Wirtschaftlich auch für kleine Energieversorger

Stadtwerke Finsterwalde setzen konsequent auf SAP-Lösung

Nicht nur für große Energieversorgungsunternehmen eignen sich die SAP-Lösungen R/3 und mySAP Utilities. Auch kleine Stadtwerke können die Software profitabel einsetzen, wie die Installation bei den Stadtwerken Finsterwalde zeigt.

10. Juli 2001

Als sich Dietmar Pautz 1995 mit dem Thema Branchensoftware auseinander setzte, war das Mieten EVU-spezifischer Anwendungen bei einem ASP (Application Service Provider) noch kein Thema. „Die Anbieter waren damals noch damit beschäftigt, ihre ersten Erfahrungen im Bereich Utilities zu sammeln“, erinnert sich der Geschäftsführer der Stadtwerke Finsterwalde GmbH. Warten konnten die Stadtwerke jedoch nicht. Die Anforderungen des Marktes verlangten nach einer schnellen Entscheidung: Kundenorientierung, Jahr-2000-Fähigkeit und eine schnellere Abwicklung der Prozesse im Hause waren mit der bisherigen Software nicht zu bewerkstelligen. Eine neue DV-Lösung musste her.

Intensiv setzten sich Pautz und seine Mitarbeiter mit der Frage auseinander, welches Produkt für ein kleineres Stadtwerk wie Finsterwalde geeignet sein. Die Software R/3 und das in der Entwicklung befindliche Branchenpaket IS-U/CCS des Branchenriesen SAP AG in Walldorf erschien den Verantwortlichen auf den ersten Blick zu übermächtig und zu teuer. Doch alternative Produkte ließen vielfach die Zukunftsorientierung vermissen. Schon die Frage, wie flexibel die Software auf neue Anforderungen des Marktes reagieren kann, löste bei einigen Anbietern „nur Schweigen“ aus, berichtet Pautz. Blieb noch die Komposition von Spezialsoftware zu einem Ganzen. „Das kam jedoch nicht für uns in Frage. Für das Pflegen von Schnittstellen fehlt uns einfach die Zeit“, nennt Pautz sein Kriterium, denn nur einer der insgesamt 80 Mitarbeiter bei den Stadtwerken ist für die Pflege der EDV vorgesehen - inklusive des Netzwerkes und der Office-Anwendungen.

Die Stadtwerke entschieden sich für eine Lösung aus einer Hand. SAP konnte neben der betriebswirtschaftlichen Standardsoftware mit IS-U/CCS eine für Energieversorger maßgeschneiderte Lösung bieten, die sich ohne aufwändige Schnittstellenprogrammierung einbinden lässt. Für SAP sprach nicht zuletzt die Vielseitigkeit, sagt Pautz. „Die unterschiedlichsten Unternehmen - vom Großkonzern bis zum kleinen Mittelständler - können mit R/3 arbeiten. Das zeigte, dass die Software Freiraum für ein individuelles Unternehmensprofil lässt.“

Zunächst installierten die Stadtwerke Finsterwalde die Standardmodule des R/3: Finanzwirtschaft, Anlagenbuchhaltung, Materialwirtschaft, Controlling, Personalwirtschaft, Instandhaltung und Vertrieb. Bewusst wurde auf weitere Module verzichtet, die bei der Unternehmensgröße entbehrlich waren (zum Beispiel PS). Dabei stand ihnen die SAP Systems Integration AG, Dresden, (früher SRS) zur Seite. Das Unternehmen interessierte sich besonders für die Stadtwerke Finsterwalde, denn Pautz Wunsch nach einer weitgehend standardisierten Softwarelösung kam den eigenen Interessen entgegen: SAP SI wollte ihr Know-how ausbauen und eine vorkonfigurierte Lösung für Versorgungsunternehmen entwickeln. Pautz Forderung nach Standards kam nicht von ungefähr: „Wir wollten uns Anpassungsarbeiten nach einem Release-Wechsel ersparen. Deswegen kam eine tiefgehende Parametrierung und Programmierung nicht in Frage.“

Vor gut zwei Jahren starteten die Mitarbeiter der Stadtwerke mit dem Produktiveinsatz von R/3. Direkt im Anschluss hielt IS-U/CCS (heute mySAP Utilities) Einzug und die Umstellung der Kunden auf das neue Abrechnungssystem folgte. „In Jahr 2000 haben wir alle unsere Kunden mit IS-U abgerechnet“, berichtet Pautz stolz.

