Zweischneidiger Schutz

Technik

Effizienz - Zur Sicherung der Energieversorgung werden Kohlekraftwerke trotz oder gerade wegen der Erneuerbaren zumindest mittelfristig notwendig sein. Gleichzeitig ist es aus Klimaschutzgründen wichtig, diese so ›sauber‹ wie möglich zu machen. Doch der Weg in Richtung sauberes Kohlekraftwerk ist schwierig.

22. Mai 2012

>Die Energiewende in Deutschland ist beschlossen, doch die Auseinandersetzung um den richtigen Energiemix geht weiter. Auch die Sicherung von Grundlasten bei hohen Anteilen des Strommixes von Wind und Solar ist angesichts teurer und ungenügender Speichermöglichkeit nicht klar. So bleibt die Verbesserung fossiler Kraftwerke auf der Tagesordnung. Diese sollen möglichst effektiv und umweltfreundlich arbeiten.

»Im Süden von Hamburg entsteht derzeit eines der modernsten und umweltfreundlichsten Kohlekraftwerke weltweit: das Kraftwerk Moorburg«, wirbt etwa Vattenfall für sein Kraftwerksprojekt. Nach der Inbetriebnahme werde es das modernste Kohlekraftwerk des Konzerns sein.

Der Energieversorger investiert in den nächsten Jahren mehr als 2Mrd.€ in das Projekt, eine neue Fernwärmetrasse war zudem geplant. »Die Fernwärmeleitung befindet sich zwar weiter im Planfeststellungsverfahren, wird aber voraussichtlich nicht realisiert. Für Moorburg wird die Fernwärmeauskopplung Richtung Süden geprüft«, fasst Stefan Kleimeier, Pressesprecher Hamburg der Vattenfall Europe AG, den derzeitigen Stand zusammen.

Das neue Kraftwerk soll mit der Produktion von 11Mrd.kWh Strom im Jahr fast den kompletten Strombedarf Hamburgs decken. »Dafür bräuchten wir über 800 Windräder«, schätzt Gudrun Bode, die vor Ort das Dokumentationszentrum der Großbaustelle leitet. Die Doppelblockanlage ist so konzipiert, dass sie im typischen Betriebspunkt eine Bruttoleistung von 2 x 820MWel und 2 x 120MWth erzeugen kann. Im Maximum können brutto 1.680MWel erzeugt oder bis zu 650MW Fernwärme abgegeben werden. Das Kraftwerk soll jährlich 7.500 Stunden im Grundlastbetrieb laufen. Die Blöcke sind für einen Regelbereich von 35 bis 100% ausgelegt. Zur Absicherung der Netzregelaufgaben sind kurzzeitig 103% Last fahrbar.

Von Umweltschützern kommt jedoch herbe Kritik an dem Projekt. »Vattenfall dürfte das meistgehasste Unternehmen Hamburgs sein. Mit Klimaschutz hatte sich das Unternehmen nie ernsthaft befasst, es reagiert immer erst auf öffentlichen und politischen Druck hin. Es setzt in Deutschland immer noch zu 90 Prozent auf Kohlekraft. Das ist jedoch ein Auslaufmodell«, so Karsten Smid von Greenpeace Hamburg.

Verschiedene Auswirkungen

Vattenfall nennt derzeit einen Wirkungsgrad von 45% für das neue Kraftwerk. Eine Erhöhung des Wirkungsgrades verbessert grundsätzlich Umweltstandards und kann auch die Gewinne erhöhen. Gleichzeitig erfordert die Einhaltung von Umweltstandards bei der Rauchgasentgiftung oder bei der Kühlung Energie und verschlechtert damit diese Umweltbilanz und Gewinnaussichten.

Nachträglich musste der Konzern einen Kühlturm einplanen, der ein oder zwei Prozentpunkte kosten dürfte. Auch durch die eventuell nicht angeschlossene Fernwärme verringert sich der Wirkungsgrad. Mit aufwendigen Neuerungen versuchte das Unternehmen dem gegenzusteuern. Durch die Verwendung des neu entwickelten Kesselstahls T24 sollte sich die thermische Nutzung des Kraftwerks erhöhen. Doch bereits vor einem Jahr stellten Experten Mängel am Kesselstahl fest. An den Schweißnähten bildeten sich feine Haarrisse.

Nachrüstung für ccs möglich

»Wir haben damit begonnen, 600 von 5.500 Quadratmetern des Stahls auszutauschen«, sagt Konzernsprecher Stefan Kleimeier. »Die gemeinsam mit dem Hersteller Hitachi Power Europe erarbeitete Lösung sieht einen Teilaustausch des Materials im oberen Kesselbereich durch konventionellen Kesselstahl vor.« Dort ist der Stahl besonders belastet.

Unklar ist, ob Vattenfall oder Stahllieferant Hitachi für den Schaden aufkommen muss. Zu den Kosten für den Austausch kommen hohe Einnahmeausfälle durch den späteren Betriebsbeginn. Der erste Block des Kraftwerks soll jetzt erst im Frühjahr 2014, der zweite im Sommer 2014 in Betrieb gehen.

Ein weiterer Punkt für höheren Klimaschutz ist die Abscheidung und Speicherung des CO2, das sogenannte CCS, das derzeit in Deutschland auf Eis liegt. »Die Absonderung wäre technisch machbar und kann auch später eingebaut werden«, so Bauleiter Burghardt Krüger. »Ich rechne damit, dass sich diese Technologie durchsetzt.« Smid kritisiert: »Das Lagern von CO2 weist unkalkulierbare Risiken auf. Technisch ist es nicht ausgereift und bei einer richtigen Betrachtung der Gesamtkosten viel zu teuer.«

Thomas Kiefer

Erschienen in Ausgabe: 05/2012