiedenster Verbrauchsdaten mit den GIS-Grundkarten viel Aufwand. »Unterschiedliche Datenformate erschweren die Zuordnung der Daten aus verschiedenen Quellen. Die Daten müssen in der Regel erst bereinigt werden«, erläutert König. Dafür ließen sich – nach dieser schwierige Phase – alle erdenklichen Wirtschaftlichkeitsszenarien und verschiedene Standorte durchspielen.

Oft fehlende Ausgangsdaten

»Ein Wärmeatlas kann nur so gut werden wie die Ausgangs-Daten sind«, beklagt König. So seien häufig fehlende Gebäude nachgepflegt worden. Teilweise liegen auch keine Stockwerksangaben zu den Gebäuden vor, sodass diese ergänzt werden müssen. Auch eine zeitliche Komponente zum Wärmebedarf eines Gebäudes – die Jahresdauerlinie – zeigt ein Atlas nicht. Diese wird den potenziellen Wärmeinseln in der Wirtschaftlichkeitsberechnung hinterlegt.

Prinzipiell gelte, so der Projektleiter, dass die Kooperationsinitiative die Stadtwerke so weit wie möglich entlastet, um deren Personal nicht zusätzlich zum erforderlichen Tagesgeschäft zu belasten.

Da Teilnehmer flexibel hinzukommen können, gibt es keinen für alle verbindlichen Zeitplan. Je nach Größe, Strategie und Vorarbeiten der teilnehmenden Stadtwerke dauert das Vorhaben zwischen sechs und zwölf Monaten. Spätestens nach etwa einem halben Jahr sollten aber die prinzipiell möglichen Standorte detailliert wirtschaftlich untersucht sein. »Dann kann entschieden werden, ob man die technische Planung und Ausschreibung angeht, also in die Realisierung eintritt«, erläutert König. In Bad Mergentheim, Waldkirch, Altensteig, Schwäbisch Gmünd und Bretten soll dies bereits im Herbst dieses Jahres so weit sein.

Konkret prüft man derzeit elf potenzielle Wärmeinseln bei den Teilnehmer-Stadtwerken, also etwa ein bis zwei pro EVU. In den anderen Städten rechnet König mit ähnlichen Größenordnungen. Bad Mergentheim möchte ein zentrales großes Biomasseheizkraftwerk errichten, welches viele kleine Gas- und Öl-Heizungen ersetzen soll.

»Die Wirtschaftlichkeit von KWK-Anlagen steht und fällt mit der Nutzbarkeit von Wärme im Sommer«, sagt Erich Monhart von der K.Group. Der Grad von wettbewerbsfähigen Gestehungskosten hin zu negativen Deckungsbeiträgen ist hier oft sehr schmal. Umso wichtiger ist es, alle verfügbaren Informationen zusammenzutragen. Leider seien auch hier die erforderlichen Daten in der Praxis kaum zusammengeführt.

Im Projekt werden diese Datenbanken, die heute auf Stadtwerke, die Kommunen oder auch die Schornsteinfeger verteilt sind, integriert. Dadurch entsteht eine deutlich bessere Analysetiefe. »Die daraus resultierenden Wärmeatlanten zeigen dann sehr genau, wo Wärmesenken in welcher Ausprägung zu finden sind. Zudem können wichtige Größen wie etwa Netztrassen szenarisiert und im Hinblick auf erforderliche Investitionen und Erlösrückflüsse dargestellt werden«, erläutert König.

Allerdings sind viele Nahwärmeprojekte in der Vergangenheit gescheitert. Monhart sieht hier eine Grundproblematik: »Die Investitionskosten sind hoch, wenn dann Erlöse sich zeitlich verzögern oder niedriger ausfallen als geplant, können die Kapitalkosten schnell nicht mehr gedeckt werden.« Das passiere häufig, da Wärmebedarfe vom Status-quo abgeleitet, also zu hoch prognostiziert würden oder Wärme erst viel später abgenommen werde als geplant – etwa durch Verzögerung von Bauprojekten.

Systematik für Risiken

Bei Biomasseprojekten kommen häufig Risiken aus der Brennstoffbeschaffung hinzu. »Wir haben die wesentlichen Risiken und Stellhebel identifiziert und in einer Planungssystematik abgebildet. Dabei legen wir, anders als viele Anlagenplaner, großen Wert darauf, nicht nur das Projekt isoliert zu betrachten, sondern die mittelfristigen Auswirkungen auf die Infrastruktur der EVU mit zu betrachten«, berichtet Monhart. Nur unter übergreifender Einbeziehung von Investitionen und Erlösen, etwa im oftmals mit Wärme konkurrierenden Gasgeschäft, könne man belastbare Aussagen zur Rentabilität der Projekte treffen.

Eine Schwierigkeit liegt laut Monhart auch in der Ausgestaltung des KWK-Gesetzes, das in der Regel zu einem wärmegeführten Betrieb führt, sodass in den Sommermonaten auch die Erlöspotenziale aus der Stromerzeugung nicht ausgeschöpft würden. Das neue EEG biete hier größere Freiräume. Monhart sieht hier Potenziale: »Die daraus resultierenden Chancen können auch von Stadtwerken noch stärker genutzt werden.« (mn) <

www.nahwaerme-bw.de, www.kgroup.de

Erschienen in Ausgabe: 09/2009