Von der Kostenstelle zum Profitcenter

Vattenfall Europe Contracting senkt Energiekosten in der Industrie

Die Energieversorgung ist ein gewaltiger Kostenblock bei der industriellen Produktion. Contracting hilft Unternehmen, Kosten zu senken und das Energiemanagement effizienter zu betreiben. Die Continental AG, Reifenhersteller und Hi-Tech Zulieferer für die Kfz-Industrie, hat damit gute Erfahrungen gemacht und dieses Modell an ihrem Werksstandort Hannover-Stöcken eingeführt.

04. September 2003

Das produzierende Großgewerbe kämpft mit einem Problem. Die Energieanlagen sind in der Regel veraltet; sie stammen zum Teil noch aus den 70er Jahren und sind teilweise sogar noch älter. Im Durchschnitt haben diese Anlagen eine Nutzungsdauer von etwa 25 bis 30 Jahren. Da eigenständige Reparaturen am Budget nagen, werden längst überfällige Ersatzmaßnahmen und Modernisierungen häufig zu Gunsten des Kerngeschäftes hinausgezögert. Dies geht zu Lasten der Effizienz und damit letztendlich der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Doch es geht auch anders. Die Continental AG hat einen Weg gefunden, wie sie ihr Energiemanagement am neuesten Stand der Technik ausrichten kann und darüber hinaus ohne zusätzlichen Finanzbedarf auskommt. Das Schlüsselwort heißt „Contracting“.

Continental hat den Hamburger Dienstleister Vattenfall Europe Contracting GmbH (vormals HEWContract) mit dem Betrieb der energieversorgungstechnischen Einrichtungen beauftragt. Vattenfall Europe Contracting verantwortet die gesamten Energiezentralen und regelt die Versorgung für den Standort in eigener Regie. Zu diesem Zweck erwarb der Energiedienstleister die alten Versorgungsanlagen nebst der Leitungsnetze und investierte in deren Modernisierung. Der Contractor garantiert vorher festgelegte Einsparergebnisse und hat deshalb ein starkes Interesse daran, dass die eingesetzte Technik dem Stand der Zeit entspricht und eine hohe Verfügbarkeit gewährleistet. Dieses Verfahren ist für die Continental AG mit keinem zusätzlichen Kapitaleinsatz verbunden. Im Gegenteil, das Gesamtbudget wurde verringert, weil Vattenfall Europe Contracting sofort eine pauschale Senkung der Betriebskosten garantierte. Die Hamburger refinanzieren sich hingegen vielmehr über die Differenz zwischen garantierten und realisierten Einsparungen.

Hohe Anforderungen an Contractoren„Unserer Entscheidung für Contracting vorausgegangen war eine gemeinsam mit dem Energiedienstleister erstellte Machbarkeitsstudie“, sagt Hannes Friederichsen, Werksleiter bei der Continental AG. „Wir haben uns bei der Umsetzung letztendlich für Vattenfall Europe Contracting entschieden, weil nur dieser Anbieter unsere gesamten Anforderungen erfüllen konnte.“ Dabei legte der Reifenhersteller sein Augenmerk vor allem auf zwei Bereiche. Zum einen galt es, eine beträchtliche Verringerung der benötigten Energiemengen zu erreichen; hierbei kam es auch darauf an, die Energielieferung flexibler zu gestalten. Zum anderen sollte die Versorgungszuverlässigkeit erhöht werden und eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung über das ganze Jahr gewährleistet sein.

Betriebsgesellschaft übernimmt Anlagen

In einem ersten Schritt gründete Vattenfall Europe Contracting eine selbstständige Betriebsgesellschaft. Diese hat ihre Betriebsstätte auf dem Werksgelände der Continental und übernahm alle 28 Mitarbeiter, die sich bislang im Dienst der Continental um die Medienversorgung kümmerten. Die Betriebsgesellschaft unterhält die gesamte Infrastruktur - mit Ausnahme der Gebäude - und trägt die Verantwortung für die Betriebsergebnisse. Der Vertrag zwischen den Partnern sieht zudem vor, dass ein großer Teil der Anlagen in das Eigentum der Betriebsgesellschaft übergehen und mit diesen auch andere Betriebe mit Medien und Dienstleistungen versorgt werden können. Entsprechende Verträge wurden mittlerweile mit benachbarten Unternehmen abgeschlossen.

