Von der Hand in den Mund - bis zum Netzkollaps?

Markt

Erneuerbare - Die fluktuierende Erzeugung lässt Speicherkonzepte immer dringlicher werden. Ein Umdenken hat eingesetzt, doch in Politik und Wirtschaft findet das Thema noch zu wenig Beachtung.

25. Januar 2012

»Die Speicherung von Energie ist der Schlüssel zur künftigen Nutzung regenerativer Quellen – und somit entscheidend für das Gelingen der eingeleiteten Energiewende«, erklärte Irm Scheer-Pontenagel, Geschäftsführerin von Eurosolar, die in Kooperation mit der EnergieAgentur.NRW und weiterer Unterstützer Gastgeber der International Renewable Energy Storage Conference (IRES) Ende 2011 war.

Die sechste Auflage des Forums rund um die Speichertechnologien von Morgen machte mit 600 Teilnehmern aus der ganzen Welt die Veranstaltung inzwischen zum weltweit größten Branchentreffen. Also eine Erfolgsgeschichte für die Speichertechnik und Eurosolar?

»Wenn alle Beteiligten bereits vor zehn Jahren die Probleme fehlender Speichertechniken erkannt hätten, dann ja«, stellt Scheer-Pontenagel fest. »Wenn wir auch in den letzten Jahren eine erhöhte Aufmerksamkeit für diese Frage erreicht haben, scheint die Dringlichkeit noch nicht bei allen angekommen zu sein.«

Die Technik der Erneuerbaren hat sich in den letzten Jahren im Bereich Effizienz und Leistungsgrad ständig verbessert. Der zunehmende Anteil der Netzeinspeisung durch Dach-Photovoltaik mit mittleren Größen um 5kWp sorgt im Niederspannungsnetz vor allem im süddeutschen Raum punktuell zu hohen Netzbelastungen.

Folge: Durch fehlende Speicherkonzepte stehen Energieverluste, verursacht durch Einspeisestopp und Netzdrosselungen, heute auf der Tagesordnung. Neue Trends aus Wasserkraft oder Energy-Harvesting werden künftig die Situation im Netz weiter anheizen. Erreichen diese neuen Techniken zwar erst mittel- bis langfristig bedeutende Marktanteile, müssen bei der fluktuierenden Energieerzeugung Speichertechnikkonzepte in naher Zukunft greifen.

»Mit dem Zuwachs fluktuierender Stromerzeuger mit den insgesamt inzwischen fast 50 Gigawatt installierter Leistung in Windkraft- und Photovoltaikanlagen stoßen die klassischen Stromversorgungsstrukturen an ihre Grenzen«, so der wissenschaftliche Konferenzleiter Professor Dirk Uwe Sauer von der RWTH Aachen.

Optimaler Mix gefragt

Wenig Aufmerksamkeit bekomme bislang das Verteilnetz, also Nieder- und Mittelspannung, das vor allem durch den rasanten Ausbau der PV punktuell an die Auslastungsgrenzen gerate. »Im Wesentlichen können diese Probleme durch verschiedene Maßnahmen gelöst werden, zu denen Netzausbau, Smart Grid-Technologien und hier besonders der Einsatz intelligenter Ortsnetzstationen und von Demand-Side-Management sowie der Einsatz von Speichern gehören«, stellt er fest. »Dabei geht es nicht um Entweder-Oder, sondern um einen optimalen Mix verschiedener Maßnahmen.«

Speicher sind in der Vergangenheit in den Betrachtungen deutlich zu kurz gekommen. Noch 2010 hat das von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Gutachten zu verschiedenen Szenarien der Energieversorgung bis 2050 Speicher als Element der Gesamtsystemoptimierung –

abgesehen von existierenden Pumpspeicherkraftwerken – ignoriert.

Projekte geplant

»Inzwischen ist das Thema Speicher aber in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft angekommen und neben verschiedenen laufenden Programmen haben die Bundesministerien BMBF, BMU und BMWi ein 200-Millionen-Euro-Förderprogramm für die Entwicklung und Demonstration von Speichertechnologien aufgelegt, deren Projekte etwa Mitte 2012 beginnen werden«, so Dirk Uwe Sauer weiter. Die vorhandenen Rahmenbedingungen für Speicher genügen nach Meinung von Martin Altrock von der Kanzlei Becker Büttner Held jedoch nicht, um die Energiewende zu meistern: »Zwar sind im EEG 2012 erste Anreize bei der Integration von Speichertechnik vorgesehen. Diese reichen jedoch nicht aus, um die gesteckten Ziele der Energiewende sowie die Anforderung an höhere Netzstabilität zu erreichen.«

Hier solle das EEG einen noch verbesserten Rechtsrahmen für Speichertechnik schaffen. In Bezug auf die zukünftig auch erforderliche Langzeitspeicherung etwa von überschüssigem Windstrom ist eine Umwandlung in Gas, wie Wasserstoff oder Methan und Einspeisung in das vorhandene Gasnetz und dessen Speicher am erfolgversprechendsten. »Über ein EEGasG ließe sich dies verlässlich und mit überschaubarem volkswirtschaftlichen und administrativen Aufwand umsetzen«, sieht er beim novellierten EEG noch Verbesserungsbedarf.

Uwe Manzke

Erschienen in Ausgabe: 01/2012