»Wir müssen das EEG optimieren«

ERNEUERBARE Die Deutsche Energie-Agentur (dena) firmiert als Kompetenzzentrum für Energieeffizienz und regenerative Energien. Über deren Förderung sprachen wir mit Stephan Kohler, Chef der (noch) zu 100 % öffentlichen GmbH.

01. Juni 2007

es: Die EU hat in ihrem Energie- Aktionsplan konkrete Ziele für den Ausbau der erneuerbaren Energien vorgegeben. Was ist zu tun?

20 Prozent am Gesamtenergieverbrauch in nur zwölf Jahren - das ist ein sehr anspruchsvolles Ziel. Aber aus Gründen des Klimaschutzes und der Versorgungssicherheit müssen wir es erreichen. Alle Hochverbrauchsszenarien heben auf eine massive Steigerung des Bedarfs an fossilen Energien und Kernenergie ab. Deshalb sind beide Zielpaare wichtig: mehr Effizienz und mehr Erneuerbare. Hohe wirtschaftliche Einsparpotenziale haben wir sowohl im Gebäude- als auch im Strombereich. Für die Erneuerbaren brauchen wir eine engagierte Ausbaustrategie, die Markt- und Preiseffekte berücksichtigt. Auch müssen die nötigen Instrumente und die Höhe der Förderung im europäischen und internationalen Rahmen abgestimmt sein. Es darf nicht sein, dass ein reiches Land wie Deutschland anderen Ländern die Regenerativen wegkauft - derzeit etwa Holz aus dem Baltikum. Wir müssen im Blick haben: Wo ist der größte Nutzen?

es: Was bedeutet das konkret?

Zum Beispiel müssen wir uns überlegen, wo wir die Photovoltaik künftig einsetzen. In Deutschland kommen Sie bei maximal 1.000 Nutzungsstunden je nach Anlagengröße auf Erzeugungskosten zwischen 40 und 50 Euro-Cent. An Standorten, an denen Sie die zwei- bis dreieinhalbfache Strommenge erzeugen können, erreichen Sie bei gleichbleibenden Ausgaben eine direkte Reduktion der Stromerzeugungskosten. Gekoppelt mit CDM- und Joint-Implementation-Verfahren, die es deutschen Unternehmen erlauben, im Ausland aktiv zu werden, sowie in Kombination mit EEG-ähnlichen Instrumenten in den Zielländern, führt dies zu einer sinnvollen Ausbaustrategie. Gleichzeitig schlagen wir vor, das Forschungsbudget, auch für die Solarthermie, massiv zu erhöhen.

es: Sie würden die Photovoltaik also aus dem EEG herausnehmen?

Nein, aber die Förderung reduzieren und damit die jährliche Degression der Sätze vergrößern. Unter den derzeitigen Bedingungen werden wir 2020 etwa 11.000 bis 12.000 Megawatt Photovoltaik installiert haben. 1,5 Prozent des Strombedarfs würden damit produziert. Dafür wären 2,6 Milliarden Euro an Einspeisevergütung zu zahlen. Angesichts der engagierten Klimaziele bedarf es höchster Effizienz bei der Umsetzung. Deutschland hat sich als Produktionsstandort etabliert. Nun geht es vor allem um Technologieabkommen mit sonnenreichen Ländern, um eine klare Exportstrategie.

es: Mehr Effizienz, das klingt nach einer Steilvorlage für Kraft-Wärme-Kopplung?

Der Anteil der KWK kann bis 2020 auf 22 Prozent verdoppelt werden - auf wirtschaftlicher Basis, ohne Förderung. Es gibt genügend Wärme-Senken etwa in öffentlichen Gebäuden oder im Industriebereich. Die Hemmnisse liegen jedenfalls nicht in mangelnder Wirtschaftlichkeit. Sie sind struktureller Art: Knowhow- Defizite oder Kapitalmangel sind aber Punkte, an denen die Contracting- Branche ansetzen wird. Wenn wir sagen, die KWK ist hocheffizient, wieso sollte sie sich dann bei den heutigen Strom- und Gaspreisen nicht auch rechnen? Dies muss bei der Novellierung des KWK-Gesetzes beachtet werden. Wir müssen aufhören, immer möglichst hohe Subventionen für solche Systeme zu fordern - auf diese Weise kriegen wir sie nicht konkurrenzfähig. Wir können nicht ohne Ende neue Fördertatbestände aufbauen.

es: Sehen Sie weitere »Fördertatbestände «, die man streichen sollte?

