Wege aus der nationalen Förderfalle

Zertifikate könnten den EU-Markt für erneuerbare Energien beleben

Zertifikate für regenerativ erzeugten Strom bieten die Chance, die Stromproduktion und den Umweltnutzen zu trennen. Dadurch würde ein EU-weiter Handel mit Zertifikaten möglich. Der Clou: Strom aus Erneuerbaren könnte dort erzeugt werden, wo es am preiswertesten ist.

30. Dezember 2004

Die Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen gab richtungsweisende Impulse zum Ausbau von Technologien, die auf erneuerbaren Energien basieren. In der entsprechenden Richtlinie sind unter anderem Wasserkraft, Wind, Solarenergie, Biomasse und Geothermie als regenerative Energien definiert. Ziel der Richtlinie ist es, den Anteil solcher Energiequellen am Elektrizitätsverbrauch der EU von etwa 15 % heute auf 22 % in 2010 zu steigern.

Die EU-Staaten haben, je nach ihren Möglichkeiten, unterschiedliche Vorgaben gesetzt. Wegen der stark variierenden Verfügbarkeit von erneuerbaren Energiequellen wird sich die isolierte nationale Erreichung der Ziele jedoch schwierig darstellen. Besonders Belgien und Niederlande, aber auch Österreich, das seinen Anteil von 70 auf 78 % erhöhen will, werden das gesetzte nationale Ziel nach bisherigen Schätzungen nur schwer erreichen können.

Erneuerbare Quellen zur Elektrizitätserzeugung zu nutzen ist meist teurer als die Stromproduktion mit konventionellen Energieträgern, daher ist Grünstrom am Markt nicht konkurrenzfähig - es sind Fördermaßnahmen notwendig. Die Richtlinie überlässt es den EU-Mitgliedstaaten, die Art des Fördersystems zu wählen. Mehr als vier Fünftel wählten Einspeisetarife als Förderschemata. Dabei wird dem Produzenten der Strom aus erneuerbaren Energien vom Netzbetreiber zu einem kostendeckenden Preis abgenommen. Wie Deutschland und Frankreich zeigen, regen Einspeisetarife gut zu Neuinvestitionen an.

Die Produktionskosten der unterschiedlichen Technologien innerhalb Europas sind jedoch sehr verschieden. Zum Beispiel liegen die Preise für Strom aus Wind in Spanien, Frankreich und Dänemark deutlich unter denen Italiens, Deutschlands oder Österreichs. Bei Solarstrom sind die Preisschwankungen noch auffälliger. Erneuerbare Energien können also in manchen Ländern aufgrund ihrer Verfügbarkeit oder Effizienz kostengünstiger genutzt werden als in anderen. Daher wäre die kostengünstigste Variante, die Erneuerbaren gemäß „best practice“ zu entwickeln und einzusetzen.

Demnach macht es wenig Sinn, dass jedes europäische Land trotz der unterschiedlichen Effizienz alle erneuerbaren Energiequellen fördert. Sinnvoller scheint es, die Förderung dort zu konzentrieren, wo jeweils der beste Wirkungsgrad erzielt wird. Dies kann mit nationalen Förderungsinstrumenten aber nicht erreicht werden.

Neben Einspeisetarifen haben manche Länder - wie die Niederlande, Italien und Schweden - Zertifikate als Förderinstrumente gewählt. Sie sind wie handelbare Wertpapiere, die dem Produzenten regenerativen Stroms ein Zusatzeinkommen zu jenem aus dem reinen Stromverkauf sichern. Der Preis, der für den Verkauf von Strom und Zertifikaten erzielt werden kann, sollte insgesamt so hoch sein, dass Investitionen nicht nur gesichert, sondern auch stimuliert werden.

