Wirksames Gesetz nach deutschem Vorbild

Markt

Ontario - Die kanadische Provinz macht mit dem in 2009 verabschiedeten Clean Energy Act beim Klimaschutz Ernst. Eine erste Bilanz fällt positiv aus. Besonders hervor tut sich die Stadt Sault Ste. Marie im Norden der Provinz.

29. April 2010

Herzstück des bislang in Nord-amerika einmaligen Umweltprogramms Green Energy Act (GEA) ist die Einspeisevergütung für erneuerbare Energien nach deutschem Vorbild (Feed-in-Tariff), der im Oktober 2009 in Kraft trat. Weitere wichtige Vereinbarungen sind unbürokratische Prozesse zur umweltschonenden Umsetzung der künftigen Investitionsprojekte sowie das neu geschaffene Informations- und Koordinationsbüro.

Eine erste Zwischenbilanz fällt positiv aus. Im Rahmen der Einspeisevergütung wurden 694 Projekte mit einer Erzeugungskapazität von mehr als 2.500MW genehmigt. »Ontario ist auf dem besten Weg,in Nordamerika eine Führungsrolle in Sachen erneuerbare Energien einzunehmen«, stellt Ontarios Premier Dalton McGuinty zufrieden fest. Auch Dr.Terrie Romano ist zufrieden: »Das ist ein riesiger Erfolg. Es ist ganz deutlich erkennbar, dass der Green Energy Act auch in der Praxis wirkt«, sagt die in München ansässige Konsulin für Wirtschaftsangelegenheiten der Provinz Ontario. Ganz offensichtlich stimme das Package und biete interessierten Investoren die erforderliche Investitionssicherheit.

Noch im Dezember 2009 wurden die ersten 700 Projekte im Rahmen des sogenannten micro-FIT-Programms (Kleinanlagen

Ebenfalls im März 2010 waren 510 Projekte der mittleren Leistungsklasse (10 bis 500kW) mit einer Gesamtleistung von 112MW vertraglich vereinbart. Rund 95% dieser Projekte entfallen auf Solar-PV. Unter anderem hat die kanadische Einzelhandelskette Loblaw Companies Limited angekündigt, Solaranlagen auf die Dächer von 136 Läden zu montieren und Strom ins Netz einzuspeisen.

Bis zum April 2010 wurden 184 Großprojekte (>500kW) für die Einspeisung genehmigt. Sie entsprechen einer Gesamtleistung von mehr als 2.455MW. Davon sind 41% bodenstehende PV-, 26% Windkraft- (onshore), 25% Wasserkraft-, 4% Biogas- sowie 2% Biomasseanlagen.

Bereits 250 neue Anträge

Dass die Entwicklung wohl erst begonnen hat, lässt sich jetzt schon abschätzen. Derzeit liegen bereits mehr als 250 neue Anträge für die Genehmigung weiterer Anlagen (>500kW) im Rahmen des FIT vor. Ab Sommer durchlaufen diese Projektanträge sogenannte Economic Connection Tests (ECT), das sind Machbarkeitsstudien, bei denen vor allem Netz- und Durchleitungskapazitäten für die jeweiligen Anlagen als Basis für die Genehmigung untersucht werden.

Natürlich freut man sich in der kanadischen Provinz auch über die wirtschaftlichen Effekte. Allein die rund 700 FIT-Projekte (>10kW) führen im privaten Sektor zu einer Gesamtinvestition von rund 9Mrd.kan.Dollar, das sind mehr als 6,5Mrd.€. Die Politik rechnet damit, dass daraus rund 20.000 neue Arbeitsplätze entstehen werden. Damit nähert man sich einem weiteren Ziel: In den ersten drei Jahren des GEA sollen 50.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Als wesentlicher Bestandteil sind hier auch Investitionen ausländischer Unternehmen eingeplant. Und diese haben bereits in größerem Maßstab reagiert. Insbesondere das Engagement eines koreanischen Konsortiums unter Führung von Samsung und Kepco hat für Aufsehen gesorgt. Dieses beabsichtigt 4,7Mrd.€ in Wind- und Solarkraft mit einer Leis-tung von 2.500MW zu stecken. Anfang März kündigte Bosch Solar Energy an, Dünnfilm-Solarmodule in Ontario zu produzieren und zu installieren. Noch in diesem Jahr stehen 10 bis 15MW im Plan, für 2011 sind 50 bis 75MW vorgesehen.

