Wertvolle ›Negawatt‹

Markt

Energieintensive - Industrie Auch Leistung, die gar nicht erst erzeugt werden muss, verlangt Investitionen. Energieeffizienz wird jedoch bislang noch zu wenig wertgeschätzt. Das wurde auf dem Strategie-Roundtable deutlich, zu dem >energiespektrum eingeladen hatte.

28. Mai 2013

Der Energiewende-Soli und die Finanzierung des energiepolitischen Generationenprojekts über Steuermittel bekamen medial Anfang Mai Rückenwind, weil sich sieben Branchenverbände der deutschen Wirtschaft gemeinsam für eine solche Lösung aussprachen. Der Strategie-Roundtable, zu dem ›energiespektrum Mitte Mai nach Berlin eingeladen hatte, war da längst festgezurrt:

Unter dem Titel ›Energiekosten nach der Energiewende: Wie bleibt Deutschland wettbewerbsfähig?‹ wollten Dr. Annette Loske und Barbara Minderjahn (beide VIK), Dr. Carsten Rolle (BDI), Wilfried Köplin (Bayer AG) und Götz Blechschmidt (DQS) mit >e-Chefredakteur Volker Tisken diskutieren, wie die deutsche Industrie trotz hoher Strompreise und Abgabenlasten erfolgreich bestehen kann. Doch ging es in der Runde auch um die Frage, was denn vom Solidaritätszuschlag für die Energiewende zu halten ist.

Der Tenor: Eine Umverteilung über EEG-Umlage, Soli oder Steuermittel ändert nichts daran, dass die Kosten der Energiewende aus dem Ruder laufen. Dr. Annette Loske, Hauptgeschäftsführerin des Energiefachverbandes der deutschen Industrie VIK, brachte es auf den Punkt: »Diese Diskussion dreht sich darum, wer die Zeche zahlt. Die viel wichtigere Frage ist jedoch: wie lassen wir die ausufernden Kosten erst gar nicht entstehen?« Wilfried Köplin, Leiter Konzernenergiepolitik der Bayer AG und Vorsitzender des Fachausschusses Energie im Verband der Chemischen Industrie, befürchtet, dass beim Wechsel auf ein steuerbasiertes System »die Probleme besonders energieintensiver Branchen eher größer als kleiner werden.«

Diese Unternehmen hätten trotz Nutzung aller Kostenentlastungen, die der energieintensiven Industrie zum Erhalt ihrer Wettbewerbsfähigkeit von der Politik eingeräumt wurden, erheblichen Wettbewerbsdruck von anderen Standorten in Europa oder beispielsweise den USA. Dort liegen die Stromkosten bei 50% und die Gaskosten bei rund 30% dessen, was Unternehmen hierzulande bezahlen – die Befreiung von EEG-Umlage und Netzentgelten, sowie weitere Entlastungen bereits abgezogen. »Die Umstellung der Finanzierung der Energiewende auf ein steuerbasiertes System ändert daran nichts. Doch hätten wir sofort die EU-Kommission auf dem Plan – und damit nur ein weiteres Rechts- und Planungssicherheits-Risiko, weil – wie das EEG – auch diese Konzepte unter beihilferechtlichen Aspekten auf den Prüfstand kämen, wenn der Industrie wesentlich geringere Steuersätze eingeräumt werden würden.«

Dringend: Neues Marktdesign

Dr. Carsten Rolle, Leiter der Abteilung Energie und Klimapolitik des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI): »Es macht keinen Sinn, über Einzelaspekte der Energiewende-Finanzierung zu debattieren und weiterhin nebeneinander her verschiedenste Umlagemodelle ins Spiel zu bringen. Wir müssen das Gesamtsystem optimieren.

Daher wird es ein neues Marktdesign geben müssen, das hoffentlich in der Lage ist, die Gesamtkosten zu optimieren.« Andernfalls findet weiterhin statt, was derzeit die Strompreise treibt und marktzerstörerisch wirkt. Köplin: »Wenn heute der Markt signalisiert, dass der Strom nicht gebraucht wird, fließen trotzdem hohe gesetzlich verankerte Einspeisevergütungen.

Das muss abgestellt werden.« Eine Lösung bietet das vom Berliner TU-Professor Dr. Georg Erdmann präsentierte Marktintegrations- und Bilanzkreismodell. Köplin: »So können wir die volkswirtschaftlich nachteilige Vermarktung von Strom aus erneuerbaren Quellen über die Spotmärkte beenden. Damit können Erzeugung, ob konventionell oder erneuerbar, Speicherung und Lastflexibilitäten zu einem Produkt verknüpft und über Forwardmärkte vermarktet werden. Dieses wird niemals einen Preis haben, der gegen Null tendiert oder sogar negativ wird. Wie in anderen Marktsystemen auch wird sich in einem solchen Modell der richtige Preis im Wettbewerbsgefüge bilden.«

Schleichende Abwanderung

Die Frage ist allerdings, wie lange Deutschland Zeit bleibt, diese Veränderungen einzuleiten. Angesichts der Strompreissteigerungen in den letzten Jahren drohen Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandortes.

