Wenn die Steckdose mitdenkt

Management

Tarifmodelle - Den Strom dann verbrauchen, wenn viel davon da ist und so das Netz entlasten – schaffen das auch Privathaushalte? Und wie lassen sich diese am besten einbinden? Das Schaufenster-Projekt NEW 4.0 geht diesen Fragen nach.

22. Januar 2018

Das Großprojekt Norddeutsche Energiewende (NEW 4.0) ist bereits in vollem Gange. Es hat sich die optimale Synchronisation von Erzeugung und Verbrauch zum Ziel gesetzt. Ein Teilprojekt von NEW 4.0 sieht einen Umstieg auf eine Energieversorgung vor, die sich mittels Residuallast am Stromangebot orientiert. Das heißt, dass private Haushalte an bestimmten Steckdosen eine Versorgung mit schaltbarer Energie wählen können.

Auch die Stadtwerke Norderstedt sind mit Unterstützung von Lösungsanbieter Meterpan in das Projekt involviert, welches vor allem die Akzeptanz einer nicht durchgängig gegebenen Energieversorgung untersuchen will. Die Stadtwerke stellen die technischen Voraussetzungen bereit, um die verschiebbaren Energielasten realisieren zu können.

2.000 Pioniere gesucht

Norderstedt ist nicht nur die fünftgrößte Stadt im nördlichsten deutschen Bundesland, sondern erfüllt auch die nötige Anforderung an ein Glasfasernetz, das beste Voraussetzungen für eine hohe Datenübertragung bietet.

Bei den Stadtwerken Norderstedt laufen die Planungs- und Vorbereitungsmaßnahmen derzeit auf Hochtouren. »Wir wollen 2.000 Privathaushalte in das Projekt ›intelligente Steckdose‹ integrieren, die sich durch einen Anschluss ans Glasfasernetz als Probanden eignen«, erklärt Marc-Oliver Gries, der als Vertriebsleiter für die Projektkoordination zuständig ist.

Für die technische Umsetzung und die Integration der intelligenten Steckdosen wurde eine Ausschreibung ins Leben gerufen, die sich an Stadtwerke aus dem Raum Hamburg und Schleswig-Holstein gerichtet hat. Die Stadtwerke Norderstedt konnten mit ihrer Bewerbung die Ausschreibung gewinnen.

»Im Grunde verfolgen wir mit unserem Vorhaben drei signifikante Ziele. Zum einen wollen wir herausfinden, wie es um das Potenzial bestellt ist, um verschiebbare Lasten in die alltägliche Stromnutzung zu involvieren«, so Gries. »Zum anderen möchten wir ermitteln, welche Tarife für Verbraucher interessant sein könnten und zu guter Letzt stellt sich uns die Frage, wie ein zukünftiges Energiemanagementsystem für verschiebbare Lasten aussehen könnte.«

Die größte Herausforderung sieht er aber darin, Privathaushalte zu gewinnen, die bereit sind, eine smarte Steckdose in ihre Energienutzung einzubinden. »Es wird sicherlich nicht leicht, Verbraucher von dem Projektnutzen zu überzeugen. Da verschiebbare Lasten letztendlich bedeuten, dass die eingesetzten Steckdosen nicht kontinuierlich Strom liefern, sehen viele Verbraucher Komforteinbußen. Doch der Nutzen überwiegt: Die Umwelt wird geschont und Stromkosten werden eingespart.«

Tarife in Entwicklung

Die Steckdosen werden von Fritz-Box-Hersteller AVM als fertige Plug-in ausgeliefert, die in jede handelsübliche Steckdose eingesteckt werden können. Die Verlegung von neuen Leitungen oder die Installation neuer Steckdosen entfällt somit. Wann und wie viel Strom die innovative Steckdose liefert, ist letztendlich auch vom Tarif abhängig. »Wir erarbeiten derzeit unterschiedliche Tarifstrukturen, die alle einen anderen Fokus haben werden. Die Basis haben wir schon gelegt«, meint Gries.

Darüber hinaus steht es den Verbrauchern offen, für welches elektrische Gerät die intelligente Steckdose eingesetzt werden soll. Beispielsweise könnten Verbraucher eine Gefriertruhe anschließen. Diese ist nicht auf eine durchgängige Stromversorgung angewiesen, da ein Abtauprozess der Lebensmittel erst nach mehreren Tagen ohne Strom eintreten würde. »Wir können täglich eine Stromversorgung von mindestens vier Stunden garantieren«, meint Gries.

David Berner ist der Projektleiter des Teilprojektes bei den Stadtwerken. Er erläutert: »Für die Stadtwerke Norderstedt ist der Einsatz von verschiebbaren Lasten und intelligenten Steckdosen spannend, weil wir durch dieses Projekt unser eigenes Know-how noch weiter ausbauen können.« Da man seit einigen Jahren in enger Zusammenarbeit mit Meterpan stehe, habe man bereits einige Erfahrung mit den technischen Abläufen von Smart-Metering und externer Tarifierung gesammelt.

»Dass wir dieses Wissen weiter ausbauen, wird mit Blick auf die Zukunft sehr wichtig sein, auch um innovative Tarifstrukturen entwickeln zu können. Diese können dann reale Anwendung finden, sobald der Rollout der intelligenten Messsysteme gestartet ist.« Da derzeit offiziell noch keine Smart-Meter-Gateways verfügbar sind, entwickeln die Stadtwerke gemeinsam mit Meterpan eine Lösung, die eine sichere Übermittlung der aus den intelligenten Steckdosen erfassten Daten gewährleisten kann.

Das Projekt soll noch dieses Jahr offiziell bekanntgegeben werden. Plakate, der Einsatz von Social-Media-Kanälen und einer eigens eingerichteten Informationsstelle sollen NEW 4.0 und die intelligenten Steckdosen publik machen. Auch auf der diesjährigen E-world werden die smarten Steckdosen vorgestellt und interessierten Messebesuchern näher erläutert.

Tabea Marcinkiewicz (Meterpan) 

Erschienen in Ausgabe: 01/2018