Auch Repower haben die günstigen Einspeisebedingungen auf den Plan gerufen. Der deutsche Hersteller von Windenergieanlagen (WEA) wird Großkomponenten vor Ort fertigen und zudem mit lokalen Zulieferern zusammenarbeiten. Die Türme für die WEA können bereits lokal bezogen werden, weitere Großkomponenten sind ab Ende 2011 geplant.

»Attraktive Vergütung«

Für Helmut Herold, bei der Repower Sys-tems für den kanadischen Markt zuständig, spielt zunächst einmal die Größe des Marktes eine Rolle, wenn er nach den Gründen für das Engagement in Kanada gefragt wird: So sollen dort bis 2020 bis zu 4.600MW an Windkraftleistung installiert werden. »Dazu gibt es Programme wie den GEA mit attraktiven Vergütungssätzen«, sagt Herold. Hinzu komme, dass es speziell in Ontario eine starke Vernetzung in der Politik gebe, so dass diverse Ministerien eng zusammenarbeiteten. Er rechnet mit einer »starken Entwicklung von Solar- und der Wind-Supply-Chain in der Region«. Die hohen Erwartungen der Regierung hinsichtlich der Entwicklung des Offshore-Markts betrachtet er dagegen eher skeptisch.

Siemens Energy wird WEA mit einer Leistung von 100MW nach Ontario liefern. Auftraggeber ist Renewable Energy Systems (RES) Canada Inc. Die 43 Windturbinen des Typs SWT-2.3-101 sind für den Windpark Greenwich in der Thunder Bay bestimmt. Die Installation der Windturbinen soll Juni 2011 beginnen.

Ontario unterstützt das Engagement ausländischer Unternehmen auch direkt. So erhält der WEA-Hersteller WindTronics rund 1,7Mio.€. Damit kann WindTronics neue Geschäftsfelder erschließen: In Windsor wird das US-Unternehmen fertigen, das selbst ebenfalls 1,7 Mio. € in den Standort investiert.

Erst kürzlich hat das Solarstromunternehmen scn energy AG aus Mecklenburg-Vorpommern ein Zentrum für erneuerbare Energie eröffnet. Auch für scn ist die »äußerst attraktive Einspeisevergütungsregelung« verlockend. Konkret erhält man dort für den eingespeisten PV-Strom rund 0,57€/kWh. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Einspeisevergütung derzeit noch bei gut 0,39€/kWh. Ein weiteres aktuelles Projekt ist das der SMA Solar Technology AG. Der Weltmarktführer für Wechselrichter hat sich entschieden, seine Präsenz in Nordamerika durch die Gründung einer Gesellschaft in Ontario zu verstärken. SMA plant, mittelfristig rund 100 bis 200 Arbeitsplätze vor Ort zu schaffen.

Ein ›Domestic Content‹ soll sicherstellen dass das Einspeiseprogramm dafür sorgt, dass in Ontario selbst auch viele ›grüne‹ Jobs entstehen. In der Windenergie liegt der geforderte Anteil der lokalen Wertschöpfung bei 25%, dieser soll bis zu Beginn 2012 auf 50% ansteigen. Bei Micro-PV

Bei Repower bewertet man die Zeitschiene für die Erhöhung der Local-content-Anforderung von 25% auf 50% bis zum 1. Januar 2012 als zu kurz. Eine lokale Wertschöpfung könne nur nachhaltig aufgebaut werden, wenn es ausreichend Zeit dafür gebe. In Ontario hat man diese Bedenken bereits aufgenommen und will entsprechend reagieren. Man arbeite daran, bereits früher im Entwicklungsprozess von Projekten für entsprechendes Vertrauen zu sorgen, heißt es beim Ministry for Development and Trade.

Aber nicht nur durch ausländische Unternehmen bewegt sich einiges, auch viele inländische Unternehmen zeigen sich vom GEA beflügelt. Besonders hervor tut sich hier eine Stadt in Ontarios Norden. Sault Ste. Marie mit 75.000 Einwohnern im Zentrum der Great Lakes direkt an der Grenze zu den USA gelegen, bezeichnet sich selbst als die Hauptstadt für alternative Technologien in Nordamerika. Und tatsächlich weisen einige Zahlen in diese Richtung. So steht dort mit 189MW der größte Windpark Kanadas. Eine Ausdehnung um weitere 105MW ist geplant. Auch der größte Solarpark Kanadas mit 60MW soll in Sault Ste. Marie noch in diesem Jahr entstehen. Das Unternehmen Pod Generating Group plant bereits eine Erweiterung um weitere 40MW. Eine wesentlich längere Tradition hat die Nutzung der Wasserkraft. Heute sind 203MW installiert und sorgen für umweltfreundlichen Strom.

