Wirtschaftlich dank Wolke

Spezial/Service für EVU

Smart - Metering Aus dem einst einfachen Thema des Messens und Zählens ist eine komplexe IT-Aufgabe mit hohen Datenschutzansprüchen und vielen neuen Prozessen geworden. Die Umstellung der Zählpunkte auf diese Prozesse ist besonders für kleine und mittlere EVU kaum wirtschaftlich darzustellen. Helfen können etwa Cloud-Lösungen.

26. April 2013

Spätestens seit der letzten Novellierung des Energiewirtschaftsgesetzes und dem damit verbundenen, weiterführenden Verordnungspaket ist alles anders. Durch die neuen ordnungspolitischen Rahmenbedingungen für das Messwesen wird aus dem scheinbar so einfachen Thema des Messens und Zählens eine hochkomplexe IT-Aufgabe mit höchsten Datenschutzansprüchen und vielen neuen Prozessen.

So müssen neue Wohnanlagen, Kleinerzeuger ab 7kW – meist PV-Anlagen oder Mini-BHKW – sowie Messstellen mit einem Jahresverbrauch von mehr als 6.000kWh mit intelligenten Messsystemen samt schutzprofilkonformer Fernauslese- und Datenkommunikationsmöglichkeit ausgestattet werden. Dies gilt gemäß EnWG schon seit Anfang des Jahres 2013, beziehungsweise ab dem Zeitpunkt der »technischen Verfügbarkeit«, die uns bald bevorsteht. Allerdings ist es mit der Beschaffung, der Installation und vor allem mit dem Betrieb dieser neuen Messsysteme nicht ganz so einfach. Im Rahmen des aktuell durch das BMWi neu aufgelegten Verordnungspakets wie MSysV, MessZV gibt es eine Vielzahl von neuen Vorschriften, die im Kontext Messwesen zu beachten sind.

Mit eine der größten Herausforderungen wartet auf den Messstellenbetrieb nicht in der reinen Datenerfassung, sondern vielmehr im Umgang mit der nachgelagerten Datenverarbeitung. Da es sich hier um sensible Massendaten von Endverbrauchern handelt, wendet das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) besonders harte Richtlinien hinsichtlich des Datenschutzes und der Datensicherheit an. Die Entwicklung des sogenannten Schutzprofils beanspruchte wegen der strengen Anforderungen und hoher Komplexität deutlich länger als ursprünglich gedacht, ist nun aber seit kurzem endlich abgeschlossen.

Übergangszeit aktiv nutzen

Derzeit erfolgt bei Herstellern, Systemanbietern und Dienstleistern die Implementierung des Schutzprofils sowie aller damit in Verbindung stehender Prozesse. Somit rückt der Tag, an dem eine funktionierende Lösung realisiert sein wird, ein Stück näher. Viele EVU sind aber immer noch verunsichert und wollen erst einmal Abwarten. Dabei verlieren sie jedoch kostbare Zeit und geraten dann später unter unnötigen Druck bei der Umsetzung der Vorgaben. Es empfiehlt sich also, die Übergangszeit aktiv zu nutzen und neben den tangierenden Themen Personal und Prozesse auch die eigenen IT-Systeme an die neuen Anforderungen anzupassen, um rechtzeitig effizient arbeitende Systeme vorhalten zu können. Die Integration der neuen IT-Prozesse in die bestehende Infrastruktur ist allerdings sehr aufwendig und kostenintensiv. Wie hoch die Kosten wirklich sein werden, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Klar ist, je größer der Energieversorger ist, je kostengünstiger wird die Umstellung bezogen auf die absolute Anzahl der umzustellenden Zählpunkte ausfallen.

Laut einer Erhebung, für die der BDEW bereits 2011 Rückmeldung für mehr als 50% der rund 48Mio. Zählpunkte in Deutschland erhielt, liegen die Gesamtkosten für den Systemumbau bei rund 5,5Mrd.€ in den ersten fünf Jahren ab Einführung. Besonders für kleine und mittlere Stadtwerke wird es schwer, die Erfüllung der Pflichteinbaufälle wirtschaftlich darzustellen. Am Beispiel der Stadtwerke Saarbrücken lässt sich dies zeigen: für 125.000 Stromkunden, 40.000 Gaskunden und etwa ebenso viele Wasserkunden gab es bislang einen einzigen ERP-Softwarebaustein zur Verwaltung der Messgeräte für alle Versorgungsarten. In der neuen Welt des Smart Metering werden hingegen nur etwa 10% der Stromkunden von den EnWG-Anforderungen nach intelligenten Messsystemen betroffen sein. Daher stellt sich auch in Saarbrücken die Frage, ob es wirklich sinnvoll und wirtschaftlich darstellbar ist, die gesamte bestehende ERP-Software daran anzupassen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es insbesondere für die kleinen und mittleren Werke als angemessen, zur Abbildung der neuen Prozesse und Aufgaben im Smart Metering auf einen externen Lösungsbaustein zu bauen, der gezielt und spezialisiert die Funktionalitäten mitbringt, die für die 10% Smart Metering benötigt werden und sich permanent über Schnittstellen mit dem führenden ERP-System abgleicht. Ein vollständiger ›Umbau‹ der vorhandenen Software – in Saarbrücken SAP IS-U – wird jedenfalls nicht ohne weiteres möglich sein.

