Windkraft erreicht neue Größenordnungen

Weltgrößte Windenergieanlage binnen zwei Wochen errichtet

Sie eigent sich für die See, die E-112. Doch zunächst wurde die 4,5-MW-Windkraftanlage zu Lande aufgestellt. An einem Prototypen in Egeln will Hersteller Enercon Erfahrungen sammeln. Zudem können sich dort Bürger von den Qualitäten der Rekordmaschine überzeugen.

17. Februar 2003

Ein sonniger Tag Ende August: Zwei der drei 52 m langen Rotorblätter stehen auf dem Gelände von Abeking und Rasmussen - bereit zur Reise nach Egeln, wo Enercon mit der E-112 die weltweit größte Windenergieanlage ans Netz nimmt. Das Binnenschiff „Freiheit 1“ nimmt das erste Blatt in Empfang. Ein 400-t-Kran hebt das Rotorblatt an der Flanschseite am Transportgestell empor, während am anderen Blattende ein 250-t-Kran von Enercon die Blattspitze anhebt. Schnell ist das Rotorblatt im Laderaum verstaut und wird sorgfältig mit Seilen gesichert.

Das 85 m lange und 9 m breite Europaschiff transportiert gewöhnlich 1.300 t Cellulose für eine Papierfabrik. Jetzt ist der 56 m lange Frachtraum fast vollständig ausgefüllt mit einem einzigen, 20 t leichten Rotorblatt. Um wie gewohnt Brücken unterqueren zu können, muss das Schiff zusätzlich 400 t Gewicht aufnehmen, damit es tiefer im Wasser liegt. Zweieinhalb Tage dauert die Fahrt bis zum Hafen in Vahldorf. Mit einem eigens für die gigantischen Rotorblätter konstruierten Spezialtransporter geht es an drei Abenden jeweils um 21 Uhr in Begleitung einer Polizeieskorte von Vahldorf 30 km über die Bundesstraße bis zur Baustelle in Egeln. Blatt für Blatt wird einzeln transportiert.

Der Aufbau der neuen Enercon-Anlage sollte eigentlich drei Wochen dauern, doch dann stand der Prototyp der 4,5-MW-Anlage in Egeln bei Magdeburg bereits nach knapp zwei Wochen. Die Montage unterschied sich in vielerlei Hinsicht von den bisherigen Abläufen, zum Beispiel beim Errichten einer E-66. So wanderten die Gondelkomponenten Stück für Stück in vormontierten Baugruppen mit Gewichten bis zu 110 t in eine Höhe von 124 m. Dabei wurden die schweren Komponenten von zwei 600-t-Kranen in Tandemhüben gezogen.

„Wir haben unsere 4,5-Megawatt-Anlage in einen Windpark bei Magdeburg mit E-66 und E-40 gestellt, um den Menschen das visuelle Erscheinungsbild und den Schallpegel des Prototypen neben den kleineren Anlagen zum direkten Vergleich anzubieten. Dabei wurde deutlich, dass sich auch eine E-112 in das Landschaftsbild eingliedern kann. Der visuelle Unterschied zur E-66 ist gar nicht so groß“, meinte Enercon-Geschäftsführer Aloys Wobben zum Standort der E-112.

Vor der Inbetriebnahme beschäftigen sich die Enercon-Spezialisten mit dem elektrischen Anschluss und Funktionstests. Außerdem sammeln sie Erfahrungen mit der neuen elektronischen Anlagensteuerung. Sobald der Riese unter den Windkraftanlagen erst einmal Strom ins Netz einspeist, wird sein Betriebsverhalten über ein Jahr lang auf Herz und Nieren untersucht. Das Augenmerk richtet sich sowohl auf Kräfte, die auf die Anlage wirken, als auch auf die an Komponenten auftretenden Belastungen.

Der zweite Prototyp entsteht im Jahr 2003 - ebenfalls zu Lande in Wilhelmshaven. Das dritte E-112 Projekt wird - voraussichtlich auch im kommenden Jahr - das Unternehmen Winkra verwirklichen, dann allerdings 500 m vor der Küste von Wilhelmshaven.

Erschienen in Ausgabe: 11/2002