Um Zertifikate als Fördersystem zu nutzen, muss ein geeigneter gesetzlicher Rahmen existieren. Die Nachfrage nach den Zertifikaten kann durch Quotenverpflichtungen von Marktteilnehmern gesichert werden. Die Marktpreise definieren sich über Steuererleichterungen bei Nachweis einer bestimmten Menge an Zertifikaten oder Zahlungen bei Nichterfüllen der Quote. Unter den richtigen Rahmenbedingungen kann ein Zertifikatssystem ein genauso interessantes Investitionsklima entstehen lassen wie Einspeisetarife. In allen Fällen aber sichert ein Zertifikatssystem dem Kunden eine gewisse Wahlfreiheit und eine geringere Kostenbelastung.

Derzeit sind alle Zertifikatssystem für erneuerbare Energien national und unterscheiden sich stark voneinander. Es gibt auch keine bilaterale Anerkennung von Zertifikaten, was den Handel meist auf das jeweilige Land beschränkt. Nur die Niederlande lassen unter ganz bestimmten Bedingungen externe Zertifikate für nationale Steuerleichterungen zu.

Da nur in nationalen Märkten Handel mit Grünzertifikaten stattfindet, entsteht kaum Marktliquidität. Auch die Wahlfreiheit der Kunden ist dadurch beschränkt. So können die Vorteile des Zertifikatsystems nicht ausreichend genutzt werden. Mittelfristig gilt es aber, Einspeisetarife durch marktorientierte, europaweite Fördersysteme abzulösen. Einen passenden Ansatz liefert das einheitliche Zertifikatsystem RECS, das in Europa bereits zur Verfügung steht. Ziel des Systems ist es, das Entstehen eines paneuropäischen Zertifikatsmarktes für Elektrizität aus erneuerbaren Energien zu unterstützen.

Die Idee bei RECS ist, dass ein Erzeuger von regenerativ erzeugtem Strom zwei Produkte generiert: elektrische Energie und Umweltnutzen. Beides wird zusammen produziert, kann aber auf unterschiedlichen Märkten verkauft werden. Folglich unterliegen Zertifikate keinen Beschränkungen durch die Netze.

RECS wurde als lose internationale Plattform 1999 gegründet. Der Impuls kam aus den Niederlanden. Heute zählt RECS 94 Mitglieder aus 16 Ländern. Die Mitglieder kommen aus verschiedenen Branchen wie Energieversorgung, Handel und Beratung. Bei RECS handelt es sich um das erste internationale Zertifikatssystem dieser Art, das über Ländergrenzen hinweg entwickelt wurde. Es basiert darauf, dass alle Länder ein und dasselbe Zertifikatssystem betreiben. Grundlage dafür sind so genannte Basic Commitments - Regeln und Rollen, die von allen Mitgliedern anerkannt werden. Ungeachtet dieses grundsätzlich einheitlichen Ordnungsprinzips werden innerhalb eines bestimmten Rahmens nationale Besonderheiten zugelassen. Diese sind in Domain Protocols festgelegt.

Die wichtigste Rolle im System ist jene der Issuing Bodies, von denen jedes Land einen hat: Diesen Stellen obliegt nicht nur die Ausstellung der Zertifikate, sondern auch das Überwachen des Lebenszyklus eines Zertifikates innerhalb des jeweiligen Landes. Die Funktion des Issuing Body nimmt in den meisten Ländern einer der Netzbetreiber wahr, in Österreich aber beispielsweise der Regulator (E-Control). Die Issuing Bodies sind ihrerseits in der „Association of Issuing Bodies“ (AIB) zentral organisiert.

Das RECS-System ist für alle regenerativen Technologien offen. Ein Zertifikat bezieht sich immer auf eine Megawattstunde. RECS kann auch parallel zu anderen Fördersystemen zum Einsatz kommen. Jedes RECS-Zertifikat ist durch eine eindeutige Nummer identifizierbar und kann über Landesgrenzen hinweg verfolgt und gehandelt werden. Bei Verlassen eines Landes wird das Zertifikat im Verkäuferland gelöscht und im Käuferland unter wieder angelegt. Zertifikate existieren nur in elektronischer Form in nationalen Datenbanken. Zwischen ihnen gibt es Schnittstellen, die den reibungslosen Ablauf sicherstellen. Das Ende des Lebenszyklus eines Zertifikats ist mit seinem endgültigen Löschen in einer der nationalen Datenbanken erreicht. Das System von RECS fungiert also wie ein Grundbuch und ist keine Handelsplattform. Zur Überprüfung des Systems erfolgte 2001/2002 ein Test.

