Strom

Zeitenwende – heute EEG, morgen PPA

In Deutschland gaben zuletzt mehrere Anbieter den Abschluss von Abnahmeverträgen für Ökostrom außerhalb des EEG bekannt. Vor allem Industriebetriebe können von dem Trend profitieren.

12. November 2018
(manasthep65/fotolia.de; Illustration: hweikart/henrich.de)

Einfach ausgedrückt könnte man sagen, die Energiewende entwächst den Kinderschuhen. Langsam aber sicher. Seit 2002 werden Bau und Betrieb von Wind-, Solarstrom- und Biomasseanlagen gemäß dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG, gefördert. Sukzessive erreichen in den kommenden Jahren immer mehr Wind- und Solarstromanlagen das Laufzeitende der EEG-Förderung. Deren Betreiber müssen sich künftig selbst um Abnehmer für den Ökostrom kümmern. Einfach aufhören wollen die wenigsten Betreiber.

Weiterbetrieb ab 2021

Warum auch, denn solange die Technik zuverlässig funktioniert, kann sie Geld verdienen. Strom wird schließlich immer gebraucht. Erst recht Ökostrom. Bundesweit bieten inzwischen eine ganze Reihe von Dienstleistern die Abnahme von Strom aus Altanlagen ohne EEG-Förderung an. Denn die Frist bis zum Ende der EEG-Zahlungen rückt näher. Ab dem 1. Januar 2021 bekommen Windenergieanlagen (WEA) mit einer Leistung von insgesamt vier GW keine Einspeisevergütung mehr. Zum 1. Januar 2022 fallen WEA mit einer Leistung von 2,5 GW aus der EEG-Förderung, 2023 dann weitere 3 GW. So geht es dann weiter, weil in den Jahren zwischen 2000 und 2010 zigtausend Wind- und PV-Anlagen installiert wurden.

Mit anderen Worten: Es entsteht ein großer Bedarf nach Abnehmern für die Stromproduktion dieser Anlagen. Weil der Börsenstrompreis schwankt und Betreiber ihre Einnahmen aus dem Stromverkauf zum Börsenpreis kaum im Voraus kalkulieren können, fehlt künftig die Verlässlichkeit.

Fakt

Nach-EEG-Zeitalter

Ein Power Purchase Agreement (PPA) regelt als Vertrag die Details der Stromabnahme aus einer Erzeugungsanlage in der Regel für mehrere Jahre. Relevant sind PPAs vor allem für Anlagen, die auf Planungssicherheit angewiesen sind nach dem Ende der EEG-Förderung.

Ab dem 1. Januar 2021 läuft bei etwa 6.000 Windenergieanlagen (WEA) in Deutschland die EEG-Förderung aus.

Insgesamt entspricht dies einer installierten Leistung von 4.000 MW. Um den Weiterbetrieb ihrer Anlagen zu ermöglichen, müssen Anlagenbetreiber ein Standsicherheitsgutachten vorlegen sowie alternative Absatzwege für ihren Strom finden. Grundlage für die gezielte Vermarktung des Windstroms aus sogenannten Ü20-Anlagen ist ein gesicherter Betrieb.

Verlässlichkeit

Hier setzen die Dienstleister an. Sie bieten den Betreibern mittel- bis langfristige Stromabnahmeverträge zu festen Konditionen. Das gilt auch für die Verbraucherseite. Nimmt beispielsweise ein Industriebetrieb die gesamte Stromproduktion eines Windparks ab, profitieren alle Beteiligten von den vertraglich festgelegten Bedingungen. So entstehen auch aufseiten des Abnehmers planbare Kosten für die Dauer des Vertrags. Anfang September gab Statkraft eine große Vereinbarung dieser Art bekannt. »Das vereinbarte Vertragspaket zwischen Statkraft, dem Bürgerwindpark Bassum und fünf weiteren Bürgerwindparks in Niedersachsen umfasst 31 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 46 MW«, so das Unternehmen. Die einzelnen Verträge haben Laufzeiten von drei bis fünf Jahren. Der Strom aus den Windparks wird zukünftig zur Stromversorgung eines Industrieunternehmens genutzt. Die Vereinbarung zeigt, dass der wirtschaftliche Betrieb von Windkraftanlagen nach 2020 möglich ist und der Rückbau von Bestandsanlagen verhindert werden kann, so das Unternehmen. Experten nennen diese Form der Vermarktung Power Purchase Agreement, kurz PPA.

