Wärme: So gelingt die Wende

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Sektorkopplung - Die - Energiewende ist bislang vor allem eine Stromwende. Im Wärmesektor passiere noch zu wenig, sagen Kritiker. Städte sind kaum einbezogen. Sie könnten über die Bauleitplanung wichtige Weichen stellen.

29. November 2016

Das nennt man eine gute Datengrundlage: Nicht weniger als 16Studien und Analysen sind inzwischen erschienen, die sich mit der Energiewende im Wärmesektor, kurz Wärmewende, befassen. Die Agentur für erneuerbare Energien (AEE) in Berlin hat jetzt eine Zusammenstellung vorgelegt, die die Ergebnisse der vielen Untersuchungen bündelt und daraus Handlungsempfehlungen ableitet.

Mehr Dynamik nötig

»Die Metaanalyse gibt politischen Entscheidungsträgern einen Überblick über die Bandbreite an Handlungsoptionen, um die Wärmewende in Deutschland endlich in Gang zu setzen«, so Philipp Vohrer, Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien.

Dafür sei ein gut abgestimmter Mix aus ökonomischen Anreizen und ordnungsrechtlichen Vorgaben nötig, flankiert durch planerische und weiche Instrumente.

Die in der Metaanalyse untersuchten Studien führen eine große Bandbreite an ökonomischen, ordnungsrechtlichen, planerischen und weichen Instrumenten auf, die jeweils unterschiedliche Akteure wie Bauherren und Eigentümer, Wärmelieferanten, Kommunen, Planer und Handwerker ansprechen. Die ausgewerteten Studien zeigen laut Vohrer, dass die Klimaziele nur mit einer hohen Dynamik bei der Umsetzung von Effizienzmaßnahmen und dem raschen Ausbau der Erneuerbaren Energien im Wärmesektor erreichbar seien.

Was bringt mehr?

Ob die Steigerung der Gebäudeenergieeffizienz oder die Nutzung erneuerbarer Energien den größeren Minderungsbeitrag leisten soll beziehungsweise kann, wird in den ausgewerteten Studien unterschiedlich beurteilt. Eine große Einigkeit besteht jedoch darin, dass im Wärmesektor bislang zu wenig gehandelt wird.

Vier Instrumente

Vorschläge für ökonomische Instrumente zielen vor allem darauf ab, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Investitionen in Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz und Nutzung Erneuerbarer Energien zu verbessern. Im Gebäudebereich stellen vor allem die langen Investitionszyklen und der große Umfang des Sanierungsbedarfs eine große Herausforderung dar, heißt es in der Metaanalyse. Unsicherheiten im Hinblick auf die Energiepreise und die regulatorischen Rahmenbedingungen lassen Gebäudeeigentümer zweifeln, ob sich der Investitionsaufwand auszahlt.

Zudem ist die deutsche Gebäudewirtschaft von einem hohen Anteil vermieteter Wohnungen gekennzeichnet.

Hier sind viele gesetzliche Bedingungen zu beachten und Vorteile wie Wohnkomfort und niedrige Betriebskosten kommen nicht direkt dem Eigentümer zugute, sondern dem Mieter.

Haus- und Wohnungsbau

Dabei spielen die Kostenumlagen beziehungsweise Kostenverteilung zwischen Kaltmiete und Betriebskosten eine zentrale Rolle.

In Verbindung mit dem Abbau von Subventionen, etwa Ermäßigungen bei der Strom- und Energiesteuer, sollen Investitionen in Effizienzmaßnahmen wirtschaftlich attraktiver werden.

Zudem sollen Einnahmen generiert werden für eine Gegenfinanzierung der Förderprogramme und Steuererleichterungen. Analog zur Förderung der Erneuerbaren Energien im Marktanreizprogramm sollen Markteinführungsprogramme für ausgewählte Effizienztechnologien geschaffen werden für hochdämmende Fenster oder Wärmedämmmaterialien, die deren Markteintritt und Verbreitung unterstützen.

Kraft-Wärme-Kopplung

Als Bindeglied zwischen Strom- und Wärmeerzeugung sei die Kraft-Wärme-Kopplung eine wichtige Klimaschutztechnologie.

Da die Stromerzeugung aus Erdgas-KWK-Anlagen derzeit nicht wirtschaftlich sei und weitere Stilllegungen drohten, seien die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen insbesondere für Erdgas-KWK-Anlagen der öffentlichen Versorgung zu verbessern.

Zeitweilig auftretende Überschüsse in der Stromerzeugung aus Erneuerbaren sollten für Power to Heat oder Power to Gas wirtschaftlich genutzt werden können.

Planungsrecht

Verbindliche Zielvorgaben und deren Umsetzung in planerischen Instrumenten werden benötigt, um vor allem langfristige Investitionsentscheidungen und infrastrukturelle Maßnahmen in die Wege zu leiten. Im Bereich der Gebäude betreffen die Handlungsempfehlungen der ausgewerteten Studien zum Beispiel die Erstellung von Sanierungsfahrplänen sowie die systematische Erhebung von Daten zum energetischen Gebäudezustand mittels Energiebedarfsausweisen. Für die leitungsgebundene Wärmeversorgung seien die Erstellung von kommunalen Wärmeversorgungsplänen und Wärmekatastern sowie die Festsetzung von energetischen Anforderungen im Rahmen der kommunalen Bauleitplanung wichtige planerische Maßnahmen.

Fast alle bisherigen Maßnahmen zielen auf Gebäudeeigentümer oder Wärmelieferanten. Kritisiert wird, dass Städte und Kommunen als für die Planung wichtige Akteure kaum einbezogen seien und auch auf Bundesebene Fahrpläne zur Umsetzung fehlten. Kommunen könnten über die Bauleitplanung Festsetzungen für die leitungsgebundene Wärmeversorgung, Erneuerbare Energien oder Energieeffizienz machen, seien aber an enge rechtliche Grenzen gebunden. Hier solle der Spielraum für Vorgaben ausgedehnt werden.

Wärmenutzung nach Plan

Die verpflichtende Aufstellung von Wärmenutzungsplänen durch die Kommunen wird von vielen Studien als zielführendes Mittel angesehen. Zudem stelle die industrielle Abwärme ein großes Wärmeversorgungspotenzial dar, das wegen fehlender kommunaler Konzepte sowie rechtlicher und wirtschaftlicher Restriktionen oft nicht genutzt werde.

Die Zusammenarbeit von Architekten, Planern und Handwerkern ist der Untersuchung zufolge oft von Mängeln gekennzeichnet, weil der Wissensstand unterschiedlich ist oder andere Interessen verfolgt werden. Hier könnten regelmäßige Schulungen helfen, dass effiziente Technologien in die richtige Umsetzung kommen, heißt es in der Metaanalyse. (hd)

Erschienen in Ausgabe: 10/2016