Zukunft in Sicherheit

KRAFTWERKE Bei steigenden Strompreisen wird die Eigenerzeugung für Versorger immer interessanter. In Bremen hat man dies schon frühzeitig erkannt. In der Pipeline sind derzeit zwei große Kraftwerksprojekte.

18. August 2006

Seit Aufnahme der ersten Stromproduktion in Bremen im Jahre 1893 begleitet das örtliche Versorgungsunternehmen swb die Frage, wie hoch der Eigenerzeugungsanteil in Bremen sein soll. Diese Frage wurde einerseits immer eng begleitet, durch die besondere politische Situation Bremens als Stadtstaat und andererseits durch die geographische Lage. Die Anbindung an das Verbundnetz wurde erst Ende der 30er- Jahre vollzogen. Noch heute hat Bremen bis zur Fertigstellung der zweiten Verbundeinspeisung eine Art Inselfunktion auf Basis deren der Eigenerzeugungsanteil schon rein technisch notwendig ist. Beim Thema Eigenerzeugung hat man beim Bremer Versorger heute eine eindeutige Ausrichtung: diese heißt Offensive. „Energieerzeugung ist für uns ganz klar ein Wachstumsthema“, sagt der Geschäftsführer der swb Erzeugung Dr. Frank Schumacher.

Von einer weitgehenden Schließung der Kraftwerke in Bremen, wie sie im 1998 veröffentlichten Beschaffungskonzept vorgesehen war, ist keine Rede mehr. „Wir planen in den nächsten Jahren fast eine Milliarde Euro in Kraftwerke in Bremen zu investieren“, sagt Dr. Schumacher. Die neue Erzeugungsstrategie sei möglich geworden durch eine Kombination aus eigenen erfolgreichen Effizienzanstrengungen und einer drastischen Veränderung des Energiemarktes, berichtet der Chef der swb-Tochter. Eine Begründung findet er beim Blick auf die Energiepreise. Die Großhandelspreise für Grundlaststrom liegen an der EEX Anfang Juli bei rund 48 €/MWh. Vor zwei Jahren lag der Base-Preis im Mittel noch bei rund 31 €/MWh und ist damit in zwei Jahren um rund 70 % gestiegen. Im gleichen Zeitraum sind die Steinkohlepreise (Grenzübergangspreis) jedoch nur um rund 30 % gestiegen. Das Fazit von Dr. Schumacher: „Die Beschaffung von Strom über den Großhandelsmarkt ist für Energieversorger dadurch riskanter.“

Mit zwei Großprojekten will man von diesem günstigen Umfeld profitieren: • Ende 2005 fiel der Startschuss für das größte Investitionsprojekt in der Firmengeschichte. Der Aufsichtsrat genehmigte die Planungsmittel für den Bau eines neuen Steinkohle-Kraftwerksblockes am Standort Mittelsbüren. ›Block 21‹ soll rund 800 MW Leistung bringen, wird rund 800 Mio. € Investition erfordern und soll 2012 in Betrieb gehen.

• Im April diesen Jahres stimmte der Aufsichtsrat zu, am Kraftwerksstandort Hafen bis 2008 ein Mittelkalorik-Kraftwerk (MKK) zu bauen. Die Investition bewegt sich hier bei 112 Mio. €.

Um den erzeugten Strom auch überregional verkaufen zu können, baut swb gerade eine zweite Anbindung an das überregionale europäische Höchstspannungs- Verbundnetz. Die Arbeiten sollen Ende 2006 abgeschlossen sein. Laut Dr. Schumacher ist ein wichtiger Bestandteil der swb-Erzeugungsstrategie die vorhandenen Anlagen sowohl technisch als auch wirtschaftlich zu optimieren. Dadurch würden sich sicherlich Absatzmöglichkeiten jenseits des Bremer Marktes eröffnen, so der Chef der Erzeugungstochter. Jedoch wisse man nicht erst seit der dena-Studie, dass es - aufgrund von Netzengpässen in Norddeutschland, die durch geplante Offshore-Anlagen noch forciert werden - zu Durchleitungsproblemen kommen könne und werde. „Der internationale Stromabsatz ist somit eng an den Ausbau der Netztrassen gekoppelt“, weiß der Chef der Erzeugungssparte bei swb. Im Vorfeld der Planung des Projektes Block 21 hat swb die unterschiedlichen Brennstoffträger Erdgas und Steinkohle anhand von rund 80 Kriterien bewertet. Letztlich überwogen die Vorteile der Steinkohle, begünstigt auch durch den Standort.

