Von Anwender zu Anwender

Ruhrgas AG bietet Industriebetrieben Dienstleistungen an

Um den Transport und die Lieferung von Erdgas sicherzustellen, unternehmen Gasversorger erhebliche Anstrengungen. Viele der Lösungen „rund um das Kerngeschäft“ lassen sich auch in anderen Branchen sinnvoll einsetzen. So werden aus Anwendungen für die Gaswirtschaft interessante Produkte für andere Industriezweige.

05. August 2003

Unternehmen wie die Ruhrgas AG in Essen sind immer auf der Suche, um Prozesse günstiger, besser oder schneller zu gestalten. Meist ist der eigene Vorteil Motor der neuen Entwicklungen, doch viele Produkte der Ruhrgas-Ideenschmiede können auch in anderen Branchen von Nutzen sein.

Ein Beispiel: Korrosionsschutz ist für Gasversorger extrem wichtig. Und wer ein so großes Leitungsnetz wie die Ruhrgas betreibt (es umfasst etwa 11.000 km bundesweit), will sich nur auf die besten und effektivsten Methoden verlassen. Doch auch Wasserrohre, Ölpipelines und weitere Rohrnetze verlangen Schutz vor Korrosion. Den Betreibern solcher Infrastrukturen bietet die Ruhrgas AG Korrosionsschutz als Produkt an. Jan Eibe Kätelhön, Abteilungsleiter Dienstleistungen bei der Ruhrgas, macht klar: „Die von uns angebotenen Services haben sich allesamt im eigenen Haus bewährt und wurden aus eigenem Interesse entwickelt.“

Kätelhön unterscheidet drei Typen von Dienstleistungen. Da sind zunächst die Services, die direkt mit der Wartung des Gasnetzes und den dazugehörenden Mess- und Regelstationen zusammenhängen. Diese Dienste bietet der Essener Erdgasspezialist auch der Industrie an. „Und das unabhängig von der Gaslieferung“, versichert Kätelhön.

Die zweite Art von Dienstleistungen ist prozessbezogen. Hier berät die Ruhrgas Industriebetriebe unterschiedlicher Branchen hinsichtlich des Energieeinsatzes und zeigt, wo Erdgas Vorteile gegenüber anderen Energien bietet. Eric Zizow, Abteilungsleiter Anwendungstechnik, nennt den Einsatz von Erdgas bei der Trocknung von Kunststoffen als Beispiel. „Hier kann der Kunde oft richtig viel Geld sparen!“ In der Kunststoffverarbeitung bietet sich noch eine weitere Möglichkeit: Das Beheizen von Extrudern mit Erdgas. Bislang boten die Maschinenbauer typischerweise Stromheizungen in ihren Extrudern an, doch gemeinsam mit dem Anlagenbauer Wema entwickelte Ruhrgas ein System, bei dem das Erdgas seine Vorzüge ausspielen kann. „Das Reduzieren des Energieverbrauchs bietet in industriellen Prozessen wie der Kunststoffverarbeitung oft ein enormes Einsparpotenzial, weil die Anlagen meist rund um die Uhr laufen“, verdeutlicht Zizow.

Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Die Ruhrgas AG versucht sich nicht als Maschinenbauer. Die Extruder beispielsweise werden von der Wema GmbH auf den Markt gebracht. Bei den letztgenannten Beispielen ist vielmehr der mit den neuen Techniken verbundene Erdgasabsatz für die Gaswirtschaft attraktiv, die sich bemüht, neue Anwendungsfelder für „ihren“ Energieträger zu eröffnen. Der Grund sind die rückläufigen Absatzzahlen auf dem Wärmemarkt. Immer sparsamere Häuser benötigen immer weniger Erdgas zum Heizen. Eine Kompensation durch Neubauten ist heute nicht mehr möglich, denn schon jetzt werden rund drei Viertel aller neuen Wohnungen mit Erdgas beheizt - ein Wert, der in Zukunft kaum zu übertreffen sein wird.

Neue Erdgasanwendungen in Haushalten (die 49 % des Erdgases in Deutschland beziehen) und in der Industrie (die ein Viertel des Erdgases verbraucht), sollen die Absatzzahlen stabilisieren. In Zweck und Produktionsgebäuden könnten beispielsweise gasmotorische Klimaanlagen Einzug halten. Solche Geräte sind hierzulande noch nicht sehr verbreitet - mit Strom betriebene Kältekompressoren sind der Standard. Neue Chancen bietet auch der Privatkundenmarkt: Unter anderem könnten eine Renaissance des Gasherds oder auch das Erdgasfahrzeug zu einem Mehrverbrauch an Gas führen.