Power Purchase Agreement

»Power Purchase Agreements, in anderen Ländern längst Standard, sind in Deutschland zurzeit in aller Munde«, sagt Dr. Klaas Bauermann von Statkraft. »Statkraft und ein großes deutsches Industrieunternehmen haben gezeigt, dass diese speziellen Stromabnahmeverträge auch heute schon bei uns möglich sind.« Industrie und Gewerbe sind auf Strom angewiesen. Der Strombedarf ist groß, dem statistischen Bundesamt zufolge gehörte Strom 2016 mit einem Anteil von rund 21 Prozent zu den bedeutendsten Energieträgern in der Industrie. Energieexperten nennen solch einen konstant hohen Strombedarf eine natürliche Senke für Strom aus erneuerbaren Energien. Zudem verpflichten sich immer mehr Industrieunternehmen zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Dazu gehört in der Regel der Bezug von Ökostrom.

Genau an diesem Punkt ergänzen sich die Interessen der Erneuerbaren-Branche mit denen der Industrie und ergeben laut Statkraft eine Win-win-Situation. »Entscheidend ist, dass mit dem Ausscheiden aus der EEG-Vergütung das Doppelvermarktungsverbot fällt und der grüne Mehrwert der Stromproduktion erstmals frei nutzbar wird«, so Bauermann. Voraussetzung ist, dass der Abnehmer weiß, was er will und was ein PPA bedeutet. Denn es ist nicht gleichzusetzen mit einer konstanten Stromlieferung, kurz Baseload. Der Abnehmer bekommt ein sogenanntes Windprofil geliefert. So wird die Stromproduktion aus einem Windpark mit dem entsprechenden Marktwert bezeichnet. Dieser Marktwert berechnet sich aus dem durchschnittlichen Wert des Stroms an der Day-Ahead-Auktion der Börse EPEX.

Ein Windprofil kann laut Statkraft in bestehende Versorgungskonzepte der Abnehmer integriert werden. Das ist vor allem für diejenigen Unternehmen eine wichtige Information, die noch keine Erfahrungen mit dem Bezug eines Windprofils haben. Mit der direkten Stromlieferung aus dem Windpark erhält der Abnehmer gleichzeitig den grünen Mehrwert des Stroms.

Das ist relevant für die Bewertung der Nachhaltigkeit und macht es möglich, den an den Abnehmer gelieferten Strom physisch einer Erzeugungsanlage zuzuordnen. Statkraft sorgt in einem PPA dafür, dass der Abnehmer genau das geliefert bekommt, was prognostiziert wurde. Das ist wichtig für die Planung in den Unternehmen und erleichtert die Integration der Einspeisung in die Energiebeschaffung der Abnehmer. Außerdem kümmert sich Statkraft auf Kundenwunsch auch um das Einbinden des PPA in eine vollständige Grünstromversorgung, strukturiert die Stromlieferung, übernimmt das Ausgleichsenergierisiko und beschafft weiteren Grünstrom.

»Der grüne Mehrwert der Stromproduktion wird nutzbar.«

— Dr. Klaas Bauermann, Statkraft

Eine Mindestgröße für den Strombedarf der Abnehmer gibt es nicht. Statkraft hat kein eigenes Endkundengeschäft und versteht sich in diesem Zusammenhang als Partner der Stadtwerke und Versorger. »Wir haben eine führende Position in Europa bei der direkten Versorgung von Unternehmen aus Gewerbe und Industrie mit Strom aus nicht geförderten, erneuerbaren Anlagen«, so Bauermann.

