Wellen-Sprecher

Messwesen - Gemäß EED-Richtlinie wird es EU-weit Pflicht, Endkunden zeitnah über Verbräuche zu informieren. Mit Funktechnik und Geschäftssinn können sich das Stadtwerke zunutze machen. Sascha Schlosser von Zenner blickt voraus.

13. Mai 2019
Wellen-Sprecher
(Bild: Zenner)

Herr Schlosser, der Markteinstieg für Stadtwerke ins Submetering ist nicht nur eine technische Frage. Es ist auch eine Managementaufgabe. Welche Unterstützung oder Hilfe bieten Sie den Unternehmen dabei an?

Die Herangehensweise der Stadtwerke entspricht der heutigen Aufgabenverteilung beim Zählen und Messen. Als Messstellenbetreiber haben sie die Gerätehoheit und ihnen obliegt das Verwalten beziehungsweise Zuordnen der Messtechnik zu Immobilien und Liegenschaften. Die Menge der Geräte hat einen nachvollziehbaren Umfang und kann erfahrungsgemäß von einem Stadtwerk mit durchschnittlicher Größe problemlos gemanagt werden.

Die Menge der Heizkostenverteiler und Rauchmelder, die ein Dienstleister im Submetering verwaltet, hat hingegen eine ganz andere Dimension. Was tun? Um Stadtwerken die Arbeit zu erleichtern, haben wir beispielsweise ein Online-Portal entwickelt; dort ist eine Datenbank hinterlegt, mit allen relevanten Angaben und Daten zu Heizkörpern. Damit können Monteure das technische Heizkörper-Aufmaß mit allen relevanten Parametern vor Ort digital erfassen.

Wie erleichtert das die Arbeit der Stadtwerke in der Praxis?

Die Portallösung bietet signifikante prozessuale Vorteile. Die Heizkostenverteiler müssen beim Ausbringen je nach Heizkörpertyp vor Ort individuell angepasst werden. Das ist essenziell für die spätere Bewertung der Ablesewerte. Das alles braucht entsprechendes Know-how. Deshalb haben wir das Portal mit der Datenbank entwickelt. Die Nutzer können sich dort einloggen und die entsprechenden Informationen abrufen, wenn die Heizkostenverteiler montiert beziehungsweise parametriert werden.

Ziel ist auch die sogenannte Messkonformität, die für das spätere Abrechnen der Verbräuche wichtig ist. Für Stadtwerke ist das eine Hürde, weil sie vielfach noch nicht über die nötige Erfahrung verfügen. Das Portal samt Datenbank ist das Ergebnis der Zusammenarbeit von Zenner und Minol. Minol ist bekanntlich seit Jahrzehnten im Submetering tätig. Die Nutzer des Portals profitieren vom Erfahrungsschatz unserer Schwesterfirma, der in die Entwicklung eingeflossen ist.

Ferner unterstützen wir Stadtwerke beim Management des Submeterings mit unserem neuen Rauchwarnmelder. Er ist gemäß der novellierten Anwendungsnorm DIN 14676 für die Ferninspektion per Funk zugelassen und verfügt über eine sogenannte Umfeldüberwachung. Die jährliche Vor-Ort-Kontrolle entfällt so für bis zu zehn Jahre.

Sie haben auf der E-world die Gründung der Minol Zenner Connect GmbH vorgestellt. Sie ebnen damit »Stadtwerken den Weg zum maßgeschneiderten Lorawan-Netzbetrieb«, heißt es. Was meint das konkret?

Im Zentrum von Minol Zenner Connect steht der formale Netzbetrieb. Das Unternehmen agiert als Netzbetreiber und unterliegt mit allen Rechten und Pflichten der Regulierung durch die Bundesnetzagentur. Den administrativen Aufwand wollen und können Stadtwerke in der Regel nicht selbst leisten, darum haben wir dieses Unternehmen als Partner für Stadtwerke, Kommunen und Industrie ins Leben gerufen.

Die Kernaufgabe von Minol Zenner Connect ist das Herstellen und die Verfügbarmachung von Konnektivität. Das Unternehmen bringt die nötige Infrastruktur ins Feld, sprich Gateways und Antennen, die man für den Lorawan-Netzbetrieb braucht.

Aus welchem Grund haben Sie sich für Lorawan entschieden? Welchen Vorteil hat das für die Nutzer?

Lorawan ist keine proprietäre Technologie, sondern ein offener Standard, der es Stadtwerken ermöglicht, in Eigenregie in den Markt der IoT-Anwendungen einzusteigen.

Ein entscheidender Vorteil in diesem Zusammenhang ist beispielsweise: Wer ein Lorawan-Funknetz mit Unterstützung von Minol Zenner Connect aufbaut und betreibt, kann jederzeit und individuell entscheiden, wo Netzabdeckung entstehen soll.

