Zu gut für die Tonne: Biomüll

Markt

Marktwandel - Im neuen Jahr muss laut Kreislaufwirtschaftsgesetz organischer Müll getrennt gesammelt und verwertet werden. Bundesweit sind dafür Biogasanlagen entstanden oder im Bau. Ob sich so der Biogassektor wiederbeleben lässt? Der Markt ist stark geschrumpft. Die Zahl von Neuanlagen ist auf einem Tiefstand.

13. Oktober 2014

Es klingt immer etwas altklug, wenn jemand sagt: »So ändern sich die Zeiten«. Aber meist trifft es ziemlich genau den Punkt. Das gilt auch für die Biogasbranche in Deutschland. Der Markt ist nicht wiederzuerkennen. Im Spitzenjahr 2011 wurden laut Zahlen des Fachverband Biogas 1.270 Anlagen neu installiert in Deutschland. Von dort an ging es bergab; und zwar im freien Fall. 340 gingen 2012 noch in Betrieb, für dieses Jahr sind 110 Anlagen vorhergesagt.

Marktbereinigung

Die Zahl der Beschäftigten ging von 46.000 in 2012 auf 41.000 im Vorjahr zurück. Die letztgenannten Zahlen sind aber nur ein Anhaltspunkt, denn sie beruhen auf Hochrechnungen des Fachverbandes. Für 2014 erwartet der Verband erneut Stellenstreichungen und rechnet damit, dass die Zahl der Stellen auf weniger als 40.000 zurückgeht. Die Talsohle ist sicher noch nicht erreicht. Was dem Markt noch bevorstehen könnte, zeigt der Blick auf die deutsche PV-Branche: Der Markt schrumpfte zwischen 2012 und 2014 um die Hälfte; jeder zweite Arbeitsplatz ging verloren, so der Bundesverband Solarwirtschaft.

Ursachen für den Einbruch waren unter anderem weltweite Überkapazitäten und reduzierte PV-Einspeisevergütung.

Zurück zum Biogasmarkt. Dort sind die Probleme zum Teil auch auf EEG-Reformen zurückzuführen. Mit Inkrafttreten des EEG 2014 am 1. August wurde der Bonus für Biomethaneinspeisung gestrichen. Zuvor waren bereits mehrere Bestimmungen erlassen worden, die dem Boom der Branche die Spitze nahmen. Unter anderem mussten Anlagenbetreiber mindestens 60% der erzeugten Wärme verwerten und dies nachweisen; ferner mussten Abfall- und Reststoffe wie Gülle oder Mist vergoren werden statt Weizen oder Mais. Kritiker hatten die zunehmende ›Vermaisung‹ der Anbauflächen in einigen deutschen Regionen bemängelt.

Ab 2015 mehr Biomüll

Nun also ist der Markt zusammengeschrumpft und es ist nicht klar, in welchem Umfang neues Wachstum generiert werden kann.

Ein Möglichkeit sind Bioabfälle. Abfallvergärungsanlagen und kleine Gülleanlagen sind laut Fachverband die einzigen wirtschaftlichen Optionen beim Biogas. Die Schweriner Abfallentsorgungs- und Straßenreinigungsgesellschaft und die Remondis-Gruppe investieren rund 6,5Mio.€ in eine Anlage zur Vergärung von Bioabfällen. Sie soll nach Angaben des Böblinger Anlagenherstellers Eisenmann im Januar 2015 in Betrieb gehen. Den Angaben zufolge wird die Biogasanlage pro Jahr rund 12.500t Bioabfall vergären und etwa 2,6Mio. kWh Strom erzeugen.

Derzeit gibt es laut Fachverband in Deutschland etwa 300 Abfallvergärungsanlagen; 85 davon sind auf Abfälle aus der Biotonne spezialisiert. Mit den zur Verfügung stehenden Mengen und zusätzlichen Potenzialen ließe sich diese Zahl verdreifachen, sagen Experten.

EEG-Vergütung

Das würde aber viele Jahre in Anspruch nehmen und Kompostierungsanlagen müssten Vergärungsanlagen als Vorschaltanlagen bauen. Die EEG-Vergütung für Biogasanlagen mit kommunalen Abfällen aus der Biotonne sowie Garten- und Parkabfällen oder Abfällen von Wochenmärkten beträgt laut Fachverband bis zu 15,26ct pro erzeugter kWh Strom. »Der Neubau von Anlagen zur Vergärung landwirtschaftlicher Reststoffe und kommunaler Abfälle kann sich auch im EEG 2014 lohnen«, sagt David Wilken vom Fachverband. Ab dem 1. Januar 2015 müssen gemäß Kreislaufwirtschaftsgesetz bundesweit Bioabfälle getrennt gesammelt und verwertet werden. Das Ziel: Der Anteil der unbehandelten Abfälle soll weiter verringert werden. In vielen Städten und Landkreisen werden Grünabfälle wie Herbstlaub und ähnliches in Sammelstellen entgegengenommen und dann später als Blumenerde oder Humus wieder verkauft.

Verschiedene Qualitäten

Unklar ist allerdings immer noch, wie die Vorgaben des Kreislaufwirtschaftgesetzes genau umgesetzt werden müssen. In welchem Maß die energetische Verwertung im Vergleich zur stofflichen Verwertung gefördert wird, muss die Politik erst noch entscheiden.

Viele Bioabfälle wie Teebeutel, altes Gemüse und Kaffeesatz landen in der Regel im Restmüll und sind für die Wiederverwertung verloren. Großstädte wie Berlin oder München haben bereits zusätzliche braune Sammeltonnen für jeden Haushalt eingeführt und sammeln auf diesem Weg neben Grünschnitt auch Biomüll in Privathaushalten ein. Die Crux: Nicht alle Bioabfälle eignen sich als Gärsubstrat für die Biogaserzeugung. Das heißt, die Neuregelung ab 2015 erhöht zwar die Menge an sortenreinem Biomüll; aber das führt nicht per se zu mehr verfügbarem Gärmaterial für entsprechende Biogasanlagen. Zudem werden die Anlagen genehmigungsrechtlich anders behandelt als Anlagen für nachwachsende Rohstoffe.

Umfangreiche Auflagen

»Durch die breite Palette an Einsatzstoffen, die in jeweils unterschiedlichen Wassergefährdungsklassen kategorisiert werden, sind die Anforderungen an bauliche Maßnahmen wie Doppelwandigkeit der Fermenter oder Umwallung der Anlage bei Abfallvergärungsanlagen in der Regel sehr hoch und kostenintensiv«, so der Fachverband in einer Mitteilung. Das gilt auch für Bestandsanlagen. »Auch Anlagen, die störungsfrei laufen, müssen nach einer Übergangsfrist die neuen Anforderungen erfüllen und nachrüsten.«

Die Berliner Stadtreinigung verwendet die Energie aus der Biotonne bereits seit dem Vorjahr als Treibstoff für einen Teil ihrer Fahrzeuge. (hd)

Erschienen in Ausgabe: 08/2014