Planbare Einspeisung

Auf vielen europäischen Märkten sind PPA Voraussetzung für die Errichtung von neuen Wind- und Solarparks. Im April schloss Statkraft ein langjähriges PPA mit dem Betreiber eines Solarparks mit einer Leistung von 170 MW in Spanien. In Deutschland wird in den nächsten Jahren vor allem die Vermarktung von Bestandsanlagen im Fokus stehen. Voraussetzung für den Weiterbetrieb nach 20 Jahren ist ein Standsicherheitsgutachten, da die Typenprüfung der WEA nach 20 Jahren ausläuft. »Unser Ziel ist es, so viele WEA wie möglich nach Ablauf der 20-jährigen fixen EEG-Vergütung wirtschaftlich weiterzubetreiben«, sagt Patrick Koch von Statkraft. Nach seinen Worten muss der Betreiber für einen wirtschaftlichen Weiterbetrieb mindestens seine Kosten verdienen. Die Kosten sind im Wesentlichen Fixkosten, deren größter Anteil Wartungs- und Betriebskosten und Pachtkosten sind. »Obwohl der Wind kostenlos ist, sind die Betriebskosten also nicht Null«, sagt Koch. Die Aussichten sind vielversprechend. Laut einer Umfrage der Fachagentur Windenergie an Land sind die Umfrageteilnehmer überwiegend gewillt, ihre Altanlagen weiterzubetreiben, wenn sich dies wirtschaftlich darstellen lässt. Von der bis Mitte des nächsten Jahrzehnts betroffenen Windenergieleistung soll, nach Vorstellung der Befragten, über die Hälfte mehr als fünf Jahre weiterlaufen, heißt es. hd

Interview: »Ein klarer Vorteil«

Anlagenbetreiber hier, Unternehmen mit Nachhaltigkeitszielen dort. Ein PPA bringt beide zusammen.

Experten sind uneins, wie groß die Zahl der WEA-Altanlagen sein wird, die nach EEG-Ende weiterbetrieben werden. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

Die Frage nach dem zahlenmäßigen Anteil der Anlagen lässt sich nicht pauschal beantworten. Es hängt immer vom Einzelfall ab. Die Betreiber sind mehrheitlich offen für den Weiterbetrieb, wie wir aus Gesprächen wissen. Einige haben bereits in Standsicherheitsgutachten investiert. Das gilt insbesondere für Anlagen, die de facto vor dem 1. Januar 2000 in Betrieb gingen, aber offiziell erst seit diesem Datum EEG-Förderung erhalten. Weil die Typenprüfung für 20 Jahre gilt, haben die Betreiber dieser Anlagen schon vor Ablauf der EEG-Förderung Gutachten erstellen lassen. Mir ist bis dato kein Fall bekannt, wo ein Gutachten verwehrt wurde.

Jüngst ergab eine Umfrage der IHK München, dass 42 Prozent der Mitgliedsbetriebe binnen 12 Monaten Strompreiserhöhungen hatten, 56 Prozent verzeichneten generell höhere Energiepreise. Wie verhält sich dazu das PPA?

PPA ist weder für kurze Laufzeiten wie die genannten 12 Monate gedacht, noch für Stromeinkauf zu radikal niedrigen Preisen. PPA steht für Planungssicherheit aufseiten der Erzeuger wie der Abnehmer. Der Horizont geht bewusst über die Zeiträume hinaus, die beim Bezug über die Strombörse üblich sind.

Sind die Preise fix für die Vertragslaufzeit?

Der Fixpreis gilt dabei für die gesamte Lieferung, also für den Strom und den dazugehörigen Grünwert.

Dieser muss heute gesondert über Zertifikate beschafft werden. All das ist Teil des PPA, ein klarer Vorteil.

Erschienen in Ausgabe: Nr. 09/2018