›Vorwarnsystem‹ für Zahlungsausfälle

Management

Forderungsmanagement - Wissen, woher der Insolvenzfall weht, kann helfen, Forderungseinbußen zu vermeiden. Besonders kleinere EVU haben noch Optimierungspotenzial.

30. März 2012

>Gerade Energieversorger sind von dem Risiko eines Forderungsausfalls besonders betroffen. Sie bauen regelmäßig hohe Außenstände über mehrere Monate auf, weil sie nach Verbrauch und damit zeitverzögert abrechnen. Die Energie fließt unterdessen weiter. Während Produkthersteller noch den Eigentumsvorbehalt an ihren Waren geltend machen können, lassen sich Strom-, Gas- und Wasserzähler nicht einfach zurückdrehen.

Forderungsausfälle zu vermeiden, kann für Energieversorger lebenswichtig sein, denn hier geht es meist um hohe Summen. Stadtwerke bedienen oft nur wenige Geschäftskunden, die große Energiemengen abnehmen. »Fallen solche Kunden aus, entsteht für uns als kommunaler Energiedienstleister großer wirtschaftlicher Schaden«, weiß Wolfgang Höffken, Leiter Recht bei der ›eins energie in sachsen‹

»Die Kreditversicherung hilft uns hier in zweifacher Hinsicht. Sie prüft regelmäßig unsere Kunden und informiert uns umgehend über Änderungen ihrer Risikoeinschätzung. Das erlaubt uns, schnell zu reagieren und gemeinsam mit unseren Kunden eine Lösung zu finden.«

»Unsere Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Versorgungsunternehmen hat gezeigt, dass es besonders bei kleineren Versorgern noch Optimierungspotenzial gibt«, sagt Thomas Götting, Country Director beim Kreditversicherer Atradius Deutschland.

Götting weiter: »Bei den Energieversorgern werden Energielieferungen häufig noch nach rein interner Prüfung und ohne vorherige Überprüfung durch einen externen Experten, wie etwa einen Kreditversicherer, entschieden. Das kann dazu führen, dass große Energiemengen geliefert werden und die Versorger bei Zahlungsunfähigkeit des Abnehmers auf den Kosten sitzen bleiben.«

Der größte Unterschied zu vielen anderen Branchen: Energieversorger erfahren meist als letztes Glied in der Gläubigerkette, wenn Privat- oder Gewerbekunden zahlungsunfähig sind, denn Strom ist ein existenzielles Verbrauchsgut. Die Zahlungen werden so lange wie möglich aufrechterhalten – auch dann, wenn sich Schuldner bereits in Liquiditätsschwierigkeiten befinden und andere Lieferanten nicht mehr bezahlen können. Die Versorger erhalten keine Vorwarnung, so Atradius. Die Folge: Der Versorger erfahre meist erst im Falle der Insolvenz von der Zahlungsunfähigkeit und kann dann nicht mehr reagieren. Die Höhe des Forderungsausfalls sei im Vergleich zu anderen Branchen oft immens, da produzierende Gewerbekunden hohe Energiemengen abnehmen.

Um Zahlungsausfällen vorzubeugen, können EVU verschiedene Quellen heranziehen und sich so ein Bild über die Zahlungsmoral ihrer Kunden verschaffen. Einerseits gibt es Auskunfteien, wo die Lieferanten Bonitätsinformationen über ihre Geschäftspartner einholen können. Diese bieten allerdings kein Frühwarnsystem und keine Absicherung bei einem Forderungsausfall.

Diesen Service bieten Kreditversicherer an. Die Kreditversicherung kann die Versorger dabei unterstützen, das Informationsdefizit zu reduzieren, indem die Experten sie frühzeitig über einen drohenden Zahlungsausfall informieren. Ist die Insolvenz nicht vorhersehbar, springt der Kreditversicherer ein und entschädigt den Forderungsausfall.

Wie bewerkstelligen die Unternehmen diesen Informationsvorsprung? Das hat zwei Gründe. Kreditversicherer verfügen über Bonitätsinformationen von über 60 Millionen Unternehmen weltweit. Zudem greifen sie auf die Zahlungserfahrungen der Versicherungsnehmer mit ihren jeweiligen Abnehmern zurück. Zahlungsschwierigkeiten dieser Abnehmer können so früh erkannt und Kunden in Echtzeit darüber informiert werden.

»Bewährtes Frühwarnsystem«

Bei vorübergehenden Schwierigkeiten ist Atradius etwa bestrebt, in gemeinsamer Abstimmung mit dem Versicherungsnehmer und seinem Abnehmer eine Lösung zu finden - wie die Vereinbarung von Ratenzahlungen. Das Unternehmen bietet speziell für EVU Deckungsschutzkonzepte, die Energielieferanten während der gesamten Dauer der Kundenbeziehung absichern.

»Nach meiner langjährigen Beobachtung kann ich sagen, dass sich das ›Frühwarnsystem‹ bewährt hat«, so Gernot Binderberger von der Thüga-Gruppe. Diese schloss 1978 eine Rahmenvereinbarung mit dem Kreditversicherer ab, über die sich die 90 verbundenen Stadtwerke versichern können.

Versicherungsnehmer wie die Versorger der Thüga haben zusätzlich Zugriff auf das ›Atradius Buyer Rating‹, das die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls in den nächsten 12 Monaten misst und die Ratings für einzelne Abnehmer anzeigt. Auch können sie sich über die Kundenportfolioanalyse einen Gesamtüberblick verschaffen.

Die Experten beobachten, dass das aktive Forderungsmanagement in den Unternehmen seit der Kreditkrise eine noch größere Bedeutung bekommen hat, was gesteigerte Anfragen seit dieser Zeit zeigen: »Seit der Lehman-Pleite ändert sich die konjunkturelle Situation so schnell, dass Unternehmen sich nicht mehr sicher sein können, ob und wie schnell Geschäftspartner in finanzielle Schwierigkeiten geraten«, so Götting.

»Bei den Versorgern kommt die Tatsache hinzu, dass die Liberalisierung des Strommarktes erst seit ein paar Jahren aktiv umgesetzt wird. Was zur Folge hat, dass der Wettbewerb im Markt gestiegen ist. Der Markteintritt neuer Akteure wie etwa Energiehändlern, die über wenig Eigenkapital verfügen, erhöht das Ausfallrisiko deutlich. Wie das Beispiel Teldafax gezeigt hat.«

Erschienen in Ausgabe: 03/2012