Nehmen wir Biogas: Es sollte künftig nur noch in KWK genutzt werden und zwar so: Biogasanlagen speisen ins Erdgasnetz ein, die Mengen werden Blockheizkraftwerken zugeordnet und über das EEG bezuschusst. Es geht darum, das EEG zu optimieren, die hohe Förderung für Klein- und Kleinstanlagen zu reduzieren. Ich bin gegen eine Quotenregelung für Erneuerbare wie in einigen Nachbarländern, aber für eine innovative und effiziente Ausgestaltung des EEG.

es: Brauchen wir ein Wärmegesetz für erneuerbare Energien?

Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Wir plädieren eindeutig für eine Verlängerung, Aufstockung und Verstetigung des Marktanreizprogramms. Gleichzeitig müssen wir die Marketing- und Qualifizierungsprogramme intensivieren. Wir sollten auch prüfen, ob bei Neubauten Sonnenkollektoren per Verordnung vorgeschrieben werden sollten. Insbesondere müssen wir aber die Themen Energieeffizienz und regenerative Wärme verbinden. In Gebäuden mit guter Wärmedämmung lassen sich höhere Deckungsbeiträge erzielen. Eine Kostenreduktion ist auch möglich, wenn man die Systeme auf Niedrigenergiehäuser ausrichtet. Man sollte sich auf die technisch ausgereiften und in einem breiten Markt verfügbaren Systeme konzentrieren: Solarthermie, oberflächennahe Geothermie und Holzpelletskessel. So kommen wir ohne große strukturelle Veränderungen ans Ziel, rund 15 Prozent der Wärme in 2020 regenerativ zu erzeugen. Dies ist mit dem Marktanreizprogramm erreichbar.

es: Ganz ohne Förderung wird ein 15-Prozent-Anteil am Primärenergiebedarf doch kaum zu schaffen sein?

Das Marktanreizprogramm hat sich bewährt, auch weil es unbürokratisch zu handhaben ist. Allerdings muss es langjährig verlässlich ausgestaltet werden, nicht länger im stop-and-go, sodass wir Investitionssicherheit bekommen. Die Förderung sollte degressiv sein und gekoppelt an Mindesteffizienzstandards der Gebäude. Wir nehmen an, dass mit den bestehenden Strukturen bis 2020 etwa sechsmal soviel Kollektorfläche wie heute möglich ist. Gleichzeitig werden wir dann 900.000 Pelletsanlagen haben, gegenüber derzeit 50.000. Ziel ist: Bei den Gebäuden 19 Prozent mehr Energieeffizienz, und von dem was dann noch zu heizen ist 15 % aus Regenerativen.

es: Sie haben den zweiten Teil Ihrer Netzstudie in Auftrag gegeben. Worum geht es diesmal?

Die Integration der Windenergie wird nun auch im europäischen Kontext untersucht. Die Szenarien der Studie gehen davon aus, dass zwischen 2020 und 2025 etwa 20.000 MW Offshore und 28.000 MW an Land ins Verbundnetz einspeisen werden. Es wird darum gehen, wie man die Übertragungssysteme optimieren kann. Wie kann man Wasserkraft im europäischen Verbund mit Wind koppeln? Welche weiteren Stromspeicher eignen sich? Wichtig ist die Frage, wie man die Offshore-Windkraft zum Festland und zu den Verbrauchsschwerpunkten transportiert. Thema wird auch die Anpassung der Nachfrage an die Charakteristika der Windstromerzeugung sein, etwa über entsprechende Tarifsysteme.

es: Im ersten Teil stand der Netz-Ausbau im Vordergrund. Sehen Sie Erfolge?

Die Bundesregierung hat das 1. Gesetz zur Beschleunigung der Infrastruktur- Planung erlassen und damit den Ausbau des Verbundnetzes erleichtert. Zudem wurde immerhin befristet festgelegt, dass für den Aufbau des Offshore-Netzes nicht die Windanlagenbetreiber aufkommen müssen. Wir beraten die Regierung dahingehend, diese Frist mindestens bis 2020 zu verlängern.

es: Die dena sollte nach einer Anlaufphase auch privaten Anteilseignern offenstehen. Wie weit ist es damit?

Wir sind auf einem guten Weg. Es ist eine Lösung in Vorbereitung, in der sich neue Gesellschafter mit rund 25 Prozent an der dena beteiligen werden.

Hans Forster

VitaStephan Kohler

• Vom TÜV Bayern, Abt. Kerntechnik und Strahlenschutz, wechselt er 1981 zum Öko-Institut Freiburg.

• 1991 wird er Geschäftsführer der Niedersächsischen Energie-Agentur, 2000 Geschäftsführer der dena, seit Mai 2006 Vorsitzender der Geschäftsführung.

• Seit 2001 gehört Kohler dem Advisory Committee des Weltrats für erneuerbare Energien an.

Erschienen in Ausgabe: 06/2007