Die nackte Wahrheit ist komplex

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Offshore - Windenergie ist auf allen Kanälen, in allen Zeitungen sind die Windmühlen zu sehen. Geliebt von den Medien, propagiert von der Politik und akzeptiert vom Volk - doch wird meist vergessen, dass der Ausbau der Offshore-Windkraft auch noch scheitern kann.

30. November 2012

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Noch ist sie nicht ganz tot, aber selbst eingefleischte Optimisten gewöhnen sich allmählich an den Gedanken: Es wird immer unwahrscheinlicher, dass Deutschland die Ausbauziele für den Offshore-Windstrom erreicht.

Bis 2030 sollen nach den Vorstellungen der Bundesregierung 25GW Windleistung in den deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee installiert sein. Eine jüngst vorgelegte Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young stellt trocken fest: »Nach wie vor sind nur wenige Offshore-Projekte in Betrieb.« Genauer gesagt: Es sind ganze 215MW Nennleistung am Netz.

75 bis 100Mrd.€ muss die Offshore-Branche investieren und die Schlagzahl vervielfachen, wenn die Zielsetzung der Bundesregierung nicht Makulatur sein soll. Ernst & Young nennt eine Zahl, die selbst den euphorischsten Verfechter der Offshore-Windenergie den Mundwinkel nach unten zieht. »Um das Ziel in 2030 zu erreichen, muss der Zubau auf der Basis von 2011 um 12.800 Prozent steigen.« Das ganze Ausmaß der notwendigen Anstrengungen wird deutlich, wenn man diese abstrakte Prozentzahl in konkrete Installationen umrechnet. Demnach müssten ab sofort im Jahresdurchschnitt 1.380MW Offshore-Windleistung installiert werden. Bei den heute üblichen 3,6- bis 5-MW-Turbinen wären das 320 Installationen im Jahr. Das entspricht dem Bau von vier Windparks in der heute üblichen ersten Ausbaustufe von 80 Anlagen.

Planungen auf EIs gelegt

Diese Installationen verteilen sich auf die Monate April bis September – und auch dann sind sie aufgrund der Wetterverhältnisse nicht an jedem Tag möglich. Um das gesteckte Ausbauziel zu erreichen, müssten die Offshore-Bauherren jeden Tag drei Windenergieanlagen ins Meer stellen – ab morgen. Davon ist die Offshore-Windindustrie weit entfernt.

Das ist die ›nackte Wahrheit über Offshore‹, wie das Motto einer Konferenz Anfang November in Husum lautete. Klaus Rave, Offshore-Experte beim Global Wind Energy Council, erwiderte dort die Frage des Moderators nach der nackten Wahrheit mit einem Hinweis auf die Medien: »Es gibt beim Thema Offshore-Wind ein grobes Missverhältnis zwischen dem Bohai in den Medien und dem tatsächlichen Zubau.« Dem schleswig-holsteinischen Minister für die Energiewende, Robert Habeck, der die Konferenz eröffnete, blieb mit Blick auf die deutschen Offshore-Projekte nur die Flucht in den Sarkasmus: »In diesen Zeiten muss man froh sein, wenn es mal nichts Neues gibt. Wir sind da, wo wir auch vor einem Jahr waren. Das ist ein Erfolg.«

Nicht ganz korrekt, denn es gab durchaus Neues – und zwar schlechte Nachrichten. RWE Innogy legte bereits im Juli 2012 den Park ›Innogy Nordsee 1‹ vorübergehend auf Eis. Der dänische Energieversorger DONG folgte dem Beispiel nach drei Monaten und stoppte die Entwicklung des Windparks ›Riffgrund 2‹. Der DONG-Deutschland-Chef Christoph Mertens begründete den vorläufigen Stopp mit dem Hinweis, dass der für den Netzanschluss zuständige Netzbetreiber Tennet TSO technisch und wirtschaftlich überfordert sei.

Unklare Bedingungen

Er erklärte: »Riffgrund 1 und Riffgrund 2 sind Schwesterprojekte. Für Riffgrund 1 haben wir ein festes Datum erhalten, wann wir mit dem Netzanschluss rechnen dürfen, und für Riffgrund 2 fehlt dieses Datum. Dann hat Tennet uns erklärt, dass sie verschiedene Probleme mit den Angeboten haben, Probleme bei der Finanzierung, bei den Haftungsrisiken ...« Mertens sprach in diesem Zusammenhang sogar von »Geiselhaft«, weil der Netzbetreiber damit eine Lösung des gesamten Konfliktes anstrebe.

