»2014 war ein anspruchsvolles Jahr«

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Die Einführung der EEG-Umlage ab 2015 für Strom aus KWK sorgt weiterhin für Gesprächsstoff. Dr. Tilman Tütken von MAN fordert in unserem Interview von der Bundesregierung einen Ausgleich für die betroffenen Unternehmen.

25. November 2014

Wie bewerten Sie als Hersteller von KWK-Aggregaten das Kalenderjahr 2014?

Sowohl international als auch mit Blick auf den deutschen KWK-Markt muss 2014 als ein anspruchsvolles Jahr gelten. Dabei sind die Ursachen in Deutschland hausgemacht und können in der Novelle des EEG nachgeschlagen werden: Das Wachstum bei der KWK kam in den vergangenen Jahren vor allem aus dem industriellen Bereich.

Die Belastung der industriellen Eigenstromerzeugung mit der EEG-Umlage und die nur bis 2017 befristete Zustimmung der EU-Kommission zu dieser Regelung machen es Unternehmen sehr schwer, weiter in die KWK zu investieren. Investitionen brauchen stabile Rahmenbedingungen, und die fehlen derzeit.

Für laufende Projekte war es 2014 wichtig, die Anlagen noch vor dem für das EEG kritischen Termin Ende Juli in Betrieb zu setzen. Das ist uns bei einer Anlage mit unserem 10-MW-Motor 20V35/44G gelungen, die vom Kunden auch für elektrische Marktaktivitäten vorgesehen ist. Das war eine wichtige Wegmarke, weil es die erste Installation dieses neuen Motors in Deutschland war.

Welche technischen Trends sind für Sie maßgeblich im neuen Jahr?

Grundsätzlich beobachten wir einen Trend zur KWK mit Gasmotoren im Leistungsspektrum über 10MW. 2014 gab es Ausschreibungen speziell für Motorenkraftwerke, etwa in Kiel mit 200MW. Ein Kraftwerk, das im Teillastbetrieb zwei Motoren abschaltet und die übrigen zwei unter voller Last fahren lässt, ist viel effizienter, als eines mit einer einzelnen Turbine, die dauerhaft mit halber Last betrieben wird. Auch die Belastung für das Material ist geringer.

Dazu kommen die Betriebsvorzüge, die Gasmotoren ohnehin mitbringen, etwa das Anfahren auf Maximallast aus dem Stand innerhalb von fünf Minuten.

Das Ziel von 25% KWK-Stromerzeugung in Deutschland im Jahr 2020 wird laut der im Oktober vorgelegten Evaluierung deutlich verfehlt werden. Was muss geschehen?

Der KWK-Monitoring Report zieht eine niederschmetternde, wenn auch wenig überraschende Bilanz: Im kommunalen Bereich kann gasbefeuerte KWK kaum mehr wirtschaftlich betrieben werden.

Das gilt für modernste Neuanlagen so sehr wie für Bestandskraftwerke und bedeutet, dass einige der effizientesten und umweltfreundlichsten Technologien zur Absicherung und Ergänzung erneuerbarer Energien nicht weiter aus- sondern eher abgebaut werden.

Das ist umso dramatischer, als der Bericht zugleich die Vorzüge und Erfolge der KWK dokumentiert: rund 56 Millionen Tonnen CO2-Einsparung in der Stromerzeugung allein im Jahr 2012! Und damit ist das Einsparpotenzial bei Weitem nicht ausgeschöpft, bei konsequentem Ausbau gerade der industriellen KWK prognostiziert das Bundeswirtschaftsministerium bis zu 123 Millionen Tonnen jährlicher Ersparnis. Wenn das wahr werden soll, ist der Gesetzgeber gefragt: Das Design des Energiemarkts muss an dessen Realität angepasst werden. Effizienz und Flexibilität bei der Bereitstellung von elektrischer Energie müssen sich endlich auch preisbildend auswirken. Andernfalls laufen in Deutschland in ein paar Jahren im thermischen Bereich nur noch abgeschriebene Kohlekraftwerke.

Knapp ein Drittel der KWK-Stromerzeugung in Deutschland entfällt laut Evaluierung auf KWK-Anlagen der Industrie. Rechnen Sie mit weiterem Wachstum in diesem Segment?

Die weitere Entwicklung der industriellen KWK in Deutschland hängt meiner Ansicht nach maßgeblich von zwei Faktoren ab.

Erstens: die Investition in KWK muss sich lohnen. Damit das so bleibt, muss die Bundesregierung über das KWK-Gesetz einen Ausgleich für die im EEG 2.0 beschlossenen Zusatzbelastungen der industriellen Eigenstromerzeugung schaffen. Die jetzt getroffene Regelung sieht eine schrittweise Mehrbelastung durch die EEG-Umlage vor, die viele Investitionsmodelle an den Rand der Wirtschaftlichkeit führt.

Zweitens: Investoren brauchen Rechtssicherheit. Genau die bietet das jetzige EEG nicht. Hier muss das Wirtschaftsministerium schnellstmöglich auf die neue EU-Kommission zugehen und eine Regelung finden, die auch über das Jahr 2017 hinaus Bestand hat. (hd)

Vita

Dr. Tilman Tütken

- Seit 2009 Vice President und Vertriebsleiter Europa für den Bereich Power Plants bei MAN Diesel & Turbo.

- Er ist seit über neun Jahren bei MAN tätig, unter anderem im Kraftwerksbereich in Brasilien, im Nahen Osten, in Asien oder Amerika.

- Zuvor arbeitete er mehr als zwölf Jahre bei ABB in den Bereichen Vertrieb, Service und Projektabwicklung. »Die jetzt getroffene Regelung sieht eine schrittweise Mehr-belastung durch die EEG-Umlage vor, die viele Investitionsmodelle an den Rand der Wirtschaft-lichkeit führt.«

Erschienen in Ausgabe: 10/2014