Wettlauf mit der Zeit

Spezial Kraftwerke

CCS - Der gesetzliche Rahmen für die Abscheidung und Speicherung von CO2 lässt weiter auf sich warten. Inzwischen drängt die Industrie zur Eile und Vattenfall bangt um sein Demonstrationsprojekt in Jänschwalde.

09. April 2010

Im Rennen um Fördergelder aus dem Europäischen Konjunkturprogramm (EEPR) ist Vattenfall Europe als Klassenbester über die Ziellinie gekommen: Als eines von sechs europäischen CCS-Vorhaben (Carbon Capture and Storage) darf das im Brandenburgischen geplante Demokraftwerk mit bis zu 180Mio.€ Unterstützung rechnen. Dennoch fragt sich Vattenfall-Chef Tuoma Hatakka: »Wie geht es weiter mit dem Projekt?«

Noch immer ist die im vergangenen April von der EU verabschiedete CCS-Richtline nicht in nationales Recht überführt. Solange der gesetzliche Rahmen fehlt, werde es keine Investitionsentscheidung für das 385-MW-Projekt geben, so Hatakka bei einer Tagung des Informationszentrum klimafreundliches Kohlekraftwerk (IZ Klima) in Berlin.

Die Zeit drängt, wenn die Anlage, wie von der EU gewünscht, spätestens Ende 2015 ans Netz gehen soll. Denn am CCS-Gesetz hängt ein weiterer EU-Fördertopf und damit die Finanzierung: Bis 2015 wird die Kommission Auktionserlöse von 300Mio.CO2-Zertifikaten an innovative Energieprojekte vergeben. Bei einem Preis von 20 bis 30€ pro Tonne CO2 stünden 6 bis 9 Mrd.€ zur Verfügung. Der Großteil dieser Gelder aus der sogenannten Neuanlagenreserve soll in acht bis zwölf CCS-Demovorhaben fließen. Jänschwalde, laut Kommission das qualitativ beste, dürfte zu den Empfängern zählen. Jedoch nur, wenn das CCS-Gesetz noch dieses Jahr verabschiedet wird, so Hatakka.

»Die Uhr tickt. Wenn die Richtlinie nicht rechtzeitig umgesetzt wird, haben wir die skurrile Situation, dass Deutschland mehr als 30 Prozent in die Neuanlagenreserve einzahlt, aber kein einziges Demokraftwerk baut«, so der Vattenfall-Chef. Das Scheitern des Gesetzes im vergangenen Jahr sei ein Rückschlag für den Klimaschutz in Deutschland. »Im Wettlauf um die CCS-Technologie hätte man die Pole-Position haben können.«

Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) will das Vorhaben immerhin vorantreiben und sich dabei im Wesentlichen auf den unter der schwarz-roten Koalition liegengebliebenen Entwurf stützen, wie Staatssekretär Jochen Homann sagt. Diskutiert werde auch eine abgespeckte Version des Regelwerks, die nur für die geplanten Demoanlagen gelten würde.

Laut Homann habe der Text vom April 2009 Umwelt- und Sicherheitsstandards vorgesehen, die über die EU-Vorgaben hinausgehen. Trotzdem sei der Widerstand gegen die Untertage-Speicherung ungebrochen. Mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz sei das »entscheidende Thema für die Anwendung der Technik«. Hauptursache sei fehlende Kenntnis über CCS. Man müsse besser aufklären und die Ängste der Bevölkerung ernst nehmen.

Auch bei den gewöhnlich gut informierten Landesregierungen ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten. »Wir haben eine Spannbreite von Totalverweigerung in Schleswig-Holstein bis Interesse in Brandenburg«. Da sich die größten Speicherkapazitäten im norddeutschen Tiefland befinden, hat das Votum Schleswig-Holsteins besonderes Gewicht.

USA schon weiter

Noch zu klären sei insbesondere, inwieweit die Länder bei der Standortwahl der Speicher und den Kriterien für die Einlagerung mitwirken dürfen, so Detlef Dauke, Leiter Abteilung Energiepolitik im BMWi. Auch in Haftungsfragen sei das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Nach dem Gesetzentwurf der Vorgängerregierung würden die Speicherbetreiber nach 40 Jahren Betrieb plus weiteren 30 Jahren aus der Haftung entlassen. Danach stünden die Länder in der Verantwortung. Auf Landesebene jedoch sieht man CCS als gesamtstaatliche Aufgabe und somit den Bund in der Pflicht, sollten die Speicher in ferner Zukunft undicht werden.

Angesichts der offenen Fragen dürfte ein CCS-Vorschaltgesetz der Königsweg sein. Befristet und auf wenige Demoprojekte zugeschnitten, wäre eine abgespeckte Version wohl am ehesten kurzfristig realisierbar. »Es muss sich nicht um ein finales Gesetz handeln«, sagte Staatssekretär Homann. Abstriche bei der Sicherheit werde man aber nicht machen, so BMWi-Abteilungsleiter Dauke. »Es wird kein CCS-Gesetz light geben.«

Indes mahnt auch die Industrie zur Eile. »Wir dürfen mit dem Gesetz nicht bis 2011 warten«, fordert Nicolas Vortmeyer, Abteilungsleiter Neue Technologien im Bereich fossiler Stromerzeugung bei Siemens Energy. Um ein Demokraftwerk bis 2015 ans Netz zu bekommen, müssten noch 2010 alle für die Investition nötigen Entscheidungen getroffen sein, einschließlich der Finanzierung.

»Die USA sind uns in Auswahl und Förderung der Projekte voraus«, sagt Vortmeyer. So erhalten Siemens-Kunden in Texas und Illinois mit je 350Mio.US-$ großzügig Unterstützung aus dem Energy-Department. Die beiden CCS-Anlagen mit integrierter Kohlevergasung (IGCC) sollen 2014 und 2015 in Betrieb gehen. Das Investitionsvolumen: 2oder 3,5 Mrd.$. Dazu Vortmeyer: »Zum Glück kommt die Technik aus Deutschland.«

Auch Alstom hat den Großteil seiner bisher zehn CCS-Anlagen im Ausland realisiert, einige davon in den USA. Letzten Oktober etwa ging eine Post Combustion CCS-Anlage mit 20 MW elektrischer Leistung am AEP-Steinkohlekraftwerk Mountaineer, West Virginia, in Betrieb.

Im Ausland sei die Unterstützung größer, so auch Marcus Scholz, Vertriebsdirektor General Electric Energy Europe. »Wir wünschten, IGCC und CCS bekämen dieselbe Aufmerksamkeit in Deutschland.« <

Hans Forster

Erschienen in Ausgabe: 2-3/2010