Zeit für eine neue Zeit

Mitten in der Energiewende übernimmt Stefan Kapferer die Geschäftsführung beim BDEW. Was ist ihm wichtig? Welche Akzente will er setzen? Energiespektrum traf ihn zum Exklusivinterview in Berlin.

13. Juli 2016

Herr Kapferer, Sie haben zuletzt in Paris gearbeitet. Was haben Sie gesehen, wenn Sie von dort auf das Energiewendeland Deutschland geschaut haben?

Die OECD ist eine Industrieländerorganisation, und dort wird natürlich auch über Energiethemen im internationalen Kontext gesprochen. Auf der einen Seite ist das Interesse an der Energiewende nach wie vor sehr groß: Wie macht Deutschland das, wie wird der Umbau organisiert? Auf der anderen Seite gibt es eine relativ unverhohlene Skepsis mit Blick auf die Kosten. Die internationalen Gesprächspartner stellen nicht in Frage, dass Deutschland richtige Ziele verfolgt. Aber es gibt das Gefühl, dass der deutsche Weg vielleicht nicht der einzig mögliche ist, um diese Ziele zu erreichen. Das muss man schon ernst nehmen. In Deutschland geht es oft um die Frage, ob Deutschland seine Vorreiterrolle verliert. Das wird garniert mit der These, dass wir diese Vorreiterstellung verlören, wenn wir die Erneuerbaren Energien nicht noch schneller ausbauen.

Für mich wird andersherum ein Schuh daraus: Deutschland muss den Prozess vor allem kosteneffizienter organisieren, wenn es die Vorreiterrolle behalten will.

 

Zudem wird von uns erwartet, dass wir den Prozess stärker international abstimmen . Wir müssen mit unseren europäischen Nachbarn wieder stärker zusammenarbeiten als bisher.

Was leiten Sie daraus jetzt für Ihre Arbeit beim BDEW ab?

Für mich ist zentral, dass wir als Branche einen Anspruch an die Politik formulieren. Deutschland hat sich im nationalen Gesetzgebungsverfahren Ziele gesetzt, und beim Pariser Klimagipfel sowie bei anderen Gelegenheiten internationale Zusagen gemacht und Vereinbarungen getroffen. Das unterstützen wir.

 

Jetzt geht es konkret um die Frage, wie man diese Ziele erreicht. Ich glaube, dass die vielen tausend Mitarbeiter in unseren Mitgliedsunternehmen, die Forscher in den zahlreichen anwendungsorientierten wissenschaftlichen Instituten sowie die Studierenden und Lehrenden an den Universitäten mehr Ideen haben als die Ministerien alleine.

 

Das liegt in der Natur der Sache. Immer mehr digitale Start-ups tummeln sich in der Energiebranche und bringen neue Ideen ein, arbeiten beispielsweise an Speichertechnologien und virtuellen Kraftwerken.

 

Eines muss, so meine ich, in der deutschen Energiedebatte wieder stärker zum Ausdruck kommen: Wir kennen heute noch nicht alle Technologien, Ideen und möglichen Weiterentwicklungen bestehender technischer Systeme, die dazu beitragen können, bis 2050 unsere Ziele zu erreichen. Es wird aber manchmal in der energiepolitischen Debatte so getan, als ob wir schon jede potenzielle Lösung für die Klimaschutzziele 2050 kennen. Das stimmt nicht. Und deswegen braucht es mehr Freiraum für Innovationen und Ideen der Energie- und Wasserwirtschaft. Wer heute schon alles endgültig und teilweise mit Verboten regeln und planen will, hemmt technologische Entwicklungen, statt sie zu fördern. Das geht immer zu Lasten möglichst kosteneffizienter Lösungen.

In den letzten Jahren hat die Energiebranche auf sehr viele einschneidende politische Entscheidungen reagieren müssen, sei es beim Thema Kernenergie, sei es bei fossilen Kraftwerksinvestitionen. Die Politik hat sehr früh entschieden, in eine bestimmte Richtung zu marschieren. Die Branche musste dabei – zu Recht - immer darauf hinweisen, dass es hierbei immer auch um Bilanzaspekte geht, schließlich sind unter den Unternehmen viele Kapitalgesellschaften. All das hat uns in den letzten Jahren in die Defensive gebracht.

In den letzten Jahren ist deshalb die positive Story zu kurz gekommen: Was kann die Energiewirtschaft beitragen zu dem Umbauprozess, der ja politisch gewollt ist und der ja auch weiter vorangetrieben wird? Und wo muss die Politik auf die Branche zugehen, damit die Potenziale der Unternehmen bei diesem Umbau zum Tragen kommen? Denn ohne die Mitglieder des BDEW wird der Umbauprozess nicht gelingen.

Jetzt gilt es, ein Narrativ zu formulieren. Das ist die Herausforderung.

Das Digitalisierungsgesetz hat lange auf sich warten lassen. Voraussichtlich im Herbst wird es in Kraft treten. Wie bewerten Sie die Neuregelungen?

Wir haben als Branche immer gesagt, dass, wenn der Rollout so effizient und kostengünstig wie möglich organisiert werden muss. Daher ist es wichtig, dass alle Kunden ab 6000 Kilowattstunden Jahresverbrauch ein intelligentes Messsystem einbauen müssen. Der Einbau dieser Systeme vereinfacht auch die Steuerbarkeit von regenerativen Anlagen und erleichtert damit die Netzintegration der Erneuerbaren Energien. Dies ist ein ganz wichtiger Punkt, wenn die Energiewende erfolgreich sein soll.