Hinzu kam, dass es im konkreten Fall schwer bzw. nicht möglich war, „auf dem Erdgasmarkt Erdgaslieferverträge für ein Grundlastkraftwerk zu wirtschaftlich vertretbaren Konditionen abzuschließen“, berichtet Dr. Schumacher. Zudem zeige die Preisentwicklung bei Erdgas grundsätzlich einen deutlich stärkeren Anstieg im Vergleich zur Steinkohle, unter anderem aufgrund der hohen internationalen Nachfrage, aber vor allem durch die unterschiedlich hohen Reserven und Ressourcen der Primärenergieträger. Auch der Preis für Steinkohle, der sich in den vergangenen Jahren zwischen 40 und 60 €/t SKE bewegte, befindet sich seit 2003 in einer stetigen Aufwärtsentwicklung. Bei swb geht man davon aus, dass sich dies „tendenziell sicher fortsetzt“, allerdings werde „aufgrund des Ausbaus der Transportkapazitäten der Anstieg verhaltener als in den letzten Jahren“ sein, so die Einschätzung. Beim Kraftwerksbau setzen die Bremer auf modernste Technik. Dazu Dr. Schumacher: „Wir werden ein Kohlekraftwerk auf neuestem Stand mit überkritischen Dampfparametern bauen.“ Ein Wirkungsgrad größer 45 % ist Zielgröße. Der Kraftwerksblock wird als Grundlastblock mit einer entsprechenden hohen Verfügbarkeit geplant. Die Anbindung an einen seeschifffahrtstiefen Hafen ist für swb von besonderer Bedeutung.

Sorgsam geplant werden muss dabei aber vor dem Bau der neuen Anlage der Rückbau von Altanlagen am vorhandenen Kraftwerksstandort Mittelsbüren. Generell geht man bei swb davon aus, dass der Weiterbetrieb der übrigen Kraftwerke unberührt bleibt.

Synergieeffekte am Hafen

„Wir betrachten den Block 21 als Ergänzung unseres Erzeugungsportfolios“, sagt Dr. Schumacher dazu. Aus ökonomischer und ökologischer Sicht sei es sinnvoller, ein Kraftwerk mit hohem Wirkungsgrad in der Grundlast durchlaufen zu lassen und bei Netzengpässen - etwa durch Windlast - weniger effiziente Kraftwerke vom Netz zu nehmen. Die überregionale Bedeutung des Block 21 erkennt man auch daran, dass dieser in das 380-kV-Netz und nicht in das Bremer 110-kV-Netz eingebunden wird. „Generell“, so Dr. Schumacher, „wird der langfristige Weiterbetrieb der vorhandenen Kraftwerke maßgeblich durch den Markt bestimmt.“

Einen Einfluss auf die Nutzungsdauer dürfte auch der Bau des Mittelkalorik- Kraftwerks am Hafen haben, wodurch dieser Standort sicherlich längerfristig Bestand haben wird. Hintergrund: Aus Mittelkalorik (heizwertreiche Sortierreste aus der Abfallsortierung sowie Gewerbeabfälle) kann mit Hilfe der Rostfeuerungstechnologie Strom erzeugt werden, der als Betriebsstrom für die beiden Steinkohleblöcke genutzt wird. Damit kann entweder bei gleichem Kohleeinsatz mehr Strom produziert werden oder der Kohleeinsatz verringert sich bei gleicher Produktionsmenge.

Die ökologische Rechnung für das MKKProjekt fällt positiv aus: 226.000 Jahrestonnen Mittelkalorik ergeben jährlich 220.000 MWh Strom, den jährlichen Strombedarf von etwa 60.000 Haushalten. Da rund die Hälfte der Mittelkalorik nicht fossilen Ursprungs ist, ist dieser Brennstoff teilweise klimaneutral. „Ein sinnvoller Beitrag für die Schonung der letztendlich begrenzten Ressource Steinkohle und ein sinnvoller Beitrag für den Klimaschutz“, betont Kraftwerksexperte Schumacher.

Bei der Überlegung für das MKK-Projekt spielte das seit Mitte 2005 geltende Deponierungsverbot eine erhebliche Rolle, sagt Dr. Schumacher. „Damit ist der Weg für eine energetische Verwertung dieser Stoffe frei“. Die Planung ist bereits weit fortgeschritten. Die nächsten Projektschritte sind die Versendung der Ausschreibungsunterlagen und die Einholung der Angebote für die Kerngewerke (Feuerung und Kessel, Abgasreinigung, Turbine). Anfang Oktober soll der Genehmigungsantrag eingereicht werden. Für Dr. Schumacher sind die Effekte auch aus unternehmerischer Sicht positiv: „Durch die Synergieeffekte unserer Kohlekraftwerke im Hafen bedeutet dies eine langfristige Sicherung und Weiterentwicklung des Standortes.“ (mn)

BLOCK 21 KRAFTWERKSDATEN

• Standort: Bremen, Mittelsbüren

• elektr. Leistung: rund 800 MW

• Fahrweise: Grundlastblock, 7.500 Betriebsstunden/a

• Brennstoff: > 1,6 Mio. t SKE/a

• Wirkungsgrad: circa 45 %

• Anlagentechnik: auf neuestem Stand mit überkritischen Dampfparametern

• kommerzieller Betrieb: ab 2012

• Investition: rund 800 Mio.€

• Mitarbeiter: rund 70 neue qualifizierte Arbeitsplätze

• Planung, Bau und Betrieb: swb Erzeugung GmbH & Co. KG

Erschienen in Ausgabe: 08/2006