In Österreich wurden 500 MW RECS-zertifiziert, überwiegend aus Wasserkraftwerken der Verbund-Tochter Austrian Hydro Power. Die Handelsgesellschaft der Verbund AG, die Austria Power Trading (APT), handelte bereits mehr als eine Million RECS-Zertifikate. Bisher wurden europaweit mehr als 30 Millionen solche Zertifikate erstellt und davon die Hälfte bereits gehandelt und verkauft. Europaweit betrug das Handelsvolumen bis heute rund 50 Mio. €.

„Verantwortung wahrnehmen“

Nachdem APT Deutschland schon etliche Stadtwerke von ihrem umweltfreundlichen Strom überzeugen konnte, hat Rainer Wellenberg nun die Industrie ins Auge gefasst. Der Geschäftsführer sagt, welche Vorzüge grüner Strom Endverbrauchern und Fabrikanten bieten kann.

ES: Herr Wellenberg, Sie bezeichnen sich selbst als „Missionar in Sachen Grünstrom“. Warum?

Wellenberg: Ich finde, dass regenerativ erzeugter Strom einen sehr wichtigen Beitrag zur Schonung der Umwelt leistet und möchte den Kunden der APT Deutschland dies auch vermitteln. Ich selbst beziehe Öko-Strom, allerdings von Lichtblick, da unser Unternehmen ja keine Endkunden beliefert.

ES:In der Diskussion mit Ihren Kunden werden Sie bestimmt oft mit Kostenargumenten konfrontiert, oder?

Wellenberg: Sicherlich ist das bei unseren Kunden - Weiterverteilern und Industriekunden - ein wichtiges Argument. Aber es lässt sich leicht relativieren. Zunächst muss man ja nicht ausschließlich grünen Strom einkaufen. Wir bieten auch einen Mix an. Des Weiteren sind mit unseren Produkten Vollversorgung und Teillieferungen möglich. So kann der Kunde seinen individuellen Strom-Mix erzeugen.

Außerdem ist unser Strom gar nicht so teuer, wie viele glauben. Ein Stadtwerk könnte Strom aus Wasserkraft kaufen und seinen Kunden kostendeckend anbieten, wenn es zum Beispiel einem Single-Haushalt nur rund 20 Euro jährlich mehr berechnet. Ein kleines Entgelt für eine große Sache, wie ich finde. Und man könnte so ein Jahres-Fixum gegenüber dem Endverbraucher leichter argumentieren als komplizierte Tarifstrukturen.

ES: In den letzten Monaten gehen Sie intensiver auf Industriekunden zu. Was können Sie dieser Zielgruppe bieten?

Wellenberg: Ein Unternehmer hat neben seinen Zielen im betriebswirtschaftlichen Bereich, auch eine nicht unwesentliche Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und der Umwelt. Durch den Kauf von grünem Strom kann er beim Energieeinkauf dieser Verantwortung gerecht werden - und sie vielleicht sogar gegenüber seinen Kunden imageträchtig vermarkten. Zum Beispiel Kunden der Nahrungsmittel- und Konsumgüterindustrie achten bei der Auswahl immer mehr auf eine ökologische und nachhaltige Produktion. Damit diese Endverbraucher überzeugt werden können, liefern wir regenerativen Strom mit RECS-Zertifikat, der vom Verbrauch zeitlich entkoppelt erzeugt wird, oder TÜV-Strom, der verbrauchsparallel hergestellt wird.

Erschienen in Ausgabe: 11/2003