"Wir setzen neue Standards"

Intergraph-Geschäftsführer Dr. Horst Harbauer zur Integration von Geodaten

Eine Revolution in der Informationstechnologie soll das Geospatial Resource Management einläuten. Das Abbilden raumbezogener Daten in einer relationalen Datenbank wird den Softwareaufwand reduzieren, Datenzugriffe beschleunigen und den Austausch mit alphanumerischen Systemen vereinfachen, sagt Intergraph-Geschäftsführer Dr. Horst Harbauer.

10. April 2001

Bislang waren kaufmännische Anwendungen und Geographische Informationssysteme (GIS) zu getrennter Datenhaltung verdammt. Gegeneinander abgeschottete Systeme standen der Integration raumbezogener Daten in die Welt der konventionellen Informationstechnologie (IT) im Wege. Einzig das Abbilden der Geodaten in einer binären Datenbank erlaubte in den letzten Jahren einen finanzierbaren Kompromiss. Um mit Geodaten effizient arbeiten zu können, ist jedoch eine abteilungsübergreifende Bereitstellung der GIS- Funktionalität notwendig.

Schluss mit dem Randgruppendasein der Geodaten macht nun die Intergraph (Deutschland) GmbH. Die neue Lösung des Unternehmens, das in Ismaning bei München seinen Deutschlandsitz hat, soll das Zusammenführen von GIS- und kaufmännischer Software entscheidend vereinfachen. Ein langgehegter Wunsch der Anwender wird Wirklichkeit, betont Geschäftsführer Dr. Horst Harbauer: „Geodaten und alphanumerische Daten verschmelzen miteinander.“

Fehlte es lange Zeit an den Möglichkeiten, finanziell tragbare Lösungen zu konzipieren, existiert nun der Schlüssel zur Integration: das sogenannte Geospatial Resource Management (GRM). Der Geschäftsführer erklärt, was sich hinter diesem Namen verbirgt: „Der Grundgedanke des GRM-Konzepts ähnelt dem des Enterprise Resource Planning. Allerdings sind bei ERP-Lösungen wichtige Bereiche wie Netzplanung, Instandhaltung oder der Einsatz von Geodaten im Mobile Computing ausgeschlossen. Diese für Netzbetreiber relevanten Bereiche, die oft auf raumbezogene Informationen zurückgreifen, möchten wir in einer gemeinsamen Lösung mit den kaufmännischen Anwendungen zusammenführen.“ GRM ist also eine integrierte Datenbanklösung, die Betrieb und Instandhaltung von Netzen aller Art unterstützen soll und dabei den Umgang mit den Daten vereinfachen wird.

Durch GRM bekommen eine Vielzahl von Anwendungen ein gemeinsames Dach: Netzplanung, - betrieb und -instandhaltung sowie Vor-Ort-Wartung, Berichtswesen, Vertrieb und mobile Anwendungen werden miteinander verzahnt. Alle Daten, auch die mit Raumbezug, sind in einer relationalen Datenbank (Oracle) abgespeichert. „Dabei kann auf die Daten direkt, also ohne GIS-Unterstützung, zugegriffen werden“, erklärt Harbauer den Unterschied zu bisherigen Lösungsansätzen. Vorteil für den Betreiber: „Er kann sich auf ein System beschränken, was den Aufwand für Datenpflege erheblich reduziert. Außerdem gestattet GRM den leichten Austausch mit anderen Anwendungen im Unternehmen.“ Damit wird der unternehmensweiten Anwendung raumbezogener Daten die Türe geöffnet.

Realisiert wurde der GRM-Ansatz schon in Bereichen, in denen die öffentliche Sicherheit und ein sicherer und sehr rascher Datenzugriff im Vordergrund stehen, etwa bei Einsatzleitsystemen von Polizei oder Feuerwehren sowie bei Automobilclubs. Nun wird die auf GeoMedia basierende Lösung als GeoMedia Industry Solutions auch Ver- und Entsorgungsunternehmen, der öffentlichen Verwaltung und der Telekommunikation zugänglich gemacht.

