Win win für Familie und Arbeitgeber

Menschen

Fachkräfte - Familienfreundliche Arbeitszeitmodelle geben oft den Ausschlag bei der Wahl des Arbeitgebers. Eine Initiative zeigt Beispiele und gibt Tipps.

06. April 2011

Die Energiebranche wächst und verzeichnet seit Jahren ein Umsatzplus. Durch dieses Wachstum steigt zugleich der Bedarf an Nachwuchsingenieurinnen und -ingenieuren und anderen Fachkräften, zum Beispiel im Bereich der erneuerbaren Energien.

Allein zwischen 2004 und 2009 stieg die Zahl der Beschäftigten in diesem Sektor von 160.500 auf 340.000, wie eine Studie des Bundesumweltministeriums belegt. Bis zum Jahr 2020 wird ein Anstieg auf 450.000 bis 580.000 Beschäftigte erwartet.

Um diesen Bedarf an Fachkräften zu decken, reichen attraktive Gehälter längst nicht mehr aus. Eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung hat ergeben, dass die Familienfreundlichkeit für 90% der Beschäftigten zwischen 25 und 39 Jahren mit Kindern bei der Arbeitgeberwahl mindestens so wichtig ist wie das Gehalt. »Wer Mitarbeiter an sein Unternehmen binden oder neue Fachkräfte gewinnen will, für den sind innovative Arbeitszeitmodelle unverzichtbar«, sagt der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Hans Heinrich Driftmann.

Flexibilität als Vorteil

Um Arbeitgebern die Vorteile einer familienbewussten Arbeitszeitgestaltung aufzuzeigen und sie bei der Umsetzung zu unterstützen, hat das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) im Herbst 2010 gemeinsam mit dem DIHK die Initiative ›Familienbewusste Arbeitszeiten‹ gestartet. Ein Leitfaden bietet Tipps zur Umsetzung, und in einer Datenbank mit mehr als 100 Beispielen zeigt die Initiative die Bandbreite flexibler Arbeitszeitmodelle, die viele Arbeitgeber und Beschäftigte bereits nutzen. »Familienbewusste Arbeitszeiten bringen klare Vorteile für alle Beteiligten«, sagt Bundesfamilienministerin Kristina Schröder.

Dass die angebotenen Arbeitszeitmodelle oft den Ausschlag bei der Arbeitgeberwahl geben, bestätigt Sylvia Reckel, Personalleiterin bei Windwärts Energie in Hannover: »Durch die Angebote zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie insbesondere im Bereich Arbeitszeiten entstehen Wettbewerbsvorteile bei der Gewinnung von qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das wird immer wieder in Bewerberinterviews deutlich.«

Mit flexiblen Möglichkeiten, Arbeit und Familie zu vereinbaren, will Windwärts das kreative Potenzial seiner motivierten Beschäftigten langfristig sichern. Deren Altersdurchschnitt liegt bei 37,5 Jahren. Viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben somit bereits Kinder oder sind in der Familiengründungsphase.

Neben einem Jahresarbeitszeitmodell bietet das Unternehmen den Beschäftigten daher verschiedene Teilzeitmodelle an und ermöglicht auch längere Auszeiten. Alle Beschäftigten, auch diejenigen mit Führungsaufgaben, können ihre Arbeitszeiten flexibler gestalten und ihre Aufgaben auch in Telearbeit von zu Hause aus erledigen. Die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten in vollzeitnaher Teilzeit, also zwischen 75 und 80% der Arbeitszeit einer Vollzeitstelle. In der Phase des Wiedereinstiegs nach der Elternzeit liegt die Stundenzahl aber auch deutlich niedriger.

»Unsere Beschäftigten fühlen sich in hohem Maße für ihren Arbeitsbereich verantwortlich und sind auch außerhalb ihrer regulären Arbeitszeiten für Unternehmensbelange ansprechbar«, so die Personalleiterin weiter. Das Unternehmen vertraue auf deren hohe Eigenmotivation und komme ihnen im Gegenzug bezüglich ihrer familiären Belange entgegen. »Das sind die Schlüssel für unseren Unternehmenserfolg in den letzten Jahren, und daher werden wir auch zukünftig an diesen Arbeitszeitmodellen festhalten.«

Wie Beschäftigte von familienbewussten Arbeitszeiten im Arbeitsalltag profitieren, zeigt ein anderes Beispiel aus der Datenbank der Initiative. Alexander Heidt arbeitet für skytron energy, einem Mittelständler, der in Berlin Hard- und Software zur Überwachung von Photovoltaik-Kraftwerken anbietet.

Geben und Nehmen

Der Softwarenentwickler ist Vater von zwei Söhnen. Er arbeitet zwar in Vollzeit, kann sich seine Woche aber flexibel einteilen, denn er nutzt eine flexible Gleitzeitregelung. Dadurch kann Heidt trotz Kernarbeitszeiten später ins Büro kommen oder früher gehen. Zwei Tage die Woche arbeitet er außerdem im Home-Office. Schon nach der Geburt seines ersten Sohnes war der Vater in Teilzeit beschäftigt. Das jetzige Modell gefällt ihm aber aufgrund der höheren Flexibilität bei den Arbeitszeiten besser: »Jetzt kann ich mich während der beiden Tage im Home-Office auch tagsüber um die Kinder kümmern.«

Die arbeitszeitliche Flexibilität bei skytron energy schätzt der Softwareentwickler sehr. »Natürlich hat die Bereitschaft meiner Firma, familienbewusste Arbeitszeiten anzubieten, mich auch über all die Jahre im Unternehmen gehalten. Warum soll ich mich bei solchen Konditionen nach einem anderen Arbeitgeber umsehen?«

Flexible und familienbewusste Arbeitszeitmodelle können die Attraktivität als Arbeitgeber erhöhen und Fachkräfte halten: Windwärts Energie und skytron energy sind zwei von vielen Beispielen, die zeigen, dass es funktionieren kann.

Die Umsetzung solcher Modelle gelingt allerdings nur, wenn beide Seiten – Arbeitgeber und Beschäftigte – die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als ein Geben und Nehmen gestalten. Zudem müssen Unternehmensleitung und Führungskräfte hinter einer solchen Personalpolitik stehen. Bevor ein entsprechendes Modell umgesetzt wird, sollte die Geschäftsleitung es an die gesamte Belegschaft kommunizieren. Die Beschäftigten müssen etwa wissen, was damit erreicht werden soll und wie sie von den Veränderungen profitieren können.

Erschienen in Ausgabe: 03/2011