Wohin wird das alles führen? Werden nur große Stadtwerke ins Submetering einsteigen, weil sie die nötigen Ressourcen haben? Welche Rolle werden die kleinen und mittleren Stadtwerke spielen? Sie könnten sich doch zu regionalen Verbünden zusammentun, um Aufgaben und Lasten zu verteilen.

Richtig. Damit rechnen wir auch. Im Stadtwerkeumfeld gibt es ja schon vielfältige Beispiele für Kooperationen, etwa auf Aufgabenfeldern wie Energiebeschaffung oder Smart Metering. Auch Zenner geht diesen Weg.

Unter anderem haben wir Kooperationen mit Voltaris, Co.met oder Regio IT abgeschlossen. Gemeinsam haben wir das Ziel, unseren Kunden neue Dienstleistungen anzubieten. Die Kosten werden auf mehrere Träger verteilt: zum Beispiel bei Softwarelizenzen und Ähnlichem.

Einer Umfrage zufolge finden zwei Drittel der Befragten eine monatliche Heizkostenübersicht interessant. Der Bedarf ist also vorhanden für clevere Submetering-Services beim Endkunden.

Ja. Laut Bundesumweltamt entfallen rund ein Viertel des Endenergieverbrauchs in Deutschland und damit auch ein erheblicher Anteil an den Treibhausgasemissionen auf Haushalte, davon wiederum etwa drei Viertel auf Heizwärme- und Warmwasserbereitstellung. Hier besteht erhebliches Einsparpotenzial. Das ist auch ein maßgeblicher Grund, warum die EU jetzt eine neue Richtlinie für Energiedienstleistungen, kurz EED-Richtlinie, auf den Weg bringt. Zukünftig wird es Pflicht, die Endkunden zeitnah und transparent über ihre Verbräuche zu informieren. Das ist auch die Intention bei der europaweiten Einführung der Smart Meter, die von der EU beschlossen wurde. Es ist doch so: Im Nachgang können Einsparungen nicht mehr realisiert werden. Das muss proaktiv geschehen. Genau darauf zielt die neue Richtlinie ab.

Die EU verlangt die proaktive Verbraucherinformation über die Zählerstände beziehungsweise Messwerte. Darüber hinaus lässt sich die Lorawan-Infrastruktur, die eine vergleichsweise einfache Fernauslesung der Wärmemengenzähler erlaubt, bei zahlreichen weiteren Anwendungen für Mieter nutzbar machen.

Dazu gehören beispielsweise die Überwachung von Parkraumverfügbarkeit, E-Ladestationen und so weiter. Möglich wird dies dank innovativer Technik und der Nutzung eines offenen Systemstandards.

In einem Pilotprojekt von Stromnetz Hamburg haben Sie voriges Jahr rund 150 Wohneinheiten mit Submetering-Technologie sowie Rauchmeldern auf Lorawan-Basis ausgerüstet. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Das Projekt mit Stromnetz Hamburg war eines der größten IoT-Vorhaben, die wir bislang in der Zenner-Gruppe umgesetzt haben. Die hohen Anforderungen an Qualität und Technik waren ein guter Maßstab, an dem wir im Laufe des Projektes auch selbst gewachsen sind. Das Ergebnis hat uns einmal mehr darin bestätigt, dass wir mit unserer IoT-Strategie auf dem richtigen Weg sind. Für Stromnetz Hamburg wurde der Aufwand zum Einrichten der Infrastruktur vor Ort durch die hohe Funkreichweite verringert. Beispielsweise waren kaum Ausmessarbeiten nötig, um die Erreichbarkeit der Sensorik sicherzustellen. Der Aufbau der Zählpunkte im IoT-Backend funktionierte dank elektronischem Lieferschein und elektronischer Aufbereitung der Montagedokumentation hoch automatisiert.

Worauf kommt es jetzt für die Verantwortlichen in Stadtwerken und Kommunen an?

Die neuen technischen und rechtlichen Möglichkeiten bieten den Stadtwerken und Kommunen eine einmalige Chance. Als Infrastrukturbetreiber können sie ihr Betätigungsfeld vor Ort ausdehnen und ihre Rolle als Spezialist für Daseinsvorsorge stärken. Dabei kommt es auch auf Schnelligkeit an. Wer den neuen Claim rechtzeitig übernimmt, wird als Dienstleister gesetzt sein. hd

VITA

Sascha Schlosser

Seit März 2017 ist Schlosser Geschäftsführer der Zenner International GmbH & Co. KG in Saarbrücken.

Vorher Bereichsleitung Marketing und Vertrieb beim kommunalen Messdienstleistungsunternehmen Co.met.

Studierte Medienwissenschaft & Kommunikationsdesign sowie Betriebswirtschaftslehre in Köln.

Erschienen in Ausgabe: 03/2019
Seite: 24 bis 26