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Stadtentwicklung

Wo Intelligenz zu Hause ist

Der Berliner Stadtteil Adlershof gilt als Deutschlands größter Wissenschafts- und Technologiepark. Jetzt entsteht dort das Quartier Future Living mit einer zukunftsweisenden Energieversorgung.

12. Dezember 2018
(Bild: GSW Sigmaringen GmbH)

Ab Herbst 2019 befinden sich auf 7.600 Quadratmetern sieben Gebäude, die insgesamt 69 Wohneinheiten, 20 Boarding-House-Studios und 11 Gewerbeeinheiten sowie ein Café und einen Ausstellungs- und Seminarbereich beherbergen. Investor und Bauherr des Quartiers ist die GSW Gesellschaft für Siedlungs- und Wohnungsbau Baden-Württemberg.

Das Besondere daran ist die Energieversorgung der Gebäude. Das Energiekonzept ist ein komplexes System aus Anlagen zur Wärmerückgewinnung, Wärmepumpen zum Heizen und für Brauchwasser, PV-Anlagen zur Stromerzeugung, Speicher für die überschüssig erzeugte Energie sowie Ladestellen für Elektroautos. Dabei kommt der intelligent gesteuerten Sektorenkopplung eine entscheidende Rolle zu, um die vor Ort gewonnene Energie effizient zu verteilen.

Autarke Energieversorgung

Autarke Energieversorgung

Ziel ist es, viel Energie vor Ort zu erzeugen und zu nutzen, um möglichst unabhängig von den öffentlichen Energienetzen zu sein – sowohl beim Strom- als auch beim Wärmebedarf. PV-Anlagen auf den Gebäuden boten sich dazu nicht nur aufgrund der Pultdächer architektonisch an, sie sind auch – genauso wie die Systeme zur Wärmerückgewinnung – Voraussetzung für die angestrebte Förderung nach KfW-40-Plus sowie der geltenden EnEV-Kriterien.

Bei der Wärmerückgewinnung wird die Abluft aus den Räumen über zentrale Wärmetauscher geführt und mit einer Sole-Wasser-Wärmepumpe thermische Energie produziert. Die Wärmerückgewinnung dient sowohl der Warmwassererzeugung, als auch der Raumheizung. Insgesamt werden 57,25 Prozent des gesamten Wärmebedarfs erzeugt. Mit zusätzlichen Luft-Wasser-Wärmepumpen wird der Spitzenlastbedarf gedeckt. Die Wärmepumpen unterstützen mit ihrem Grundbedarf am erzeugten Solarstrom zudem einen hohen Eigenverbrauch des PV-Stroms und können überschüssige Energie puffern. Das steigert die Energieautarkie.

Die Basis, um Photovoltaik-Strom zum Betrieb der 24 Wärmepumpen sinnvoll zu nutzen, ist die intelligente Vernetzung über eine übergreifende Gebäudeautomation. Auch die fünf E-Ladestellen des Community-Car-Sharing-Angebots lassen sich so in das Energiekonzept integrieren und mit lokalem Solarstrom versorgen.

» Future Living Berlin spiegelt das künftige Wohnen wider.»

— Florian Henle, Polarstern

Mieterstrom als Schnittstelle des Energiemanagements

Das Zusammenspiel von sieben Gebäudegruppen mit einer zentralen Strom- und einer dezentralen Wärmeversorgung macht das Energiekonzept komplex und effizient zugleich. Die Mieterstromversorgung ist dabei eine wichtige Schnittstelle, um den lokal erzeugten Strom automatisch dorthin zu leiten, wo er am effizientesten genutzt wird, sowie überschüssig erzeugten Solarstrom in Strom- und Wärmespeicher zu puffern, anstatt ihn ins Netz einzuspeisen.

Technisch gesehen ist die Kombination der verschiedenen Anlagen aus Bürogebäuden bekannt, in Wohngebäuden ist es hingegen Neuland. Hier stellen die unterschiedlichen Wohnungsgrößen und -räume sowie das individuelle Verhalten der Bewohner und der vergleichsweise geringe Platz zur Unterbringung der Technik die Ingenieure vor neue Herausforderungen, berichtet Thomas Ruß, der mit seinem Ingenieurbüro im Quartier Future Living Berlin das Energiekonzept geplant hat.

Einfluss des Nutzerverhaltens

Die intelligente Gebäudeautomation mitsamt aller Anlagen hilft, die erzeugte Energie sinnvoll zu verteilen. Dem zugrunde liegt der Energiebedarf der Bewohner. Je treffender ihr Bedarf auf die Energieerzeugung abgestimmt ist, umso leichter ist es, das Ziel der Energieautarkie zu erreichen.

Ein Wohnungsmanager unterstützt ein bewusstes Energieverhalten. Er zeigt den Bewohnern unter anderem auf einer Skala von eins bis fünf den Strom-, Heizungs- und Wasserverbrauch für die einzelne Wohnung an, sodass sie sich in ihrem Verhalten daran orientieren können.

Außerdem helfen Automatisierungen, die Heizung bei Nichtnutzung von Räumen oder Abwesenheit der Verbraucher runter zu regeln. Genauso eröffnet die smarte Steuerung weitere Dienstleistungs- und Sicherheitsangebote, etwa im Bereich des altersgerechten Wohnens. Intelligente technische Lösungen geben hierbei Unterstützung und erkennen Risiken.

Mit seinem ganzheitlichen, vernetzten und dezentralen Energieversorgungsmodell ist das Quartier Future Living Berlin ein Leuchtturmprojekt für das künftige Wohnen in der Hauptstadt.

Florian Henle, Polarstern

Kommentar

Heute so, morgen so ...

»Das Potenzial ist da: Bis zu 3,8 Millionen Wohnungen könnten mit Mieterstrom versorgt werden«, heißt es auf der Website des Bundeswirtschaftsministeriums. Mieterstromprojekte helfen beim Ausbau der erneuerbaren Energien, so das Ministerium. Wie ernst ist das gemeint? Experten zufolge sind die im Entwurf zum Energiesammelgesetz geplanten Neuregelungen kontraproduktiv für den Mieterstrom. Der Gesetzentwurf sieht unter anderem vor, die Förderung für PV-Anlagen mit einer Leistung von 40 bis 750 Kilowatt um bis zu 20 Prozent zu reduzieren. In diese Leistungsklasse fällt ein Großteil der im Rahmen von Mieterstromprojekten realisierten Anlagen, sagen Experten. Ich finde: Förderungen zu bewerten und anzupassen, ist völlig legitim. Aber bitte mit Blick nach vorne und ohne plötzliche Richtungswechsel. Erst im vorigen Jahr wurde die Mieterstromförderung eingeführt. hd

Erschienen in Ausgabe: Nr. 10 /2018