Die Herstellung von Autoreifen ist extrem energieintensiv und erfordert eine Vielzahl von Medien. Konkret benötigt Continental dafür Dampf, Strom, Druckluft, Vakuum, Kühlwasser, Heißwasser, Wasser und Abwasser, Druckwasser bis 300 bar sowie Sondergase. Zugleich muss gewährleistet sein, dass diese Medien „just in time“ zur Verfügung stehen. Die Produktion erfolgt rund um die Uhr. Von besonderer Bedeutung ist beispielsweise die Bereitstellung von Kühlwasser. Als die Hamburger zum ersten Mal das Werksgelände inspizierten, wurde das zugeführte Kühlwasser nach Gebrauch entsorgt. Um hier größere Einspareffekte zu schaffen, baute Vattenfall Europe Contracting insgesamt vier Kühltürme mit integriertem Rückführsystem. Das zurückgeführte erwärmte Wasser wird in zwei Wasserbecken mit einer Kapazität von je 2000 m³ gesammelt und durch ein Bypass-Filtrations-System gereinigt. Zudem kommen vier Sprühpumpen für die Kühltürme und drei energiesparende, drehzahlgeregelte Netzpumpen mit je 300m³/h plus einer Reservepumpe zum Einsatz, die das Wasser - dem jeweiligen Bedarf der Produktion angepasst - zu den Verbrauchern transportieren. Durch die so erzielte Wiederverwertung des Kühlwassers ergeben sich jährliche Einsparungen von zirka 1,2 Mio. m³ Wasser sowie zusätzliche Stromeinsparungen.

Ein anderer Maßnahmenblock betrifft die Lieferung von Druckluft. Hier wollen die Hamburger als Ersatz für eine Vielzahl von Schraubenkompressoren einen Turboverdichter mit einer Kapazität von 8.500 m³/h installieren und die Versorgung weiter mit einer übergeordneten Steuerung optimieren. Durch diese Maßnahmen sollen der jährliche Stromverbrauch und die Betriebskosten erheblich gesenkt werden. Ergänzt werden die Arbeiten durch die Installation einer Leittechnik. Diese macht es dann möglich, von einem zentralen Kontrollraum aus die individuellen Betriebs- und Verbrauchdaten zu erfassen und bei Bedarf auf Abweichungen und Störungen zeitnah zu reagieren.

Eine Reihe weiterer kleinerer Modernisierungsmaßnahmen an einzelnen Anlagenteilen runden das Gesamtkonzept ab. Inzwischen konnte die Versorgungssicherheit bei allen Medien auf einen Wert von 99,8% und mehr gesteigert und damit ein nahezu störungsfreier Betrieb erreicht werden.

Eine Lösung, von der beide Seiten profitieren

Obgleich Contracting kein neues Konzept ist, ist sein Beitrag für ein effizienteres Energiemanagement noch relativ unbekannt. Deshalb räumen Experten diesem Modell gewaltiges Potential ein. So rechnet beispielsweise die Unternehmensberatung Frost & Sullivan in Europa mit jährlichen Zuwächsen von 15%. „Die mit Contracting zu erzielenden Einsparungen sind enorm“, sagt Christian Abrams, Leiter Betrieb und Technik bei Vattenfall Europe Contracting. „Ein externer Experte, dessen Kerngeschäft die Energie- und Medienversorgung ist, hat einfach das größere Know-how. In Zeiten, in denen Spezialisierung immer wichtiger wird, macht es auch für Unternehmen wie Continental deshalb Sinn, sich auf die eigenen Kernkompetenzen zu beschränken.“

Das Fazit nach eineinhalbjähriger Laufzeit des Projektes ist uneingeschränkt positiv. Vattenfall Europe Contracting liegt mit den anvisierten Einsparungsvolumen voll im Plan und hat im vergangenen Jahr alle vertraglich garantierten Ziele problemlos erreicht. Zudem konnte die Versorgungsengpässe praktisch auf Null gesenkt werden. Damit trägt Vattenfall Europe Contracting einen guten Teil dazu bei, die Wettbewerbsfähigkeit von Continental zu sichern und auszubauen. „Wir sind sicher, dass wir, wenn wir auch künftig im Soll liegen werden, die beste Lösung für unser Energiemanagement gefunden haben, die der Markt gegenwärtig bietet“, sagt Hannes Friederichsen.

Erschienen in Ausgabe: 08/2003