"Wettbewerb liegt uns am Herzen"

Dr. Hans-Bernd Menzel, Vorstandsvorsitzender der EEX im Gespräch

Trotz der beachtlichen Volumina, die an der European Energy Exchange AG, Leipzig, gehandelt werde, sieht Vorstandsvorsitzender Dr. Menzel deutliche Wachstumspotenziale. Emissionszertifikate und Erdgas wären interessante Handelsprodukte. Zudem habe die Industrie ihre Rolle als Marktspieler an der EEX längst nicht ausgeschöpft.

04. Februar 2004

ES:Herr Dr. Menzel, in den vergangenen vier Jahren hat sich einiges an der EEX getan: Was hat die EEX so stark gemacht?

Menzel: Die European Energy Exchange ist - wie jede echte Börse nach deutschem Recht - ein Instrument freier und fairer Preisbildung unter staatlicher Aufsicht. Im Spot- und Terminmarkt für Strom hat sie ihre Gestaltungskraft im Übergang zu einem liberalisierten Markt bewiesen; sie ist etabliert. Alle Marktsegmente sind mittlerweile als Teilnehmer des Handels vertreten: Erzeuger und Verbraucher, Energieversorger, Stadtwerke, Industrieunternehmen, Stromhändler, Banken. Fast die Hälfte der Handelsteilnehmer hat ihren Sitz im Ausland, was die Signalwirkung dieses Wegs der Liberalisierung auch über die deutschen Grenzen hinaus unterstreicht. Die Eigentümerstruktur der EEX sichert ihre Neutralität, denn insgesamt sind über 50 Unternehmen aus 12 europäischen Ländern beteiligt und kein Marktteilnehmer hält mehr als 3,5 % der Anteile; damit ist die EEX einzigartig in Europa.

Die konsequente Veröffentlichung aller börslich ermittelten Preise über die Nachrichtendienste und die EEX-Internetseite schafft Transparenz am Großhandelsmarkt für elektrische Energie. Das schafft Vertrauen. Dieses Vertrauen zeigt sich unter anderem in der Entwicklung der Handelsvolumina: Im Jahre 2003 hat EEX am Spotmarkt rund 49 TWh und am Terminmarkt rund 341 TWh umgesetzt. Im Vergleich zum Jahresstromverbrauch Deutschlands von rund 500 TWh sind dies beachtliche Größenordnungen.

ES:Welche Stellung streben sie mittelfristig im europäischen Energiemarkt an?

Menzel: Unser Name ist auch unser Programm. Deutschland hat neun Nachbarländer. Unser Ziel ist es, die EEX aus dieser zentralen Position heraus als führende Energiebörse in Europa dauerhaft zu etablieren und weiterzuentwickeln. Wir werden die bestehenden Märkte weiter ausbauen und streben auch eine Erweiterung unserer Produktpalette um andere Energie- oder energienahe Märkte wie Emissionszertifikate und Gas an. Allerdings müssen wir hier auch auf regulatorischen Fortschritt bauen; erfreulicherweise wird inzwischen auf politischer Ebene zunehmend erkannt, dass die EEX auch in der Gestaltung dieser Rahmenbedingungen Beiträge leisten kann.

ES:Die Energieszene nutzt die EEX intensiv, aber - so sagten Sie in der Vergangenheit - die Industrie nutzt die gegebenen Möglichkeiten viel zu wenig. Oft bekommen die traditionellen Wege der Strombeschaffung Vorrang.

Menzel: In der Tat ist die Industrie bislang am Großhandelsmarkt unterrepräsentiert. Von den insgesamt über hundert zugelassenen Handelsteilnehmern gehören nur fünf zu den großen industriellen Verbrauchern. Am Terminmarkt ist nur einer von ihnen aktiv. Dies verwundert, denn der Anteil der Industrie am Gesamtenergieverbrauch Deutschlands beträgt 45 %.

Allerdings sind erste zarte Anzeichen einer Bewegung erkennbar: Wir hören, dass die traditionelle Beziehung zwischen Versorgern und Kunden auf eine neue Basis, nämlich unsere Preise umgestellt wird; dies zeigt, dass die EEX als Referenz anerkannt wird. Andere Unternehmen gehen, mit meist kleineren Volumina, über Stromhändler, also indirekt an die Börse. Vertreter der industriellen Verbraucher werden auch zunehmend in unserem Börsenrat aktiv. Vielleicht müssen wir der Industrie einfach mehr Zeit zugestehen.