„Für jede Zielgruppe wird es eine Standardlösung geben, die weitgehend alle Kundenwünsche abdecken wird“, versichert Harbauer. Das datentechnische Know-how bringt Intergraph ein, denn die Softwarespezialisten verstehen sich als Gesamtlösungshaus für alphanumerische Daten und Geodaten. Das jeweilige Branchenwissen tragen Partner bei. So vereinbarten Intergraph und die Ruhrgas AG, Essen, Ende des vergangenen Jahres die Zusammenarbeit, um eine Lösung für die Gasversorgung zu entwickeln. „Auf diese Partnerschaft sind wir besonders stolz“, sagt der Intergraph-Chef, „denn der deutsche Markt stellt sehr hohe Anforderungen. Ein Produkt, das wir mit Ruhrgas gemeinsam entwickeln, wird sich leicht auf andere Märkte übertragen lassen.“ Entwicklungspartnerschaften mit europäischen Unternehmen bestehen zudem bei der Elektrizitäts- und Wasserversorgung sowie der Telekommunikation.

Bei den Lösungen stehen drei Aspekte im Vordergrund. „Schnell, einfach und offen ist das System“, sagt Harbauer. Zwar spiele heute Geschwindigkeit in der Regel eine geringere Rolle, aber bei den immensen Datenmengen, mit denen beispielsweise die Verbundunternehmen der Elektrizitätswirtschaft arbeiten, fällt sie schon ins Gewicht. Gravierender zu bewerten seien Einfachheit und Offenheit, erklärt der GIS- Profi. So soll es mit GRM möglich sein, „die Daten intuitiv zu erfassen und ohne Probleme anderer Software zur Verfügung zu stellen“.

Geospatial Resource Management macht aufwendige Middleware überflüssig

Während früher GIS-Welt und kaufmännische Anwendungen über Middleware gekoppelt werden mussten, kommt GRM ohne Middleware aus. Leichter soll auch die Anpassung der Software an individuelle Kundenwünsche sein. Harbauer geht davon aus, dass mit GRM nur rund 10 bis 20 % der Software gemäß den Kundenwünschen zu konfigurieren sind, den Löwenanteil soll die Standardlösung abdecken können. „Und wir setzen nur gängige Programmiersprachen ein“, erläutert er. „Kenntnisse in Visual Basic oder Visual C++ genügen, um das System anzupassen.“ Dies und der hohe Anteil an Standardsoftware werde die Wartungskosten deutlich drücken. Dieses Argument, verbunden mit der Tatsache, dass das Arbeitsfeld Geo-Informationsverarbeitung nun der zentralen DV-Abteilung übertragen werden kann, also keine GIS-Spezialabteilungen mehr benötigt werden, soll vor allem die Managementebene überzeugen.

Für die erforderliche Performance beim Bearbeiten von Massendaten sorgt der sogenannte Dynamic Display Cache - eine Technik, die sich in verschiedenen Dispatching- Zentralen bewährt hat. Der Dynamic Display Cache bringt die Daten binnen Sekunden auf den Bildschirm. Für einen einfachen Zugriff auf die Datenbankinhalte sorgt die GeoMedia Web-Technologie. Sie verschafft auch weniger technikversierten Anwendern den Zugang zu den hinterlegten Informationen, was den unternehmensweiten Einsatz an stationären Rechnern (zum Beispiel im Kundencenter oder bei der Hotline) und mobilen Computern (etwa im Außendienst) begünstigt.

Lohnen wird sich GRM vorerst nur für relativ große Unternehmen. Ferngasgesellschaften, größere und mittlere Energieversorger, Chemiegiganten und die Großen der Telekommunikationsbranche sieht Harbauer als engeren Kundenkreis. Im Frühsommer diesen Jahres sollen die branchenspezifischen Lösungen für den deutschen Markt reif sein, sagt der Geschäftsführer. „Für die Telekommunikation können wir sogar sofort ein System anbieten.“

Der geringere Aufwand bei Daten- und Systempflege und der einfache Datenbankzugriff sollen maßgeblich dazu beitragen, dass sich der Invest in GRM lohnt. Geschäftsführer Harbauer geht davon aus, dass nach vier bis fünf Jahren der Return of Investment erreicht ist. Schon früher lassen sich mit GRM Wettbewerbsvorteile erzielen, ist er überzeugt. „Erste Erfolge, etwa ein verbesserter Netzbetrieb, könnten sich schon nach ein oder zwei Jahren bemerkbar machen.“ (du)

Intergraph GmbH, Ismaning, CeBIT Halle 11, EG

Erschienen in Ausgabe: 01/2000