Aber nicht immer verdrängt Erdgas eine andere Energie wie etwa Strom oder Erdölderivate. Oft beraten die Ingenieure der Ruhrgas beim effektiven - und damit sparsameren - Einsatz von Erdgas in Kesselanlagen und Kraftwerken und intensivieren so den Kontakt zwischen Kunde und seinem Gasversorger. Auch kleine technische Finessen steigern die Zufriedenheit der Gasanwender. Mit dem Methanzahl-Controller zum Beispiel lassen sich Gasmotoren auch bei schwankendem Methangehalt zuverlässig und ohne Klopfer betreiben. So beugen Betreiber schädlichen Betriebszuständen vor.

Doch nun zur dritten Gruppe der Dienstleistungen. Kätelhön nennt sie die „mit dem Erdgasgeschäft verwandten Services“. Zu ihnen zählt er unter anderem den eingangs erwähnten Korrosionsschutz oder das Vermarkten von GIS-Dienstleistungen. GIS steht für Geografische Informationssysteme - und mit derartigen Systemen hat Ruhrgas reichlich Erfahrung. Immerhin möchte der Netzbetreiber über Lage und Zustand seiner Leitungen immer informiert sein und betreibt dazu eine der umfassendsten GIS-Lösungen der Branche. Das in der Praxis erworbene GIS-Know-how vermarktet der Essener Energiekonzern über die Tochtergesellschaft PLEdoc. Dieses Unternehmen hilft unter anderem bei der Einführung von GIS-Lösungen. Es generiert aber auch andere IT-Produkte wie zum Beispiel den „Knopf“. Damit ist eine Schaltfläche in Softwareanwendungen gemeint, die den direkten Zugriff auf im Internet verfügbares Bild- und Kartenmaterial erlaubt. Praktisch ist diese Lösung besonders für Bauunternehmer oder Architekten, die Informationen über die Lage von (Erdgas-)Leitungen einholen müssen.

Mit Geodaten hat auch der ascos Positionierungsservice zu tun. Hierbei handelt es sich um eine Verbesserung von satellitengestützen Postitionierungssystemen wie das amerikanische GPS (Global Positioning System) und das russische GLONASS, die Ruhrgas einsetzt, um das Einmessen der eigenen Leitungen zu verfeinern und zu beschleunigen. Dieses System bezieht seine Informationen aus GPS-Signalen und verfeinert die Lagebestimmung anhand eines Netzes von Referenzstationen. Vorteil für die Ruhrgas: Sie kann nun Leitungen leicht einmessen oder gezielt mit dem Hubschrauber abfliegen, um per Laser die Dichtheit zu prüfen. Das Abfliegen ist übrigens auch für andere Branchen interessant, zum Beispiel für die Holzindustrie und die Forstwirtschaft, denn vom Hubschrauber aus lassen sich mit der geeigneten Ausstattung leicht Baumstrukturen erkennen. So können Anwender den Baumbestand schnell und effizient inspizieren oder gar Informationen über den Zustand der Bäume erhalten. Hierzu gibt es ein gemeinsames Projekt mit der Uni Freiburg.

Nützlich könnte ascos auch beim Straßenbau (Baggerpositionierung) oder für Vermessungsbehörden sein. Dass die Lösung ein hohes Vermarktungspotenzial besitzt, belegt die Private Public Partnership von ascos und Sapos. Bald schon soll ein bundesweites Netz an Referenzstationen zur Verfügung stehen, um die hochgenaue Positionierung in ganz Deutschland zu vermarkten. Schon heute ist ein Großteil der Bundesrepublik mit ascos-Stationen vernetzt.

Kätelhön betont, dass selbst bei Anwendungen wie der ascos-Positionierung oder der GIS-Implementation reichlich Erfahrung dahinter stehe - auch wenn sie für einen Gasversorger auf den ersten Blick sehr exotisch wirken. Der Kunde dürfe ruhig Vertrauen in die Lösungen mitbringen: „Wir vermarkten Produkte nicht um des Produktes willen. Wir bieten nur Lösungen an, die wir selbst erfolgreich anwenden.“

Erschienen in Ausgabe: 06/2003