Energiemanagement

»Wir verstehen die Prozesse«

CEO Andreas Matthé erläutert die elektrische Intelligenz als Schlüssel zu mehr Energieeffizienz. Am Beispiel Rexel Austria zeigt sich deutlich, welche Einsparmöglichkeiten intelligent verarbeitete Daten bieten.

01. Februar 2019
Andreas Matthé, CEO Siemens-Business Unit Building Technologies (BT)
(Bild: Siemens AG)

Herr Matthé, für mehr Energieeffizienz in Industrie und Gewerbe gibt es zahlreiche Produkte und Lösungen, aber der Markt bleibt seit Jahren hinter den Erwartungen zurück. Gilt das auch für das Thema Smart Grid?

Ein wichtiger Faktor ist, dass wir ein starkes Wachstum in der ganzen Energieanwendung sehen. Gerade in Industrieprozessen, aber auch insbesondere in Rechenzentren. Smart Grids sind die Verknüpfung von verschiedenen Themen. Auf der einen Seite die Erzeuger; auf der anderen Seite bekommen wir immer mehr und mehr Prosumer. Da ist Digitalisierung wichtig. Dabei geht es nicht um Digitalisierung per se, sondern es geht um effizientere Prozesse. Denn um den Prozess effizienter zu machen, ist Information notwendig. Die bekommen wir aus den Feldgeräten. Das sind Messgeräte, Power-Quality-Geräte oder Schaltgeräte mit Messfunktion. Basierend auf deren gesammelten Daten kann dann die Prozessoptimierung erfolgen. Für die Vergleichbarkeit ist es immens wichtig, viele Daten zu bekommen und diese auf eine Plattform zu stellen. Mit unserer IoT-Plattform Mindsphere ist es möglich, basierend auf großen Datenmengen, Effizienzvergleiche zu machen und daraus Rückschlüsse auf Optimierungspotenziale zu ziehen.

Es gibt unheimlich viele Möglichkeiten durch die Digitalisierung. Führt das zu einer Überforderung mit der Folge, dass Investitionen schlicht zurückgehalten werden?

Natürlich gilt es, aufzupassen, dass man nicht von ungefilterten Datenmengen überrollt wird. Ich glaube allerdings, dass der Zeitpunkt des Abwartens inzwischen überschritten ist. Es werden mehr und mehr Anwendungen kommen. Ein gutes Beispiel ist Rexel Austria. Dort werden im Logistikzentrum Energiedaten gesammelt – mit dem Ziel, daraus unter anderem Rückschlüsse auf den Energieverbrauch und mögliche Einsparungen zu ziehen. So hat das Unternehmen den eigenen Stromverbrauch um 15 Prozent reduziert. Das entspricht einer Einsparung von 60 Tonnen CO2 pro Jahr. Die Amortisierung der Investitionskosten beträgt rund zwei Jahre.

Rexel Austria ist ein Elektrogroßhändler mit landesweit 16 Standorten. Können Sie das Beispiel genauer vorstellen?

Wir stellen Rexel die Hardware zur Erfassung der Daten sowie die Mindsphere-Plattform zur Verfügung. Unsere Geräte sind IoT-fähig und stellen ausgewählte Daten in der Cloud zur Verfügung. Dann wurde eine spezielle App entwickelt, um zwischen den verschiedenen Systemen gewisse Zyklen zu erkennen: Warum ist ein Standort A energieeffizienter als ein Standort B und so weiter. Daraus lassen sich Rückschlüsse ziehen, wie sich die Prozesse weiter optimieren lassen.

Stichwort energetische Bewirtschaftung von Unternehmen: Welche Rolle will Siemens da künftig spielen?

Unser Ziel ist, Unternehmen zu helfen, den Benchmark zu finden – und damit effizienter zu werden. Energie ist für viele Unternehmen eine Möglichkeit, um Kosten zu sparen. Oft wollen Firmen auch einen grünen Footprint generieren. Der erste Schritt ist immer die Transparenz. Daraus lässt sich dann ableiten: Ist die Filiale A mit der Filiale B vergleichbar in ihren Prozessen und Rahmenbedingungen und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

»Um Prozesse effizienter zu machen, ist Information notwendig.«

— Andreas Matthé, Siemens

Transparenz ist nicht gleich Vergleichbarkeit.

Stimmt. Es ist wichtig, die richtigen Ableitungen zu treffen. Wie mache ich die große Filiale und die kleine Filiale vergleichbar? Welche Prozesse helfen mir, optimaler die Klimatechnik zu steuern – oder die Fertigungsprozesse effizienter zu steuern und dadurch Energie und Kosten zu sparen oder einen höheren Output zu erzielen?

