Wettbewerbsvorteile mit System realisieren

Markt

Schnellere Reaktionsfähigkeit bei Angebots- und Preisschwankungen eröffnen Einsparpotenziale. Deshalb werden Handelssysteme immer stärker genutzt. Eine Studie zeigt, was sie heute können.

27. Mai 2011

In den kommenden Jahren wer-den vermehrt Energiehandelssysteme (EHS) eingesetzt, stellt eine trend:research-Studie fest (›Energiehandelssysteme 2012‹, 2. Auflage). Dies liegt einerseits an komplexeren Handelserfordernissen, andererseits an einem verstärkten Wettbewerb unter den Nutzern solcher Systeme. Nach der Studie steigt das Marktvolumen für Energiehandelssysteme (neu verkaufte Systeme pro Jahr) im Referenzszenario von 5Mio.€ im Jahr 2011 auf 8Mio.€ im Jahr 2015 an.

Der meiste Zuwachs wird in den nächsten Jahren für ›mittlere Energiehandelssysteme‹ erwartet. Zwar sind für Teilmodule geringere Umsätze pro Stück möglich, gleichzeitig stoßen sie jedoch auf einen höheren Bedarf der mittleren Energieversorger. Viele Anbieter haben anstelle von Gesamtsystemen daher Teilmodule im Angebot. Zunehmende Fusionen von Teilmodulanbietern zeigen allerdings auch, dass es in der strategischen Ausrichtung als EHS-Anbieter auf ein komplettes Portfolio ankommt.

Einsparpotenziale erschliessen

Durch den Einsatz eines Energiehandelssystems können Einsparpotenziale realisiert werden. Insbesondere die hierdurch gewährleistete schnellere Reaktionsfähigkeit bei Marktveränderungen und ständigen Preisschwankungen kann zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden. Ebenso spielen die Einsparungen durch eine optimierte und strukturierte Beschaffung eine wesentliche Rolle. Als negative Aspekte stehen einem leistungsfähigen EHS in der Regel hohe finanzielle Investitionen gegenüber. Darüber hinaus ist der Implementierungsaufwand zum Teil enorm und kann sich durchaus über einen Zeitraum bis zu zwölf Monaten erstrecken.

Die Studie belegt deutlich, dass der EHS-Markt im Umbruch ist. So verändern sich die Rahmenbedingungen für den Energiehandel in kurzen Zeitabständen, beispielsweise durch zunehmende Aktivität im Gasbereich, die verstärkte Nutzung des Emissionszertifikatehandels und die Internationalisierung des Stromhandels. EVU und Industrieunternehmen können diesen Veränderungen durch den Einsatz eines geeigneten EHS entgegentreten, das ihnen eine strukturierte Beschaffung ermöglicht.

Aktuell fünf große Anbieter

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass rund drei Viertel des deutschen Marktes aktuell von fünf großen EHS-Anbietern abgedeckt werden. Die Auswahl der aktuell auf dem Markt erhältlichen Systeme reicht von Lösungen mit grundlegenden Basisfunktionen bis hin zu umfangreichen Paketen mit vielen Zusatzmodulen im oberen Preissegment.

Alle befragten Anbieter können Strom und Gas mit ihrer Software abbilden. Immer noch eine große Mehrheit der Systeme (je 86%) decken die Commodities CO2, Kohle und Öl ab. Je 57% der Systeme lassen sich für Petrolkoks, Wärme und Wasser nutzen, 43% für Wetterderivate.

Für diese Einsatzgebiete können die Systeme eine große Zahl an Aufgaben abdecken. Am häufigsten wurde das Portfoliomanagement genannt (75%), gefolgt von Abrechnung und Risikomanagement (je 63%). Nur bei wenigen Systemen anzutreffende Aufgabenbereiche (je 13% der Nennungen) sind Deckungsbeitragsrechnung,Kalkulation, Price-Forward-Curves, Prognosen, Stilllegung von Zertifikaten, Transaktionen und eine Übersicht der Bestände. Die einmaligen Kosten für die Anschaffung lagen bei den befragten Experten im Durchschnitt bei rund 325.000 €, wobei die Spanne von 60.000 € bis hin zu rund 1 Mio. € reicht. Die meisten Systeme lagen bei ihrer Anschaffung bei einem Preis zwischen 150.000 und 300.000 €. Die Servicekosten sind ebenfalls nicht einheitlich zu beziffern. Laut Aussage der Softwarenutzer lagen sie zwischen 35.000 und 180.000 € pro Jahr, der Durch-schnitt liegt bei 113.000 € jährlich.

Zwei Drittel der befragten Anbieter decken mit ihren Systemen die Bereiche Handel und Vertrieb ab. Mit der Hälfte der Softwaresysteme lässt sich der Einkauf abbilden, je ein Drittel umfassen die ›komplette Wertschöpfungskette‹ beziehungsweise den Bereich Finanzen. Mit 17% der Systeme lassen sich Szenarioberechnungen durchführen.