Ist es nun nötig, diese Risiken einzugehen und die Umstellung in Eigenregie durchzuführen? Die Antwort ist ganz klar nein. Hier gibt es etablierte Metering-Dienstleister wie co.met aus Saarbrücken, der heute über 280 Kunden aus dem Versorgerumfeld mit Dienstleistungen betreut und sich seit mehreren Jahren intensiv mit dem Thema Smart Metering beschäftigt. Das Unternehmen hat bereits heute für die Umsetzung des aktuellen Energiewirtschaftsgesetzes eine funktionierende Lösung. »Sich mit einer solch komplexen Materie selbst zu belasten, kommt dem Versuch gleich, ein eigenes Flugzeug zu bauen um damit in den Urlaub zu fliegen«, sagt Sascha Schlosser, Leiter Marketing und Vertrieb von co.met. Dabei müsse man sich das Flugzeug noch nicht einmal kaufen, sondern die EVU können es nutzen, wenn sie es brauchen. Denn die Software von co.met muss nicht gekauft und beim Messstellenbetreiber, Stadtwerk oder Energieversorger implementiert werden, sondern kann als Software-as-a-Service als Cloud-Lösung genutzt werden.

Schnelle Systemanbindung

Das heißt, für den Dienstleister ist lediglich das Ausprägen und Inbetriebnehmen eines neuen Mandanten an das führende Abrechnungssystem ein Thema, das einer individuellen Anpassung bedarf. Unmittelbar danach können sämtliche Funktionen der Datenverarbeitung sofort genutzt werden. Durch eine entsprechend schnelle Systemanbindung werde sich die Lösung genauso komfortabel nutzen lassen, wie eine direkt im Netzmandanten implementierte Software – obwohl das System im massendatentauglichen Hochsicherheits- und Hochleistungsrechenzentrum des Metering-Dienstleisters laufe, so Schlosser.

Hierdurch lassen sich zum einen hohe Investitionen einsparen und die Liquidität schonen. Zum anderen kann der Dienstleister durch die zentrale Verwaltung vieler Instanzen seiner Softwarelösung schnell und effizient auf Gesetzesänderungen, Format anpassungen und damit verbundene technische Neuerungen reagieren. Durch entsprechende Verschlüsselungstechniken ist eine sichere Datenübertragung garantiert. Da man durch seine Spezialisierung auf das Thema sehr viel Routine und Expertise im Umgang mit Big Data und mit der damit verbunden Datensicherheit habe, könnten sich die angeschlossenen Versorgungsunternehmen auf ihre Kernaufgaben konzentrieren, so Schlosser.

Dazu passend hat der Dienstleister mit dem Smart Metering Data Management (SMDM) eine umfassende System-Infrastruktur für den großflächigen Einsatz von Smart Metern entwickelt. Hierzu gehören im Wesentlichen die folgenden Systemkomponenten, mit Hilfe derer sämtliche relevanten Prozesse und Aufgabenstellungen aller Versorgungsarten abbildbar seien: Dazu zählen die erweiterte Geräteverwaltung als Dreh- und Angelpunkt der Systemlandschaft, Big Data Meter Data Management (MDM), die Gateway-Administration, das Smart Metering Workforce Management System und das Smart Metering Online-Portal.

Flexibel und Skalierbar

Das SMDM ist Multi-Mandantenfähig und ermöglicht somit eine zentrale MDM-Applikation für mehrere EVU zur Realisierung von Skaleneffekten. Diese ist webbasiert und arbeitet nach dem SaaS-Prinzip. So sind flexible Kosten in Relation zur Stückzahl der Messsysteme darstellbar. Die massendatentaugliche Kommunikation und Datenverarbeitung ist interoperabel aufgebaut. Sie verfügt über flexible Schnittstellen wie ERP, EDM und CRM, ist BSI-konform und bietet zertifizierte Datensicherheit. Als Smart-Meter-Gateway in Verbindung mit der Systemlösung SMDM steht aktuell auf dem Markt bereits ein Gerät zur Verfügung: Die Conexa-Box von Theben ist ein erstes Smart-Metering-Gateway im Sinne des EnWG mit realisierter PTB-Zulassung.