ES:Ich vermute, viele Unternehmen nutzen diese Chancen nicht, weil sie sich nicht sicher fühlen. Wie können die Risiken minimiert werden?

Menzel: Seit der Marktliberalisierung wird der Strompreis fortlaufend auf der Basis von Angebot und Nachfrage ermittelt; die EEX macht dies durch den Preisindex Phelix besonders transparent. Ein Unternehmen, dessen Jahresergebnis wesentlich von der Entwicklung dieses Preises bestimmt wird, hat daraus wirtschaftliche Chancen und Risiken, egal, ob es die Risiken überhaupt ermittelt. Vielleicht liegt aber in manchem Fall das höhere Risiko im Nichtstun. Die EEX bietet in unterschiedlichen Abstufungen Instrumente zur Steuerung dieser Marktpreisrisiken an. Das ist der Industrie im Übrigen durchaus vertraut. Ähnliches wird von ihr in anderen Märkten bereits seit langem praktiziert, denn die Absicherung von Währungsrisiken oder Ölpreisen gehört schon lange zu den Standards der deutschen Top-Adressen. Neu ist lediglich, derartige Instrumente auch im neuen freien Markt Strom einzusetzen.

Die EEX bietet darüber hinaus auch Sicherheit nach dem Abschluss der Geschäfte, und zwar durch ein systematisches Clearing-Verfahren, durch das alle Marktteilnehmer vor dem Ausfall eines Geschäftspartners geschützt werden.

Falls Ihre Vermutung zutrifft, haben wir hier möglicherweise eine gemeinsame Aufgabe, nämlich die geradezu vorbildlichen Sicherheitsmechanismen einer öffentlich-rechtlichen Börse transparenter zu machen.

ES: Wie können auch Industriebetriebe von der EEX profitieren, die direkt an der Börse agieren können?

Menzel: Heute beziehen die Industriebetriebe typischerweise ihren Strom über Vollversorgungsverträgen. Da vor dem jährlichen Geschäftsabschluss, meist im Herbst, Angebote mehrerer Anbieter eingeholt werden, könnte man zu der Ansicht gelangen, es herrsche bereits ausreichend Wettbewerb. Allerdings kann auch der Zeitpunkt des Geschäftsabschlusses einen entscheidenden Unterschied machen. Im Jahre 2003 konnte man beispielsweise allein durch Wahl des Zeitpunkts für den Geschäftsabschluss Preisunterschiede von über 30 % realisieren. Für ein Unternehmen, dessen Wettbewerber diesen Vorteil kennt und nutzt, kann dieser Aspekt also sehr wichtig sein.

Für mittlere und kleinere Industriebetriebe dürfte eine eigenständige strukturierte Beschaffung diverser physischer Bezugsverträge und Fahrplanlieferungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten eines Jahres allerdings zu aufwändig sein. Einfacher und kostengünstiger hingegen ist die flexible Absicherung gegen Preisschwankungen über börsliche Futures. Unternehmen, die auch zukünftig ihren physischen Bedarf über Vollversorgungsverträge decken wollen, können sich auf diese Weise für die Zeit nach Auslaufen ihres heutigen Vertrags bereits gegen Strompreisschwankungen absichern. Auch während der Laufzeit bestehender Verträge können Risiken aus den dort festgelegten Preisen durch Gegenpositionen in Futures gesteuert werden.

ES: Auch in den letzten Monaten konnte die EEX mit neuen Elementen im Produktportfolio überraschen. Auf was dürfen sich unsere Leser - vielleicht schon zur E-world energy & water - freuen?

Menzel: Die Themen Transparenz, Sicherheit und Liquidität werden im Vordergrund stehen, denn die weitere Entwicklung des Wettbewerbs im Energiesektor ist uns naturgemäß eine Herzensangelegenheit. Auch dieses Jahr stehen EEX-Mitarbeiter auf dem Stand, die ansonsten in den Börsenbetrieb direkt eingebunden sind, und unsere elektronischen Handelssysteme werden direkt am Stand verfügbar sein.

Erschienen in Ausgabe: 01/2004