Mitte November hieß es dann für EnBW: Willkommen im Klub. Der südwestdeutsche Energieversorger zog wie RWE und DONG die Reißleine und verschob die 1,5-Mrd.-Investition in den Offshore-Park ›Hohe See‹ auf unbestimmte Zeit.

Zeigt sich hier der Sturmvogel einer Krise? Selbst der Präsident des Bundesverbands Windenergie, Hermann Albers, warf sich nicht schützend vor die Offshore-Projekte. Von ihm ist zwar bekannt, dass er nicht zu den glühendsten Verehrern des Offshore-Stroms gehört. Das »Nein« aber, dass er dem Moderator auf die Frage »Würden Sie in Offshore investieren?«, entgegenschleuderte, entsprang auch der Überzeugung, dass Offshore-Windenergie noch nicht – vielleicht auch nie – die Rolle einer Leitenergie im Strommix übernehmen kann. »Viele Dinge sind unklar«, beklagte der BWE-Präsident. »Zum Beispiel die Wartungskosten und die Lebensdauer der Anlagen. Offshore-Wind ist ein neues Marktsegment, bei dem wir erst lernen müssen.«

Damit zeigte der BWE-Chef aber auch, dass er sich nicht an dem in der Branche üblichen Volkssport ›Tennet-Bashing‹ beteiligen will. Ohne Frage ist die Unfähigkeit des Unternehmens, die Netzanschlüsse der Nordsee-Parks rechtzeitig zu stemmen, die Hauptursache für die aktuelle Verzögerung. Aber das entspricht nicht der ganzen »nackten Wahrheit«, befand Jörg Kuhbier, ehemaliger Hamburger Senator und jetziger Vorsitzende der Stiftung Offshore-Windenergie.

Standards für Konverter fehlen

»Wir dachten, Offshore ist wie Onshore plus 50 Prozent«, zeigte er sich selbstkritisch. Lange Zeit hätten die Branchenaktivisten die Probleme ignoriert, außerdem habe die Zusammenarbeit nicht geklappt, las er der Offshore-Branche die Leviten.

Ein Besuch der Werft ›Nordic Yards‹ ist in dieser Hinsicht aufschlussreich. Hier entsteht eine der Konverterplattformen, die den Windstrom in Hochspannungsgleichstrom umwandeln und mittels sogenannter HGÜ – Hochspannungsgleichstrom-Übertragungstechnik – an Land schicken. Die Plattform ist zeitlich stark in Verzug geraten, weil Konstruktionsstandards für HGÜ-Konverterplattformen fehlen.

Tennet hatte Siemens mit dem Bau der Plattform beauftragt. Die Siemens-Fachleute mussten bald erkennen, dass sie sich einer Pionieraufgabe gegenübersahen. »Zu Projektbeginn herrschte große Unsicherheit, welche Standards für HGÜ-Konverterplattformen anzuwenden sind«, erinnert sich Siemens-Pressesprecher Torsten Wolf.

»Es gibt keine exakt auf diese Pionieraufgabe zugeschnittenen Vorschriften und Regelwerke. Dagegen gibt es eine Vielzahl von Industrienormen und maritimen Standards, welche in Betracht gezogen werden können oder in Betracht gezogen werden müssen.« Siemens bediente sich dann hauptsächlich aus dem Regelwerk der Öl- und Gasindustrie oder sprach sich mit den Genehmigungsbehörden ab. Das kostet Zeit.

