Zentrale Schaltstelle

SOFTWARE Zur Effizienzsteigerung müssen Energieversorger Daten aus allen Bereichen integrieren. Doch die Koppelung ist nicht einfach.

04. September 2006

Eine neue Ära hat begonnen. Das Energiewirtschaftsgesetz von 2005, die Regulierung der Netzentgelte sowie die für 2007 erwartete Anreizregulierung - all das fordert von den Energieversorgern tief greifende Veränderungen. Wer sich um Effizienz bemüht, wird belohnt, Untätigen droht eine Strafe; Konkurrenz wird gefördert. Mit diesem wachsenden Wettbewerbsdruck werden laut einer Studie der Mummert Consulting die Margen der Energieversorger unter Druck geraten. Laut Studie erachten knapp 90 % der Entscheider Effizienzmaßnahmen für notwendig oder sehr notwendig und setzen dabei auf ein besseres Prozessmanagement.

„Dabei liegt ein Schwerpunkt der Effizienzmaßnahmen auf der Integration von Systemen und Anwendungen im Umfeld der Netzleitsysteme“, sagt Dr. Georg Schneider, Vertriebs- und Projektmanager der BTC Business Technology Consulting in Oldenburg. Viel Synergiepotenzial bietet etwa die Integration der Netzleittechnik mit einem Geografischen Informationssystem (GIS), das Wetter-, Strom-, Kundendaten, Netzkomponenten, Mechanikerqualifikation und topografische Eigenschaften sammelt. „Ein Fehler im Netz wird dann vollautomatisch erkannt, beschrieben und lokalisiert“, erklärt Kees van Loo, Business Develop Manager beim GIS-Anbieter Esri Geoinformatik in Kranzberg.

Nachricht an Aussendienst

Er führt weiter aus: „Auf seinem mobilen Endgerät wird der Mechaniker benachrichtigt, der nicht nur am nächsten dran ist, sondern der auch über die notwendige Qualifikation zur Fehlerbehebung verfügt. Die optimale Fahrtroute wird gleich mitgeliefert.“

Ein anderes Beispiel: Da die Versorger anhand aktueller Wetterdaten nicht nur wissen, wo Schäden durch Unwetter drohen, sondern auch erkennen, welche Netzwerkkomponenten den Ausfall einer anderen auffangen können, lassen sich Stromausfälle schon im Vorfeld vermeiden.

Die Verwirklichung dieser Lösungsszenarien stellt die interne IT-Abteilung jedoch zuerst einmal vor eine Herausforderung: Bevor ein Prozess durchgängig organisiert und mit einem Workflow unterlegt werden kann, gilt es ihn zu definieren. Die vielfältigen Aufgaben der Mitarbeiter in den Fachabteilungen und im Außendienst sind in automatisierte Abläufe zu überführen.

Oft müssen auch neue Applikationen installiert werden. Einen durchgängigen Prozess zu implementieren ist langwierig, weil zahlreiche, auf vielfältige Weise gekoppelte IT-Systeme involviert sind. Deshalb bringen Entwickler häufig viel Zeit mit individueller Schnittstellenprogrammierung und damit verbundenen Wartungsaufgaben zu.

Anders ist das bei der EWE AG in Oldenburg, die im Bereich der Netzleittechnik eine Integrationsplattform der BTC AG einsetzt. „Wir können jetzt Schnittstellenprojekte schneller realisieren“, freut sich Christian Wulff, aus der Abteilung Strategische IT bei der EWE.

Das Multiservice-Unternehmen für Energie, Umwelt und Telekommunikation mit nationalen und internationalen Beteiligungen verzeichnet Zeit-, Kosten- und Qualitätsverbesserungen durch die Integrationsplattform. Sie fungiert als Metaebene zwischen den Systemen.

In die Plattform werden die für den Workflow benötigten Systeme eingeklinkt und es wird eine relativ einfache Kommunikation zwischen den verschiedenen Systemen ermöglicht. Dabei überführt die serviceorientierte Architektur (SOA) die Schnittstellen technischer Systeme in Webservices und nutzt diese, um technische Geschäftsprozesse abzubilden und auszuführen (s. Kasten).

Dank ihres offenen Aufbaus lassen sich beliebige Softwarekomponenten für Techniker, Netzmanager und Energiehändler einfach miteinander verbinden. So koppelt EWE zur Zeit das Netzleit- und das Zählerfernauslesesystem GAS, das Nominierungsmanagement-, das Rufbereitsschafts-Informations- sowie das System für das Energiedatenmanagement.

Automatisches Ampelsystem

Die ersten über die neue Integrationsplattform implementierten Prozesse dienten der bidirektionalen Kommunikation zwischen Zählerdaten-Fernauslesesystem und Netzleittechnik. Seit Juli 2005 werden auch die bei den gesetzlich vorgeschriebenen Überfliegungen und Kontrollen von Erdgasleitungen gewonnenen Erkenntnisse an die Integrationsplattform übergeben.

Mit ihrer Hilfe wird ein Flugbericht im Rufbereitschafts-Informationssystem angelegt. Gleichzeitig erhalten die zuständigen Bezirksmeistereien automatisch E-Mail-Benachrichtigungen, um Warnhinweisen nachgehen zu können.

Der Kosten-Nutzen-Effekt der Integrationsplattform schlägt sich für den Konzern mit rund 5.400 Mitarbeitern und über 7 Mrd. € Umsatz in folgenden Punkten nieder: Es gibt weniger Schnittstellen und damit geringeren Koordinierungs- und Schnittstellenaufwand; standardisierte Prozessmodelle und Datenschemata erleichtern die Automatisierung von Abläufen; die Prozesse lassen sich leichter messen und nachvollziehen und die Anwender in den Fachabteilungen können die laufenden Prozesse besser überwachen und steuern.

Dabei werden sie nur mit den für sie relevanten Informationen konfrontiert, und zwar auch über ein Ampelsystem, das dem Anwender sofort signalisiert, ob ein automatisierter Prozess funktioniert oder nicht. Insgesamt sind die Datenintegrität und IT-Sicherheit erhöht. Bei EWE gelten zudem höchste Sicherheitsanforderungen: „Wir haben eine Vielzahl von Fehlerszenarien durchgespielt und entschieden, ein hochverfügbares System mit zwei identisch ausgelegten Standorten aufzubauen“, berichtet Christian Wulff. Diese sichern sich im Fehlerfall gegenseitig ab. Schließlich ist die Netzleittechnik ein Hochsicherheitsbereich der Versorger. Aus diesem Grund wurde die Netzleittechnik traditionell häufig als Insellösung gefahren. Franziska Jandl

Zuständig für Integration

Die BTC-Integrationsplattform basiert bei der EWE AG auf dem BizTalk Server 2004, der Microsoft-Plattform für Business Process Management und Enterprise Application Integration. Sie ist auf die besonderen Bedürfnisse von Energieversorgern zugeschnitten und koppelt technische und kaufmännische IT-Systeme im Umfeld der Netzleittechnik auf der Ebene von Daten und Geschäftsprozessen. Die Kommunikation erfolgt mit standardisierten Nachrichten im XML(Extensible Markup Language)-Format. Das aus diesem Projekt hervorgegangene Produkt BTC Prins Talk enthält spezielle branchenspezifische Komponenten wie einen Adapter für Datenbank- und Filezugriff, der für Zeitreihen und Netzdaten optimiert wurde, sowie einen Adapter für Fernwirkprotokolle. Für die Prozessmodellierung und Schnittstellennormierung wird das Common Information Model(CIM)-Referenzmodell genutzt.

Erschienen in Ausgabe: 09/2006