Erklärtes Ziel von co.met ist es, zum Zeitpunkt des Rollouts – dort vermutet man Q4 2015 – eine ganzheitliche und regelkonforme Systemlösung anzubieten, die allen Funktionsansprüchen gerecht wird und gleichzeitig die Effizienzkriterien der EVU in den Bereichen Kosten und Anwendung berücksichtigt. Das Unternehmen betreibt heute produktiv mehrere SMDM-Mandanten für Versorgungsunternehmen sowie andere ausgegliederte MSB-Gesellschaften mit einigen tausend Zählpunkten. »Unser Ansatz zieht die Smart-Meter-Prozesse vor die Klammer und ermöglicht damit eine flexible und skalierbare Systemlösung für unsere Kunden. Besonders die kleinen und mittleren Stadtwerke wissen dies zu schätzen und werden davon profitieren«, so Schlosser abschließend.

Interview

»Kooperationen als Schlüssel«

Peter Backes, Geschäftsführer co.met, zu Herausforderungen, die sich

unter anderem bezüglich der Wirtschaftlichkeit des Smart Metering ergeben.

Stadtwerke, kleinere und mittlere EVU werden oft als Rückgrat der Energiewende bezeichnet. Wie können trotz KMU-Struktur kritische Massen und Skalierungseffekte erreicht werden, die für die wirtschaftliche Umsetzung von Smart Metering nötig sind?

Es steht außer Frage, dass die notwendigen Investitionen in die anzupassende Infrastruktur enorm sind. Dieser Umstand gilt besonders für die kleinen und mittleren Versorger sowie Stadtwerke, die ihre Investitionen in diesem Bereich einer meist eher geringen Stückzahl an betreffenden Zählpunkten gegenüber stellen müssen. Dementsprechend können das Erreichen der kritischen Masse und die Erzielung von Skaleneffekten, beispielsweise bei der Beschaffung, nur über Kooperationen als Schlüssel zur Wirtschaftlichkeit erfolgen. Hier bieten sich strategische Partnerschaften oder auch spezialisierte Dienstleister an, um Aufbau und Betrieb deutlich effizienter zu bewerkstelligen.

Lange wurde das Fehlen des BSI-Schutzprofils als Argument herangezogen, bei der Umsetzung der EnWG-Anforderungen erst einmal abzuwarten. Doch inzwischen liegt diese Richtlinie vor. Allerdings wissen das bislang nur sehr wenige – lief oder läuft da in der Kommunikation etwas schief?

Ich glaube, dass viele das BSI-Schutzprofil stellvertretend für den kurzfristig und drastisch gestiegenen Komplexitätsgrad im Messwesen herausstellen und dass eben dies letztlich die Ursache für eine gewisse ›Zurückhaltung‹ auf Anwenderseite ist. Dabei ist das Schutzprofil doch eigentlich nur eine Art ›Hausaufgabe‹, die bei der zukünftigen Kommunikation mit Messsystemen gemacht werden muss.

Hersteller, Systemhäuser und Dienstleister sind hier aufgerufen, dieses sicherzustellen – beim Versorger tritt dieser Umstand operativ gar nicht in Erscheinung. Auf Versorgerseite kann man sich meiner Meinung nach auch heute schon an ganz anderen, wichtigen Stellen auf den Rollout vorbereiten. Prozesse, Personal und IT-Infrastruktur sind hier die Spannungsfelder, die im Kontext Messsysteme zwingend angepasst und eingestellt werden müssen. Jeder ist hier gut beraten, diese Dinge frühzeitig anzugehen und das eigene Werk langsam aber sicher auf die ›neue Welt‹ im Messwesen vorzubereiten.

Welche Rolle spielen offene Standards und Schnittstellen künftig im Smart Metering? Kann hier ein neuer Markt entstehen?

Offene Schnittstellen sind die Voraussetzung dafür, dass überhaupt irgendeine Form von Wettbewerb und damit auch ein kundenorientierter technologischer Drive in diesem Bereich entstehen kann. Nur dadurch finden neue Funktionen und Innovationen Eintritt in die Thematik Smart Metering. Die Platzierung von innovativen Produkten im Smart- Home-Bereich kann nur durch offene Schnittstellen getrieben werden. Standards sind hier Pflichtprogramm, damit Innovationen à la Open Source überhaupt einen Massenmarkt entstehen lassen können. Aktuell sehe ich hier zwar erste gute Ansätze, aber ich denke, dass wir hier noch ganz am Anfang stehen. Ein Potenzial ist mit Sicherheit gegeben. Die Einstellung zum Thema Energieverbrauch und Energieeffizienz in der Bevölkerung wird sich in den kommenden Jahren sicher stark verändern und sensibilisieren. Smart Home könnte ein Instrument werden, diesen neuen Bedürfnissen Rechnung zu tragen.

Erschienen in Ausgabe: 04/2013