Für Christian Dahlke, beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) zuständig für die Genehmigungen der Offshore-Parks, ist das kein Einzelfall: »Manche große Unternehmen sind als Generalunternehmer völlig ahnungslos ins Offshoregeschäft gestolpert.«

Es gibt auch das, was man mit ›objektiven Gründen‹ umschreiben kann. Offshore Windparks haben beispielsweise zunehmend Investitionsvolumina, die von einzelnen Banken sowieso nicht, aber auch von kleinen Konsortien nicht zu tragen sind. Diese Konsortien hatten früher drei bis fünf Banken, eine »handhabbare Größe«, sagt Berater Rave. Jetzt kommt es zu sogenannten Club Deals, an denen zehn und mehr Banken beteiligt sind. »Das ist nicht nur teuer«, sagt Rave, »sondern auch ein großes Hindernis für die Projektfinanzierung.«

Kritik am Netzentwicklungsplan

Die Folge: Die Unternehmen nehmen die Investition auf die Bilanz, bauen also auf ihre Bonität. »Das sind aber nur ein paar Unternehmen, die das können«, kommentiert Rave. Guckt man genauer hin, sind es die wohlbekannten Größen der Branche.

Aber auch die Politik bekommt in einer nüchternen Bilanzierung der deutschen Offshore-Entwicklung ihr Fett ab. Offshore-Fachleute kritisieren die Planlosigkeit, mit der die Politik in Berlin an die Jahrhundertaufgabe Energiewende heranging. Vattenfall-Manager Peter Wasmuth bringt es auf den Punkt: »Was wir brauchen, ist ein Masterplan, der die verschiedenen Aufgaben miteinander verzahnt. Das ist die Grundlage dafür, dass die Energiewende gelingt, ohne die Volkswirtschaft zu schädigen.«

Den Ruf hatte man in Berlin wohl schon früher vernommen. Nach dem Motto: Lieber spät als gar nicht, brachten jedenfalls das Umwelt- sowie das Wirtschaftsministerium einen Netzentwicklungsplan als auch einen Offshore-Netzentwicklungsplan auf den Weg. Darin werden vom Netzbetreiber verbindliche Anschlussorte und die Reihenfolge der Anschlüsse genannt sowie Haftungsfragen geklärt für den Fall, dass der Netzanschluss nicht rechtzeitig kommt.

Das sei ein Systemwechsel, damit entscheide Tennet TSO über die Geschwindigkeit des Ausbaus, bemängeln Kritiker. Wenig Anklang bei Verbraucherorganisationen findet die Entschädigungsregelung, die die Kosten eines verzögerten Anschlusses zum Teil auf die Stromkunden umlegt.

Unterdessen sehen Offshore-Veteranen wie Jörg Kuhbier die Politik noch längst nicht entlassen. Noch stehen die Ausbauziele, von denen immer mehr glauben, dass sie kaum noch erreicht werden können. Kuhbier ficht das nicht an: »Nicht die Branche hat das Ziel ausgegeben, sondern die Politik. Das ist wie ein Scheck, der eingelöst werden muss.«

Jörn Iken

Kritik an Offshore

Zu Offshore-Wind gibt es eine ganze Reihe kritischer Stimmen: Den meisten Offshore-Projekten fehle ein ausgewogenes Ertragsprofil, während die Risiken sehr hoch seien, stellte beispielsweise Stephan Reimelt, CEO von GE Energy Germany fest (>e 4/2012, S. 60). Dabei beherrscht GE die Technologie, wie der Konzern mit seiner Offshore-Pilotanlage in Göteborg beweist. Den Schritt aufs Meer schließt auch Enercon aus – das Risiko sei zu groß, sagt Geschäftsführer Hans-Dieter Kettwig. Und Felix Goedhart, Vorstandsvorsitzender der Capital Stage AG bemerkt: »Wieso Offshore-Wind zum Lieblingskind der Politik geworden ist, ist für mich nicht nachvollziehbar.« Hohe Baukosten, gewaltige Betriebsrisiken und -kosten, sowie das Thema Netzanschluss und -ausbau treffen auf Verzögerungen am Bau und zahlreiche nicht versicherbare Risiken. »Betrachtet man Offshore unter üblichen Finanzierungsgesichtspunkten muss die Ampel für Investoren auf Rot stehen« (>e 8/2012, S. 23). Prof. Dr. Eicke Weber, Leiter des Fraunhofer ISE stellt fest, dass die Gestehungskosten für Strom aus Onshore-WEA bei 6 bis 8ct/kWh liegen. Bei Offshore-WEA ergäben sich dagegen trotz höherer Volllastzeiten von jährlich 3.200 Stunden mit 12 bis 16ct/kWh deutlich höhere Stromgestehungskosten. (vt)

Erschienen in Ausgabe: Nr. 10/2012