Gegenüber der vorigen Softwarelösung hat die SAP-Landschaft einiges mehr zu bieten. Besonders die Kundenorientierung schätzt Pautz: „Im alten System stand nicht der Kunde im Vordergrund, sondern technische Abnahmestellen wurden verwaltet, für die auch eine Rechnung erstellt wurde.“

Dennoch hat Pautz einige Kritikpunkte an der SAP-Software: „Es gelingt mit unserer Konfiguration nicht, die Adresse eines Stromkunden mit der eines Auftragnehmers abzugleichen, wenn diese identisch sind“, sagt der Geschäftsführer. Dabei sei der örtliche Handwerker in der Regel auch Kunde der Stadtwerke und ein automatisches Abgleichen sowohl der Stammdaten als auch der Zahlungsströme würde den Mitarbeitern das Leben erleichtern. „Ich hoffe, dass zukünftig dafür Lösungen bereitstehen“, sagt Pautz.

An die Grenzen stießen die Stadtwerke auch mit den Möglichkeiten von SAP Script: „Wir konnten mit diesem Output Management einfach keine ansehnliche und kundenfreundliche Rechnung erstellen.“ Deswegen riet die SAP SI zum Einsatz einer für diese Anforderungen geeigneten Spezialsoftware mit zertifizierter Anbindung an IS-U/CCS. Heute sorgt die Software JetForm des gleichnamigen Unternehmens in Ratingen für ein ansprechendes Rechnungs-Outfit. Eine Sonderstellung nimmt auch die Archivierung ein: EasyArchiv sorgt für das elektronische Archivieren aller relevanten Belege und ist als Fremdsoftware an SAP angebunden.

Wünschenswert fände Pautz auch einen komfortableren Export und einfachere Auswertung von Daten aus der SAP-Datenbank für Marketingaktionen. Allerdings räumt der Geschäftsführer ein, das sich dieses Problem mit Einsatz einer weiteren SAP-Komponente erledigen könnte. „Über kurz oder lang werden wir auch diese Komponente anschaffen müssen, auch um das Unbundling ordentlicher abzubilden“, so der Geschäftsführer.

Bei aller Kritik: Pautz ist mit der Entscheidung zugunsten SAP zufrieden. „Ich könnte mir gar nicht vorstellen, wie wir eine so individuell auf den Kunden zugeschnittene Rechnungserstellung ohne die SAP-Software hinbekämen.“ Eine variable Anzahl von Verträgen, variable Anzahl von Lieferstellen je Kunde war im Altsystem nicht denkbar. Auch hausinterne Prozesse lassen sich bedeutend beschleunigen: Ein neuer Hausanschluss kann - abgesehen von der Zustimmung der Genehmigungsbehörden - binnen von zwei Tagen projektiert und angeboten werden. Früher wären zwei Wochen realistisch gewesen.

Pautz befürwortet - auch aus heutiger Sicht - die Entscheidung, eine hausinterne SAP-Installation vorzunehmen. Sein Grund: „Wir haben im Rahmen der DV-Umstellung unsere Ziele formulieren müssen, alle unsere Prozesse neu bewertet und überdacht und unser Unternehmen umstrukturiert. Teilweise hat sich gezeigt, dass Arbeitsschritte sinnvoller an anderer Stelle zu erledigen sind, um die Prozesse zu beschleunigen. So intensiv hätten wir das bei der Zusammenarbeit mit einem Application Service Provider sicherlich nicht hinterfragt“, meint er.

Was Pautz sehr schätzt, ist die Transparenz, die SAP ermöglicht. „An rund 50 Arbeitsplätzen haben die Mitarbeiter Zugriff auf SAP - vom Servicetechniker bis zum Kaufmann.“ Die gemeinsame Datenbasis schaffe nun ein viel größeres Verständnis für die Arbeit des anderen, sagt Pautz. „Kosten werden offensichtlich, Kundendaten allen relevanten Mitarbeitern zugänglich.“ Ein Vorteil, den der Geschäftsführer nicht mehr missen möchte. Ausdruck der Zufriedenheit sind auch seine Pläne: Schon bald möchte er auf neue Releases der SAP-Software wechseln, außerdem denkt er über die Integration des Geografischen Informationssystems Sicad/open in SAP nach. Zuvor muss jedoch die Einbindung eines EDM-Systems und die Euro-Umstellung gemeistert werden.

Erschienen in Ausgabe: 06/2001