Recycling von Altreifen

Aktivitäten gibt es nicht nur bei Wind- oder Solarprojekten, auch die Nutzung von Abfall zur Energiegewinnung hat man im Fokus. Mehrere Projekte zeigen dies. So investiert das Unternehmen Ellsin in die Aufbereitung von Altreifen. Das Verfahren der Reverse Polymerisation wird seit etwa 15 Jahren entwickelt. Jetzt ist laut Firmenchef Robert K.

Maier ein Punkt erreicht, um mit großer Zuversicht eine Pilotanlage zu bauen. Die Anlage, die aus Autoreifen neben ›Carbon Black‹, Öl und Stahl auch Strom gewinnt, soll gegen Ende des Jahres ihren Betrieb aufnehmen. Das Potenzial ist groß, da in Nordamerika und Kanada die jährlich anfallenden rund 330Mio. Altreifen fast ausschließlich deponiert werden.

Ellsin will rund 30 bis 40 Anlagen bauen, um dort 20% der Abfallmenge aufzubereiten. Auch Maier ist von der Provinzregierung überzeugt. Ontario biete die beste Unterstützung für neue insbesondere grüne Technologien. So bekam sein Unternehmen nicht nur Finanzhilfe von der Provinzregierung sondern auch Anreize von Sault Ste. Marie, um die Ansiedlung zu unterstützen. Dabei zählt er niedrige Steuern und gut ausgebildetes Personal auf. Maier rechnet damit, dass man nach Inbetriebnahme der größeren Anlagen den FIT für den Strom erhält. Auch vom Emissionshandel könnte man in der Zukunft profitieren. Allerdings nimmt Nordamerika am internationalen Handel noch nicht teil, aber man sei offen für Vorschläge wie man hier mit anderen Unternehmenzusammena

rbeitenkönne.

Einen nicht weniger interessanten Ansatz verfolgt Elementa. Das junge Unternehmen hat ein Verfahren entwickelt, das Haushaltsabfälle über eine Dampfreformation in einer sauerstofffreier Umgebung in ein Synthesegas verwandelt. Diese ist Erdgas sehr ähnlich und lässt sich etwa in der Energieerzeugung einsetzen. Das Abfallvolumen wird dabei um 98% reduziert, übrig bleibt ein inertes Pulver, das sich in der Zementindustrie einsetzen lässt. Elementa betreibt seit 2007 in Sault Ste. Marie eine kleine Pilotanlage, um das Verfahren zu optimieren. Das Unternehmen zieht eine positive Zwischenbilanz, so lägen die gemessenen Emissionen deutlich unter den vorgegebenen Richtwerten, Dioxine und Furane etwa seien überhaupt nicht nachgewiesen worden.

Mit Sault Ste. Marie hat man eine Vereinbarung getroffen, die kompletten Haushaltsabfälle der Stadt in einer noch zu bauenden Demonstrationsanlage zu verwerten. Nach Firmenangaben hat das Projekt in Ontarios Norden für weltweites Interesse gesorgt. So habe man Delegationen aus zehn Ländern in den vergangenen 18 Monaten begrüßt. Das Potenzial ist auch hier riesig, denn nicht nur in Kanada ist es noch üblich Haushaltsabfälle zu deponieren.

Auch bei einer Traditionsbranche verfolgt man neue Ansätze. So hat der Stahlproduzent Essar Steel kürzlich eine neue Kraft-Wärme-Kopplungsanlage mit 70MW in Betrieb genommen. Als Brenngas wird Gicht- und Kokereigas aus der Stahlproduktion verwendet. Mit der Ontario Power Authority besteht ein Abnahmevertrag über 20 Jahre für den produzierten Strom.

Die Konsulin Dr. Terrie Romano ist sich sicher, dass die regenerative Erfolgsstory in Ontario weitergeht: »Der Markt hat noch genügend Wachstumspotenzial, das gute Investitionsmöglichkeiten für Unternehmen bietet.« (mn)

Erschienen in Ausgabe: 04/2010