Das Beispiel Rexel Austria zeigt, wie es gehen kann. Gleichwohl erwarten viele Unternehmen, dass sich ihre Investitionen binnen eines Jahres rechnen. Das verhindert häufig Investitionen in moderne Energietechnik oder Energiemanagementsysteme.

Das ist in vielen Fällen ein zu kurzfristiges Denken. Natürlich muss der finanzielle Aspekt betrachtet werden, aber auch der Umweltaspekt. Kunden schauen mehr und mehr darauf, ob Firmen nachhaltig und umweltbewusst wirtschaften, und beziehen diese Bewertung in ihre Kaufentscheidung ein.

Sprechen wir da über eine veränderte Haltung, die sich über eine gewisse Zeit bilden muss in Richtung Nachhaltigkeit? Ein großer deutscher Energieversorger hat voriges Jahr doppelt so viele Herkunftsnachweise für Strom aus Wasserkraft verkauft wie 2017. Vor allem an Industriekunden und Stadtwerke.

Das Umdenken ist da. Die Auswirkungen des Klimawandels, wie sie sich hier jetzt auch immer wieder zeigen, werden das Bewusstsein weiter verschärfen.

Siemens wirbt mit dem Begriff Elektrische Intelligenz. Wie definieren Sie das?

VITA

Andreas Matthé

Seit 2010 CEO bei Siemens Low Voltage & Products

Davor hatte Andreas Matthé verschiedene Führungsfunktionen bei Siemens inne, unter anderem in China, Südafrika und Deutschland.

Gerade wenn man über Verfügbarkeit und Effizienz redet, kommt diese Elektrische Intelligenz zum Tragen. Der Strom fließt heute nicht mehr nur in eine Richtung, der Strom fließt in verschiedene Richtungen. Je nachdem ob ich Energie verbrauche, oder ob ich Energie ins Netz zurückspeise. Die Intelligenz besteht darin, an den richtigen Messpunkten Daten zu erfassen, um Energieflüsse zu optimieren in Richtung Verfügbarkeit, in Richtung Energieeffizienz und die notwendigen Schutzkonzepte. Je mehr Daten und Erfahrung es gibt, umso besser können mit digitalen Daten Prozesse effizienter und sicherer gestaltet werden.

Wie groß ist denn das Interesse in der Industrie an Daten zur Bewirtschaftung von Energiesystemen? Hier muss man sicherlich Konzerne sowie kleine und mittlere Unternehmen unterscheiden, nehme ich an.

Das hängt damit zusammen, wie energieintensiv Unternehmen sind. Die Papierindustrie sowie die Aluminium- und Stahlindustrie haben schon viel früher als andere Branchen auf die Energiethematik geachtet. Andere Industrien haben sich auf die Produktionsprozesse konzentriert. Jetzt beschäftigt man sich auch dort verstärkt mit Energieeffizienz, Regelenergie oder Energie-Trading.

Inzwischen sind viele Energiemanagementsysteme auf dem Markt, aber meist werden die Stoffströme in Produktion und Gebäude isoliert betrachtet. Aus meiner Sicht sind das zwei Seiten einer Medaille.

Richtig. Man kann die Prozesse nicht separat betrachten. Fast alle Prozesse finden im Gebäude statt. Ob das ein Data Center ist, ob das die Fabrikhalle ist. Da liegt eine unserer Stärken. Ob der Kunde Bier produziert, ob er Stahl produziert, ob er Autos baut, wir verstehen diese Prozesse, und wir begleiten die Firmen bei der Optimierung. Zunächst die Automatisierung der Prozesse, dann die sichere Energieversorgung und schließlich das energieeffiziente Gebäude. Die Kompetenzen und Erfahrungen in allen drei Feldern sind da. Das ist einer der Vorteile, den wir als Siemens bieten.

Auf der einen Seite haben wir die persönlichen Daten, deren Schutz ist über Datenschutzgesetze klar geregelt. Bei Prozessdaten verstehe ich natürlich, wenn die Kunden darauf stets Zugriff haben wollen. Das ist vollkommen legitim. Es gibt aber auch Kunden, die Chancen zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle sehen. Diese Firmen stellen Daten aus ihren Prozessen zur Verfügung, um dafür beispielsweise andere Anwendungen zu finden oder zukünftige digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Der dritte Aspekt ist Cyber Security. Das ist ein absolutes Muss. Mit dem Siemens-Industrial-Security-Konzept verfolgen wir dabei einen ganzheitlichen Ansatz, der Security-Maßnahmen auf allen Ebenen vereint. Sowohl unsere Systeme und Produkte als auch Netzwerke können mit entsprechenden Maßnahmen abgesichert werden. hd

Erschienen in Ausgabe: 01/2019