Weiterhin aus der Steckdose

Editorial

Das Wort der Stunde ist ›nimby‹. Die Abkürzung für ›not in my backyard‹ benennt folgendes Phänomen: Wir wollen Schinken essen, aber keinen Schweinemastbetrieb riechen. Einige kümmert wohl die Frage nicht, woher der Strom kommt. Natürlich kam er und kommt weiterhin aus der Steckdose. Nur können wir uns so manche einfache Antwort abschminken, wie er da hineinkommt.

04. Mai 2011

Inzwischen ist mehr Menschen klar geworden, dass wir komplexer darüber nachdenken müssen, wie wir die angenehmen Dinge eines hochtechnisierten Lebensstils bewerten und welche Infrastruktur damit einhergehen muss, die uns bisweilen einfach nur die schöne Aussicht verdirbt.

Manchmal tut sie auch schlimmeres. Das Phänomen ›nimby‹ ist daher nur zu Teilen Protest der um ihre Aussicht fürchtenden. Gegen ›nimby‹ helfen übrigens einzig Dialog und Diskurs. Menschen wollen etwas über die Technik wissen, die sie umgibt. Sie wollen diese verstehen. Mir wurde das kürzlich wieder deutlich, als mich Kollegen fragen, wie es sein kann, dass der Kühlschrank im Wohnmobil kühlt, indem er Gas verbrennt. Das Grundprinzip Verdunstungskälte wurde schnell klar: Jeder hat beim Arztbesuch schon mal reinen Alkohol auf die Haut bekommen und die Kühle erlebt, wenn noch ein kräftiger Luftzug hinzu kommt. Dies vor Augen führt das Stichwort Absorber-Kühlschrank weiter – und ich bin erlöst, denn Wikipedia kann hier besser erklären als ich.

Es kann Spaß machen, Technik zu kommunizieren und ich hoffe, dass auch Techniker mehr Gefallen daran finden, sich über das wie Gedanken zu machen. Denn wer nicht in einen wirklich offenen Diskurs geht, wird das Phänomen ›nimby‹ verstärken. Und wer sich lustig macht über das technische Unwissen weiter Bevölkerungsteile, sollte sich an die eigene Nase fassen. Immerhin ist selbst eine promovierte Atomphysikerin nicht davor gefeit, sehr kleine Restrisiko-Wahrscheinlichkeiten naiverweise zur Annahme zu verkürzen, sie seien unmöglich.

Volker Tisken

Erschienen in Ausgabe: 04/2011