"Wir befinden uns auf dem Stand von vor 100 Jahren"

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Smart - Meter Die Umsetzung von intelligenten Zählern geht in Deutschland noch eher schleppend voran. Wir sprachen mit Rolf Benken, Geschäftsführer der EVB Energy Solutions, über Strategien und Zukunftsvisionen.

04. Mai 2011

2020 erhalten alle Haushalte elektronisch eine monatliche Verbrauchsinformation. Die gesamte Messdatenverarbeitung in den Energieversorgungsunternehmen ist automatisiert. Geschätzte Werte, wie heute üblich, gehören der Vergangenheit an. Ein kleiner, aber wichtiger Teil der Endkunden nimmt mit Smart-Home- und Smart-Grid-Lösungen aktiv am Energienetz teil.

Deutschland ist aktuell bei Smart-Meter-Umsetzung in Europa eher Schlusslicht.

In Deutschland versucht man gleich den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen. Andere Länder haben damit angefangen, dass sie Endkunden etwa durch monatliche Rechnungen dazu bringen, sich mit dem eigenen Verbrauch auseinanderzusetzen. Der zweite Schritt ist dann, mehr Verbraucher zu einer aktiven Rolle in der Energieversorgung der Zukunft zu bringen. Denn Smart Meter sind die Grundvoraussetzung, damit Endkunden ihr Verhalten und ihren Energieverbrauch in Beziehung setzen können. So entsteht erst die Bereitschaft, eine aktive Rolle in der Energieversorgung der Zukunft zu spielen.

Falls wir in Deutschland aufgrund der aktuellen Entwicklungen künftig auf Erneuerbare, Speicher und dezentrale Lösungen setzen – welche Rolle könnten dabei Smart-Meter-Strukturen spielen?

Für die Erfassung des Energieverbrauchs befinden wir uns auf dem Stand von vor 100 Jahren. Es ist bereits eine Herausforderung, diese auf den Stand von heute kostendeckend verfügbar zu heben. Und auf dem Weg in eine solche Energieversorgung muss man den Bürger natürlich mitnehmen. Leider beschäftigt sich die öffentliche Diskussion fast ausschließlich mit den Lösungen, die man den interessierten Endkunden anbieten kann. Dabei wird vergessen, dass man bei Endkunden erst einmal Interesse wecken muss.

Momentan gibt es unterschiedliche Kommunikationslösungen, etwa Powerline-Communication oder DSL. Provokant gefragt: Hat jede Technik ihre Berechtigung oder wird es ein Hauen und Stechen geben, bis sich eine Möglichkeit durchsetzt?

Flächendeckende Smart-Metering-Infrastrukturen müssen vor allem kostengünstig Messdaten für Verbrauchsinformationen und automatisierte Prozesse liefern. Dann lassen sich Prozesse der Versorger effizienter abwickeln und Kunden können besser informiert werden. Dass Daten erst einen Tag später bereitstehen, ist meist egal.

Die laufenden Kommunikationskosten sind im flächendeckenden Einsatz bei Schmalband-PLC und bei Funklösungen konkurrenzlos. Bei Smart Home und Smart Grid andererseits ist Echtzeitinformation wichtig. Hier ist der Kunde aber auch bereit, die für seinen Mehrwert ›Echtzeit‹ entstehenden Kosten zu tragen.

Es wird jedoch immer unterschiedliche Kommunikationswege und -protokolle geben, die für eine spezifische Infrastruktur optimiert sind. Eine Vereinheitlichung erfolgt durch Software wie etwa Meterus.

Wie kann Smart Metering für EVU und Netzbetreiber denn wirtschaftlich dargestellt werden?

Der Nutzen von Smart Metering steckt in der Steigerung von Prozesseffizienz und der besseren Beschaffung. Damit ist es heute bereits wirtschaftlich darstellbar.

Für den Einbau eines Zählers allein bezahlt kein Endkunde etwas. Nur wenn das EVU einen auf den Möglichkeiten der Smart Meter basierenden Mehrwert schafft, dann bezahlt der Kunde für diesen Mehrwert. Dazu gehört auch die Möglichkeit, flächendeckend auf Kunden zugeschnittene Tarife anbieten zu können.

Was bieten die intelligenten Zähler hier für Möglichkeiten?

Tarife müssen für den Kunden nachvollziehbar sein. Sie müssen deshalb im Zähler abgebildet werden. Nur mit bidirektional kommunizierenden Zählern, die über mehrere Tarifregister verfügen, können solche Tarife einer breiten Kundenbasis angeboten werden. Die EnWG-Novelle 2011 soll endlich eine Bilanzierung auf Zählerstandsgängen erlauben. Erst dann sind solche Tarife sinnvoll einsetzbar.

VITA

Rolf Benken

• Der Diplom-Volkswirt ist seit 2010 Geschäftsführer (COO) der EVB Energy Solutions. Das Unternehmen realisiert Smart-Metering-Lösungen für EVU und Netzbetreiber. Gemeinsam mit der Beratungsgesellschaft LBD sind mehrere Studien zu Smart Metering herausgegeben worden.

• Er war seit 2005 im Vorstand der vor-herigen EVB Energie. Diese wurde nach der Übernahme durch Diehl Metering in EVB Energy Solutions umfirmiert.

Erschienen in Ausgabe: 04/2011