Der zweite Punkt betrifft die Verlagerung der Datenplausibilisierung und –aggregation von den Verteilnetzbetreibern (VNB) auf die Übertragungsnetzbetreiber. Wir sind der Meinung, dass man diese Aufgabe bei den Verteilnetzbetreibern hätte belassen sollen.

 

Positiv ist, dass der Gesetzentwurf mittlerweile dem Grundsatz folgt, dass jede Netzebene die Daten erhält, die sie für die Erfüllung ihrer Aufgaben braucht.

Jüngst hat der BDEW die Agenda „Die digitale Energiewirtschaft“ vorgelegt als Leitfaden für Unternehmen und Politik. Im Vorwort fordern Sie „(…) akzeptanzstiftende Regeln für den Umgang mit Daten“. Was meinen Sie damit konkret?

Wenn wir über die Digitalisierung der Energiewende reden, ist Akzeptanz natürlich primär eine Frage, die im Verhältnis zwischen uns und unseren Kundinnen und Kunden notwendig ist.

Wenn wir wollen, dass die Unternehmen der Energie- und Wasserwirtschaft in einer digitalisierten Welt neue Modelle und Geschäftsideen entwickeln, dann ist die Frage, ob die Kunden ihren Unternehmen vertrauen, von ganz zentraler Bedeutung. Deswegen ist Akzeptanz extrem wichtig.

Sind sich die Unternehmen dieser Problematik des Datenschutzes bewusst? Ist das verinnerlicht?

Der Umgang mit Kundendaten ist nichts Neues. Jetzt ändert sich aber das Volumen der Daten.

Die Mitgliedsunternehmen müssen sich nicht neu darauf einstellen, dass man mit den Daten der Kunden sensibel umgeht; das tun sie heute schon.  Worauf wir uns einstellen müssen, ist, dass der Kunde durch öffentliche Berichterstattung den Eindruck bekommt, plötzlich könnte der Versorger viel mehr von ihm wissen als bisher.

 

Bisher hat er einmal im Jahr seinen Verbrauch erfahren. Jetzt könnte er ein Profil bekommen Wir kennen alle die  kritischen Presseberichte, die die Privatsphäre der Verbraucher deshalb gefährdet sehen. Die Versorger gehen schon heute sehr sensibel mit den Kundendaten um, aber dieser Aspekt wird mit der digitalen Entwicklung noch wichtiger. An Bedeutung gewinnen wird künftig natürlich auch der Schutz der Infrastruktur und der Daten gegen Zugriffe von außen. IT-Sicherheit beispielsweise in der Cloud wird immer wichtiger werden für die Unternehmen.

Beim BDEW-Kongress hatte der Verband auf seinem Stand eine Zettelwand eingerichtet zu der Frage „Was erwarten Sie vom BDEW?“ Wir haben uns von den zahlreichen Notizen ein paar Stichworte abgeschrieben: Kontakte, Medienberichte, Kompetenz, Meinungsbildung, Lösungen, Agendasetting und Vermittler. Was ist Ihnen davon besonders wichtig?

Diese Punkte sind alle sehr wichtig, sie benennen einen bedeutenden Teil der Aufgaben, die wir als Verband erfüllen müssen. Die Vermittlung unserer Branchenpositionen gegenüber der Politik ist natürlich ganz zentral. Ich glaube, ich kann hier einiges an Erfahrung aus meiner Zeit in verschiedenen Ministerien sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene einbringen.

 

Mir ist auch wichtig, dass wir als Verband nach vorne schauen und unseren Mitgliedsunternehmen auf bestimmten Feldern - beispielsweise der Digitalisierung - Orientierung mit Blick auf Herausforderungen und Zukunftschancen bieten.

 

Daneben bleibt es natürlich unsere Aufgabe, zu allen wichtigen energie- und wasserpolitischen Themen abgestimmte Branchenpositionen zu entwickeln und gegenüber Politik und Öffentlichkeit zu vertreten. Aber es gibt eben auch Zukunftsthemen, die über den Tag hinausgehen und die wir fest im Blick behalten und angehen müssen. Unsere digitale Agenda ist hierfür ein gutes Beispiel; hier ist der BDEW als der Branchenverband in der Rolle, Orientierung zu bieten.

 

Und noch etwas ist mir persönlich sehr wichtig: Wir haben laut einer Befragung unserer Unternehmen im vergangenen Jahr eine hohe Mitgliederzufriedenheit. Ich will natürlich, dass das so bleibt. Dabei lege ich Wert auf die direkte Kommunikation mit den Mitgliedern aller Größenklassen, Wertschöpfungsstufen und Sparten. Was bewegt unsere Unternehmen? Der Austausch mit unseren Unternehmen über energiepolitische und wirtschaftliche Fragen gehört für mich zu den zentralen Aufgaben des Vorsitzenden der BDEW-Hauptgeschäftsführung.

Holger Dirks/Friedrich Kienle

Vita

Stefan Kapferer wurde 1965 in Karlsruhe geboren. Er studierte Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz.

2009 Staatssekretär des Bundesministeriums für Gesundheit.

2011 wechselte er in das Bundeswirtschaftsministerium. Zu seinen Aufgabenschwerpunkten gehörte die Gesetzgebungskoordination mit dem Bundeskanzleramt. Außerdem vertrat er das Ministerium in europäischen Räten wie dem Energieministerrat. Mit dem Wechsel von Staatssekretär Jochen Homann zur Bundesnetzagentur kam die Verantwortung für die Energieabteilung zusätzlich hinzu. Er übernahm auch den Aufsichtsratsvorsitz bei der Deutschen Energieagentur.

Von Oktober 2014 bis April 2016 stellvertretender Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Seit 1.5.2016 Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des Bundes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).