Die unmittelbare Standortgefahr relativiert Rolle zwar: »Wir sind als deutsche Industrie momentan in verschiedener Hinsicht relativ gut aufgestellt im internationalen Vergleich. Aber es geht ja nicht nur darum, wo wir heute stehen, sondern um eine Entwicklung, die es frühzeitig zu erkennen gilt. Und wir sehen einige Gefahren beim Thema Energiekosten. Hier geht es nicht allein darum, ob Unternehmen morgen zumachen oder abwandern. Es geht um eine genauso gefährliche, aber eben nicht so leicht sichtbare Bedrohung – nämlich um das Thema Neuinvestitionen.«

Eine Studie des IW in Köln zeigte im Frühjahr 2013, dass über die gesamte Industrie gesehen während der letzten Dekade der Kapitalstock konstant geblieben ist. »Aber wenn man in den Bereich der Energieintensiven hineinschaut, sieht das eben schon nicht mehr so gut aus. Da sind die Neuinvestitionen nicht ausreichend, um den Kapitalstock zu halten.« Deshalb müsse man sich fragen: Welche Auswirkungen hat das auf Wertschöpfungsketten? Wie wirkt sich das über diesen Kreis der unmittelbar Betroffenen morgen und übermorgen auf andere Branchen aus?

Energieeffizienz-Weltmeister

Der Wettbewerb um die Investitionen setzt voraus, dass die Prozesse über die internationalen Standorte eines Konzerns miteinander verglichen werden können.

Köplin: »Bei Bayer MaterialScience messen sich die Prozessverantwortlichen in Nordrhein-Westfalen beispielsweise mit denen der Baytown Plant in Texas.«

Weil die chemische Industrie besonders energieintensive Prozesse hat, ist Energieeffizienz für diese schon länger ein Thema. »Und wir haben sie von 1990 bis heute verdoppelt. Anders ausgedrückt: für die gleiche Produktion brauchen wir heute nur noch die Hälfte an Energie als vor 20 Jahren.« Und es ist noch mehr drin. Die Suche nach falschen Drücken, Temperaturen oder anderen Prozessparametern bringe in einigen Prozessen 7%, 8%, manchmal sogar 11%. Wesentlich deutlicher schlagen Prozessinnovationen zu Buche: »Zur Herstellung von Vorprodukten für PU-Schäume setzen wir jetzt auf ein neues Verfahren, das 60 Prozent weniger Energie als das Vorgängerverfahren verbraucht. Energieeffizienz hat einen ganz hohen Stellenwert. Wir gehen sogar so weit, dass wir den Energieverbrauch mittlerweile zur Steuerungsgröße von Prozessen machen.«

Das Beispiel Bayer-Konzern zeigt, dass Energieeffizienz einen wichtigen Beitrag zur Produktivitätssteigung und damit zur Wettbewerbsfähigkeit und Standortsicherung leisten kann. Götz Blechschmidt, Geschäftsführer des Zertifizierers DQS: »In Deutschland wird daher der Einsatz eines zertifizierten Energiemanagementsystems steuerlich belohnt. Dahinter steckt der politische Wille, hier ein Umdenken und eine Bewusstseinsbildung in Gang zu setzen.« Dass dies funktioniert, belegen die Zahlen des DQS: »Die deutsche Industrie hat eine Vorreiterrolle. Die Hälfte der bislang durchgeführten 2.500 ISO50001-Zertifizierungen betrafen in Deutschland eingesetzte Systeme. Und die Zahlen steigen weiter. Der gesetzgeberische Mechanismus trägt also dazu bei, dass sich Unternehmen in verstärktem Maß und schneller mit Energieeffizienz und Energiemanagementsystemen aktiv auseinandersetzen«, so Blechschmidt.

»Auch im Ausland setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass Energieeffizienz Wettbewerbsvorteile bietet, obwohl es dort keine Fördermechanismen gibt. Denn die Einsparpotenziale liegen im Bereich von 15 bis 25 Prozent.« Und zudem trifft die deutsche Initialzündung von Energiemanagementsystemen durch die Ausgleichszahlung auf Interesse. So hatte Blechschmidt jüngst eine Delegation aus Asien zu Besuch, die sich die Zusammenhänge erläutern ließ. Die andere Hälfte der bisherigen Zertifizierungen erfolgte im Ausland – »verstärkt inzwischen in den USA«, was für Blechschmidt ein Zeichen ist, dass dort das Thema Energie einen anderen Stellenwert bekommt. Es gilt, auch bei uns, diesen noch mehr wertzuschätzen. Barbara Minderjahn, Leiterin des Berliner VIK-Büros: »In Deutschland leisten eingesparte Watt – plakativ ›Negawatt‹ genannt – einen wichtigen Beitrag zur Energiewende. Doch darf nicht vergessen werden, dass auch hierfür investiert werden muss.« (vt)

Erschienen in Ausgabe: 05/2013