»Wir müssen bei der Flexibilisierung ansetzen«

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LEW-Vorstandsmitglied Norbert Schürmann über die Rolle seines Unternehmens in einem bayerischen Forschungsprojekt. Der Versorger vermarktet die Regelenergie eines energieintensiven Betriebes in der Nähe von Augsburg.

23. Oktober 2014

Herr Schürmann, die Lechwerke sind Partner des Ende 2012 gestarteten Forschungsverbunds ›For-Energy Die energieflexible Fabrik‹. Im Rahmen des Projekts vermarktet LEW die Regelenergiekapazitäten eines energieintensiven Unternehmens aus der Nähe von Augsburg. Welche Zwischenbilanz ziehen Sie bislang?

Die Kooperation läuft erfolgreich: Die SGL Group kann die Produktion ihrer stromintensiven Graphitöfen innerhalb bestimmter Grenzen flexibel steuern. Seit mehr als einem Jahr meldet SGL wöchentlich oder täglich an uns, in welchen Zeitfenstern und welchem Umfang ›Stromnachfrage auf Abruf‹ möglich ist.

Diese Flexibilität stellen wir täglich auf der Auktionsplattform für die Minutenreserve ein. Der beste Beweis für die Wirtschaftlichkeit: SGL hat diese Form der Regelenergievermarktung inzwischen auch an einem zweiten Standort eingeführt.

Bei For-Energy arbeiten mehr als 30 energieintensive Industriebetriebe mit Energieversorgern aus der Region eng zusammen. Wird es künftig häufiger solche Regionalverbünde geben?

Ein Erfolgsfaktor der Energiewende ist der Ausgleich der Schwankungen bei der Erzeugung. Wir müssen bei der Flexibilisierung des Verbrauchs ansetzen.

Die Lechwerke bearbeiten dieses wichtige Thema in verschiedenen Innovationsprojekten. Dazu gehören Pilotprojekte zu Smart Grids und Energiespeichern, Kooperationen mit einzelnen Unternehmen oder auch Forschungsverbünden. Um zu zeigen, zu erproben und zu untersuchen, was möglich und sinnvoll ist, müssen Wissenschaft, Industrie und Energieversorger auch künftig intensiv zusammenarbeiten.

Großverbraucher betreiben teils bereits seit Jahren Lastmanagement. Aber es gibt nach wie vor Vorbehalte. Braucht es hier in Zukunft noch mehr Kommunikation, um das Thema Regelenergie bekannt und transparent zu machen?

Initiativen wie For-Energy und unsere Zusammenarbeit mit SGL in diesem Bereich tragen dazu bei, das Thema bekannter zu machen. Der intensive Austausch, der so stattfindet, ist wichtig, um Potenziale erkennen, bewerten und nutzen zu können.

Ein Beispiel ist die Frage, wie die Laststeuerung im Einzelfall am besten gelöst wird: Bei Notstromaggregaten etwa ist ein vollautomatischer Betrieb durch den Energieversorger sinnvoll. Bei komplexen Industrieprozessen dagegen erhält das Unternehmen lediglich ein Startsignal. Die Anlagensteuerung selbst verbleibt in der Zuständigkeit des Unternehmens.

Wie sind die Lechwerke aufgestellt, um in dem Bereich Regelenergie beziehungsweise Lastmanagement erfolgreich Geschäfte machen zu können?

Wir sind seit 2007 in der Vermarktung von Regelenergie engagiert – zunächst mit flexiblen Erzeugungskapazitäten der von uns betriebenen Wasserkraftwerke.

Inzwischen vermarkten wir über die Minutenreserve einen ganzen Pool an Erzeugungs- und Verbrauchskapazitäten. Vom Notstromaggregat auf Sylt über Biogasanlagen bis zur flexiblen Nachfrage in Unternehmen wie SGL. Deutschlandweit haben wir dafür eine Leistung von über 600 MW qualifiziert und sind inzwischen auch am Regelenergiemarkt in Österreich aktiv.

Die Vermarktung flexibler Lasten für Geschäftskunden gilt bei Experten als Wachstumsmarkt. Welche Marktentwicklung erwarten Sie in den kommenden fünf Jahren?

Unser gesamtes Energiesystem steckt mitten im Umbruch. Wie die einzelnen Märkte künftig aussehen werden, können wir heute noch nicht abschließend sagen. Sicher ist: Die Schwankungen beim Stromangebot nehmen zu. Flexibilisierung ist daher ein zentrales Thema. Zum Beispiel investieren Kraftwerksbetreiber derzeit in neue Technologien, um ihre Anlagen bedarfsgerecht steuern zu können.

Die Flexibilisierung bietet zusätzlich Chancen auch für kleinere Erzeuger und für Energieverbraucher. Durch gebündelte Vermarktung beispielsweise werden die Lechwerke in den kommenden Jahren erreichen, dass auch kleinere Unternehmen und Stromerzeuger von ihren flexiblen Kapazitäten profitieren.

Vita

Norbert Schürmann

- Vertriebsvorstand. Seit 1.1.2012 Vorstandsmitglied der Lechwerke AG in Augsburg

- 2006 – 2011 Vorstandsvorsitzender der Východoslovenská energetika a.s. in Košice in der Slowakei

- 1989 – 2006 Diverse Leitungsfunktionen im RWE-Konzern

- 1980 – 1986 Studium des Bauingenieurwesens an der Technischen Hochschule in Aachen

Erschienen in Ausgabe: 09/2014