Vorteil: Schnelle Übersicht

Bei den Befragten, die aktuell schon ein EHS nutzen, stehen die Energiesparten Strom (92%) und Gas (69%) an oberster Stelle. Jedoch ist im Vergleich zu den potenziellen Nutzern der Anteil derer, die das System auch zur Abdeckung des Gashandels verwenden, geringer. Mögliche Erklärung: Funktionalitäten für Gas können noch nicht so lange in den Systemen abgebildet werden wie der Bereich Strom.

Aktuell sehen Nutzer von EHS die Vorteile in der Bündelung der gesamten Handelsaktivitäten in einem System und in der Möglichkeit zum gezielten Risikomanagement (je 22%). Ebenfalls positiv werden die Transparenz und die verbesserten Funktionalitäten hervorgehoben (je 19%). Die Nachteile liegen laut Meinung der derzeitigen Nutzer im Flexibilitätsverlust, der durch die Anpassung der Unternehmens- und Handelswirklichkeit an die Softwaremöglichkeiten entsteht, im Aufwand für kontinuierliche Updates und für die personelle Einarbeitung in die Softwarefunktionen (je 14%). Der Anteil derer, die keine Nachteile durch ihr EHS für ihr Unternehmen sehen, ist mit 39% jedoch relativ hoch.

Potenzielle EHS-Nutzer sehen den Vorteil durch ein solches System am ehesten in der Schnelligkeit und Übersichtlichkeit (je 21%), dicht gefolgt von der Arbeitsvereinfachung mit 17%. Weiterhin wurden die Einsparung der Arbeitszeit und der finanziellen Aufwendungen erwähnt. Genannt wurde außerdem auch die Möglichkeit zur flexiblen und individuellen Anpassung (jeweils 10%).

Neuer Vertriebsweg für Energielieferanten und -berater

Die vom Bayreuther Energiedienstleister Ispex AG entwickelte elektronische Handelsplattform für Strom und Gas ›energie-handelsplatz.de‹ wurde Anfang Februar in eine eigene GmbH ausgegründet. Dies gewährleistet weiteren Beschaffungsmittlern bei der Nutzung der Plattform größtmögliche Neutralität und Unabhängigkeit von den übrigen Teilnehmern des Energiemarktes. Das Angebot richtet sich sowohl an Energielieferanten als auch an Energieberater und -makler.

Auf dem Gemeinschaftsstand junger innovativer Unternehmen bei der diesjährigen E-world im Februar war die elektronische Auktions- und Ausschreibungsplattform für Strom und Gas eines der Highlights: Bereits vor der Ausgründung hatte Ispex als bis dahin alleiniger Betreiber rund 2 TWh im Rahmen von etwa 600 Beschaffungsprojekten auf der Plattform ausgeschrieben.

Auf energie-handelsplatz.de initiieren Energieberater für ihre Kunden Auktionen und Ausschreibungen zur Beschaffung von Strom und Gas. Dabei werden in der Regel Vollversorgungsverträge zum einen durch Stichtagsbeschaffung zu auktionierten Festpreisen vermittelt, zum anderen freie Ausschreibungen mit individuellen Bezugsmodellen durchgeführt. Durch die künftig gemeinschaftliche Nutzung wird sich das Handelsvolumen der Commodities stark erhöhen.

energie-handelsplatz.de wird damit eine bedeutende Nachfragemacht im Energiemarkt darstellen. Energielieferanten profitieren von dieser gebündelten Nachfrage und gewinnen ohne zusätzlichen Vertriebsaufwand neue Kunden.

»Unser Ziel ist es«, so Dr. Stefan Arnold, Vorstand der Ispex AG, »energie-handelsplatz. de als bedeutendste unabhängige Auktions- und Ausschreibungsplattform für die Strom- und Gasbeschaffung für Industrie- und Großgewerbekunden zu etablieren. Wir wollen dann als einer von zahlreichen Energieberatern auf der Plattform vertreten sein. Mit einigen Brokern sind wir bereits in fortgeschrittenen Gesprächen.«

Zur Vermittlung von Energieversorgungsverträgen zwischen Energieanbietern und abnehmenden Unternehmen schreiben Energiebroker auf energie-handelsplatz.de den Strom- oder Gasverbrauch der betreuten Gewerbe- und Industriekunden bundesweit aus. Dabei werden in der Regel Vollversorgungsverträge zwischen Unternehmen und teilnehmenden Energielieferanten geschlossen. Besonderheiten des Online-Systems sind das Auktionsverfahren mit vorgelagerter automatischer Lieferantenauswahl sowie ein integriertes Provisionssystem mit flexiblen Provisionshöhen.

Erschienen in Ausgabe: 05/2011