Wiederbelebung unterm Strich geglückt

Management - Rekommunalisierung

Kooperation - Die Stadt Springe hat die Stromversorgung wieder in eigenen Händen und dafür Partner an Bord geholt. Die Netzübernahme ist noch nicht abgeschlossen.

01. Oktober 2012

>Springe 2004: Die Stromversorgung der Kleinstadt mit 30.000 Einwohnern leistet schon seit Jahren der Versorger E.on Avacon, ebenso liegen Gas- und Wasserversorgung nicht mehr in städtischen Händen.

»Die Stadt hatte keinen Einfluss mehr auf die örtliche Energieversorgung und erhielt lediglich die gesetzlich geregelte Konzessionsabgabe«, so Jörg-Roger Hische, Bürgermeister in Springe. »Daher ließen wir mit Blick auf den im März 2006 auslaufenden Konzessionsvertrag zur Stromversorgung ein Gutachten erstellen, ob und in welchem Umfang eine Rekommunalisierung der Energieversorgungsstrukturen möglich sei.«

Eine solche Revision einstiger Privatisierung bietet einer Kommune neben wirtschaftlichen Vorteilen unter anderem die Möglichkeit, durch den lokal gesteuerten Ausbau volkswirtschaftlich relevanter Infrastrukturen einen stärkeren Einfluss auf die Stadtentwicklung auszuüben.

Auf dem Weg zur Marke

Gleichzeitig stehen die Kommunen jedoch oft vor großen – auch juristischen – Herausforderungen, bevor sie die Stromkonzession übernehmen können. So auch Springe: Durch jahrelange Privatisierung stand das notwendige Know-how einer eigenständigen Energieversorgung nicht mehr zur Verfügung.

Auch stellt die Netzübernahme ein gewisses Risiko hinsichtlich des Kaufpreises und zukünftig zu erzielender Netznutzungsentgelte dar. Kaufmännische Risiken durch die Teilnahme am Energieversorgungsmarkt spielten ebenfalls eine Rolle.

2007 bescheinigten die beauftragten Gutachter der Stadt, dass eine Rekommunalisierung vertretbar wäre, aber nur mit einem strategischen Partner. Dadurch ließen sich die fehlenden Kompetenzen ergänzen und wirtschaftliche Risiken minimieren.

Nach einer folgenden Ausschreibung entstand 2008 eine Minderheitenbeteiligung der Bietergemeinschaft Veolia Wasser, der Braunschweiger BS|Energy und der Stadtwerke Hameln an der Stadtwerke Springe GmbH. Die neu aufgestellten Stadtwerke erhielten die Konzession für die Stromversorgung.

Gleichzeitig wurde mit dem Aufbau einer technischen Infrastruktur begonnen und ein Betriebsstützpunkt eröffnet. Wesentlich vor dem Beginn des Vertriebs war es, die Stadtwerke Springe als Marke aufzustellen.

Hier konnte BS|Energy die Neugründung mit Know-how unterstützen. Das Unternehmen hatte bereits 2007 die Stadtwerke Thale übernommen und war damit seiner Unternehmensphilosophie gefolgt, die regionale Nähe zu Kunden als Grundlage für die Vermarktung zu nutzen.

Hohe Pachtzahlungen

Auch in Springe rückt die Kommunikationsstrategie für die Stadtwerke den Bezug zur Region in den Mittelpunkt. Unter dem Claim »Meine Energie aus Springe – nichts liegt näher« erarbeitete die Corporate-Design-Agentur wirDesign eine zahlreiche Kommunikationskanäle umfassende Marketingkampagne.

»Unser Fokus lag darauf, die Bürgernähe herauszustellen«, so Jan Straßenburg, verantwortlich für das Konzept. Dabei identifizierte das Team vier Kernaspekte: geografische Nähe, gemeinsame Interessen des lokalen Anbieters und der Bürger an der Region, persönliche Vorteile für den Kunden durch die Regionalität und kulturelle Nähe der Stadtwerke durch ein Sponsoringprogramm. »Alle vier teilen sich im Schnittpunkt die Zugehörigkeit der Stadtwerke zu ihrem Standort.«

Darüber hinaus gestalteten die Stadtwerke einen gezielt auf die Region zugeschnittenen Internetauftritt. Außerdem eröffneten sie ein Kundenbüro in der Innenstadt von Springe. Über diese Kanäle zeigen die Stadtwerke ihre Bürgernähe – oft ein Manko vieler großer überregionaler Energieversorger. Springe 2012: Seitdem im Oktober 2008 mit dem Vertrieb von Strom und Gas durch die Stadtwerke begonnen wurde, hat das Unternehmen bis zum jetzigen Zeitpunkt rund 12.000 Kunden gewonnen und liefert sich derzeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Grundversorgerstatus mit E.on Avacon.

Auch die Ertragssituation der Stadtwerke ist ausgeglichen. Sie leidet jedoch darunter, dass die Verhandlungen zur Übernahme des Stromnetzes bislang nicht abgeschlossen sind. Da die aktuelle Vertragsgrundlage ein unter Vorbehalt angenommener Pachtvertrag ist, fallen bis zur endgültigen Klärung hohe Pachtzahlungen an.

Trotzdem sieht die Stadt Springe die Wiederbelebung der Stadtwerke positiv. Seit Beginn der Geschäftsaktivitäten haben sich die Stadtwerke als Dienstleister in verschiedenen Bereichen etabliert. Dazu gehören unter anderem Investitionen in E-Mobilität, eine öffentliche Elektro-Tankstelle mit kostenloser Lademöglichkeit und eine Kooperation mit Fahrradhändlern für den Vertrieb von E-Bikes sowie eine Vielzahl von Maßnahmen im Bereich erneuerbare Energien.

Lokale Wertschöpfung

Für die Stadt bedeutet der Erfolg der Stadtwerke nach eigenen Angaben eine Stärkung der lokalen Wertschöpfung und Kaufkraft vor Ort, verbunden mit der Sicherung der Arbeitsplätze. Die Kunden profitierten durch regionale Nähe und geringere Versorgungskosten.

Und auch die Partner können durch Gewinnausschüttung und einen Betriebsführungsvertrag Nutzen aus der Verbindung ziehen. »Wir beliefern rund 50 Prozent der Bevölkerung in Springe mit unseren Dienstleistungen und sind so in er-freulich kurzer Zeit zu dem zentralen Versorger in der Region geworden«, sagt Francis Kleitz, Vorstandsvorsitzender BS|Energy.

Gas als weitere Option

Das Unternehmen hat seit der Beteiligung in Springe bereits zwei ähnliche Projekte gestartet: Seit 2009 ist es mit Veolia Partner der Stadtwerke Pulheim. 2011 begann die Zusammenarbeit mit der Stadt Königslutter, Samtgemeinde Nord-Elm und Gemeinde Mariental, die im Verbund die Stadtwerke Elm-Lappwald gründeten.

Springe wird aufgrund der positiven Erfahrungen eine zum 30. Juni 2014 anstehende Neuvergabe des Konzessionsvertrages zur Gasversorgung zwar grundsätzlich ergebnisoffen prüfen, dennoch aber mit einer deutlichen Präferenz für eine mögliche Ausweitung der Geschäftsfelder ihrer Stadtwerke.

Erschienen in Ausgabe: 08/2012