Vor Ort bietet die Energiewende viel Umsetzungsspielraum

Regional sind viele Ideen zur Energiewende schnell und erfolgreich zu realisieren, sagt Stefan Söchtig. Auch als Gestalter der Smart-Energy-Zukunft böten sich Stadtwerken und mittelständischen EVU gute Chancen.

08. Mai 2013

Stadtwerke und KMU-Energieversorger sind für den Umbau des Energiesystems eminent wichtig, heißt es. Warum?

Die Probleme der Energiewende lassen sich zeitnah nicht auf höchster Ebene lösen. So werden Hochspannungsleitungen von Nord nach Süd noch Jahre der Realisierung benötigen. Vor Ort lassen sich dagegen viele Probleme kurzfristig angehen, etwa durch Zusammenschalten von dezentralen KWK-Anlagen zu regionalen virtuellen Kraftwerken, Ausbau von Speichermöglichkeiten und andere Optimierungsmaßnahmen, die das Verteilnetz entlasten. So ließe sich auch teilweise der Großnetzausbau vermeiden und – insbesondere für Notfälle – eine gewisse Autarkie erlangen. All dies können Stadtwerke am besten umsetzen. Denn diese sind mit den Menschen der Stadt und Region verankert, sind energiewirtschaftlich erfahren und verfügen über die notwendige Infrastruktur für das Management einer regionalen Energiewende.

Welche Bedeutung hat dabei insbesondere die Informations- und Kommunikationstechnologie?

Dezentrale Stromerzeugung und -speicherung verlangen eine direkte Steuerung, die auf alle Über- und Unterschreitungen definierter Werte sofort reagiert. Ohne ITK ist dies nicht umsetzbar. Die Steuerung muss dezentral vor Ort erfolgen, um die Komplexität der abzubildenden Prozesse drastisch reduzieren zu können. Durch Smart-Energy-Infrastrukturen auf regionaler Ebene werden zudem weniger Großanlagen oder Stromautobahnen benötigt. Das muss allerdings den Investoren dieser Strukturen – in welcher Form auch immer – zugute kommen.

Welcher Weg in diese Zukunft ist vielversprechender: Zusammenarbeit mit der Telekommunikation oder Abschottung und Aufbau eigener Strukturen der Datenkommunikation?

Die komplexen Prozesse und vielschichtigen Abhängigkeiten der Energiebranche verlangen in erster Line Interoperabilität aller beteiligten Systeme – sowohl in der IT als auch in der Telekommunikation. Dazu müssen alle Marktpartner kooperativ beitragen.

Auch Überregulierung stellt hier eine Gefahr dar, wie das Beispiel der Gateways zeigt: Die Innovationskraft bei den digitalen Zählern und anderen innovativen Komponenten droht im Kern zu ersticken. Denn deren Funktionalität wird durch das Gateway deutlich eingeschränkt. Zudem werden die Prozesse im Markt durch die neue Rolle des Gateway-Administrators, den es so in anderen EU-Ländern gar nicht gibt, nochmals komplexer. Auch dies spricht dafür, kleinere dezentrale Konzepte für den Einsatz vor Ort zu entwickeln, die interoperabel sind und so alle zusammengenommen das Funktionieren einer neu strukturierten Versorgung sichern.

Wie kann mit dem Einsatz smarter IT-Systeme für EVU gleichzeitig Prozessnutzen und Kundennutzen realisiert werden?

Die jetzt entwickelten Systeme bieten bei der Energierechnung schon eine sehr hohe Transparenz. Die vielen Informationen können verständlich dargestellt werden. Das zeigt zum Beispiel unser Anwender Naturwatt, dessen Abrechnung mit einem glatten ›Sehr gut‹ zertifiziert wurde.

Smart Metering bietet zahlreiche weitere Möglichkeiten, den Energieverbrauch grafisch ansprechend und nachvollziehbarer aufzubereiten. Wichtiger aber ist die Transparenz für das Smart Grid: Denn das funktioniert nur zuverlässig, wenn es alle Einspeisungen und Verbräuche in Echtzeit kennt. Insofern ist der Einsatz smarter IT-Systeme eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren intelligenter Energie-Infrastrukturen. Zudem können nur auf dieser Grundlage neue Geschäftsfelder aufgebaut werden, mit denen die Kosten für die Einführung der smarten Infrastrukturen wenigstens mittelfristig wieder eingespielt werden können.

Wann werden Smart Metering, Smart Grid und Smart Home so verschmelzen und einen ganz eigenen Wachstumsmarkt bilden, wie wir es aktuell bei Internet und mobiler Kommunikation erleben?

Auf der Hannover Messe war deutlich zu erkennen, dass sich dieser Wachstumsmarkt in Deutschland und darüber hinaus bereits entwickelt. In der Welt der Smart Energy haben innovative Unternehmen vor allem in der Vernetzung zahlreiche Chancen, sich durch neuartige Produkte und Konzepte zu profilieren. Mehrwerte sind der Schlüssel.

Vita

Stefan Söchtig

- wechselte nach ersten Jahren bei einer Großbank 1993 in die Energiewirtschaft als Abteilungsleiter Recht, Immobilien, Versicherungen bei der WVV Würzburg.

- 2007 wurde er kaufmännischer Geschäftsführer der TWF in Friedrichshafen. Dort setzte er viele innovative Projekte mit wirtschaftlichem Erfolg um.

- Seit Oktober 2011 ist er Mitglied der Wilken-Geschäftsführung. Zudem ist er Geschäftsführer des Tochterunternehmens Wilken Prozessmanagement GmbH und leitet das Projekt T-City Friedrichshafen.