Alles ist eins

Titelstory

Hannover Messe - Ein Netzwerk, in dem jedes Element mit jedem verbunden ist, das Daten austauscht, analysiert und aussteuert. Die Energiewelt wird vernetzter, digitaler und intelligenter sein müssen, um den Wandel des Systems und die neuen Anforderungen stemmen zu können. Vom 24. bis 28. April greift die Energy diese Aspekte in Hannover auf.

23. Februar 2017

Ob bei der Umsetzung der Klimaschutzziele oder der Digitalisierung: Neue Lösungen und Kooperationen in Industrie und Energiewirtschaft werden wichtiger. »Diese Entwicklung begleiten wir auf der Energy, wo integrierte Energiesysteme und die gesamte energiewirtschaftliche Wertschöpfungskette im Mittelpunkt stehen«, so Benjamin Low, Abteilungsleiter für Energiethemen der Hannover Messe (HM).

Im Rahmen der HM vereint die Energy so künftig alle Energie- und Mobilitätsthemen unter einem Dach. Das Konzept sieht als Kernstück der Leitmesse die Integrated Energy Plaza in Halle 27 vor. 2016 ist dieses Leitthema erstmals vertreten gewesen.

Systemgedanke im Mittelpunkt

Themen wie Energiemanagement, Netzstabilität, die Erschließung von Effizienz- und Flexibilitätspotenzialen sowie Lösungen für die Integration, Steuerung und intelligente Vernetzung dezentraler Energieerzeugung spielen hier eine Rolle. Darüber hinaus werden neue Geschäftsmodelle präsentiert, die aus der Kopplung von Strom-, Wärme-, Kälte- und Mobilität entstehen.Branchenverbände unterstützen das System-Denken. So wird das Bühnenprogramm auf der Plaza von VDMA, ZVEI, VKU, BEE, BNE, BDEW, GTAI sowie von der Dena zusammengestellt.

Stadtwerke »sind die Systemmanager, die erneuerbare Energien in das Energiesystem integrieren, die Wärmewende in den Kommunen vorantreiben und kommunale Anstrengungen bündeln«, so Fabian Schmitz-Grethlein, VKU-Bereichsleiter Energiesystem und Energieerzeugung. »All diese Themen, die unter anderem die Bereiche Sektorkopplung, zelluläre Netze beziehungsweise Stärkung der Verteilnetze, Digitalisierung und Dekarbonisierung betreffen, wollen wir diskutieren.«

Energie und Effizienz kombiniert

»Besucher erfahren auf der Plaza, welche Lösungen in Deutschland und der Welt bereits existieren, welche Projekte realisiert wurden, woran derzeit geforscht wird und wohin die Zukunftsreise geht«, ergänzt Marc Czernie von der Dena.

So bilden die Aussteller der Integrated Energy Plaza in interaktiven Exponaten Neuentwicklungen ab. Neben anderen Unternehmen ist in diesem Jahr erstmals die Baywa r.e. auf der Integrated Energy Plaza.

»Unser Fokus liegt auf ganzheitlichen Energielösungen für Gewerbe und Industrie«, so Matthias Taft, Energievorstand von Baywa. Deren 100-prozentige Unternehmenstochter Baywar.e. betreut die Geschäftsfelder Solarenergie, Windenergie, Bioenergie sowie Geothermie.

Als Dienstleister realisiert das Unternehmen Projekte im Bereich der Erneuerbaren. Unter anderem auch im diesjährigen Messe-Partnerland Polen, wo man bereits seit einigen Jahren im Windmarkt aktiv ist und sich nun auch im Solarbereich intensiver engagiert.

 »In Deutschland unterstützen wir Stadtwerke und lokale Energieversorger beim Vertrieb von PV-Anlagen und Speicherlösungen für Endkunden«, so Taft weiter. Auf der Integrated Energy Plaza wird auch die industrielle Wärmenutzung als Teil des künftigen Energiesystems gezeigt. Am benachbarten Gemeinschaftsstand ›Dezentrale Energieversorgung‹ sind die Technologien dafür zu sehen. Anbieter von KWK-Anlagentechnik, Sorptionskältemaschinen und virtuellen Kraftwerken sowie Anlagen zur Abwärmenutzung stellen hier aus.

Die Software und das Know-how zum effizienten Umgang mit Strom und Wärme finden sich im ›Energy Efficiency Center‹. Hier können sich Messebesucher über Einsparmöglichkeiten durch Effizienztechnologien und Dienstleistungen sowie Best-Practice-Beispiele informieren.

Bei der Energieeffizienz setzt auch die Sonderschau ›Digital Energy‹ in Halle 12 an, die erstmals im Rahmen der Energy stattfindet. Im Mittelpunkt steht das Energiemanagement.

»Mit dem neuen Ausstellungsbereich bieten wir insbesondere energieintensiven Unternehmen die Möglichkeit, sich auf der Hannover Messe über DIN-Vorgaben oder Energieaudits zu informieren«, sagt Benjamin Low.

Überschüsse sinnvoll nutzen

Gezeigt werden unter anderem Messtechnik und Sensorik, Cloud Computing, Data Security, Displaytechnologie, Energy-IoT-Lösungen, Gebäudesteuerungstechnik und -automation, Energietechnik und -automation sowie intelligente Lichtsteuerung.

»Energieeffizienz, Erzeugungszubau und Netzausbau alleine schaffen perspektivisch keine Energiewende.

Wir sind daher überzeugt, dass wir den Fokus konsequenter auf die Nutzung bereits vorhandener Technologien und Ideen zur sinnvollen und erzeugungsnahen Nutzung überschüssiger erneuerbarer Energien legen müssen«, so Ove Petersen Geschäftsführer GP Joule. Dazu gehört auch ein intelligenter Verbrauch.

GP Joule ist zum zweiten Mal auf der Plaza-Bühne und zeigt mit seiner Installation, wie dezentrale Wasserstoff-Technologie volatile Erneubare-Energieströme stabilisieren, umwandeln und steuerbar machen kann.

Intelligent vernetzt

Auf der Erzeugungsseite spielt die Windenergie weiter eine treibende Rolle im Energiesystem. Der Stand von Enercon liegt in unmittelbarer Nähe zur Integrated Energy Plaza: »Wir präsentieren unseren neuesten Anlagentyp E-141 EP4«, so Unternehmenssprecher Felix Rehwald. »Mit einem Rotordurchmesser von 141 Metern verfügt die E-141 EP4 über das derzeit längste Rotorblatt im Onshore-Markt.« Die Nennleistung beträgt 4,2MW. 

»In einem Energiesystem auf Basis der Erneuerbaren gewinnt die intelligente Vernetzung von flexiblen Stromerzeugern und -verbrauchern, von sektorübergreifenden Anwendungen sowie der Infrastruktur immer mehr an Bedeutung«, hebt Rehwald hervor. »Wir zeigen als Systemlieferant für regenerative Energien, wie wir die Wertschöpfung rund um Windparks im Zuge einer Integrated Energy anheben können.«

Eine Art Blockchain fürs Netz

Erst die Digitalisierung ermöglicht den fundamentalen Umbau von alten Kraftwerksstrukturen zu einer erneuerbaren, dezentralen und effizienten Energieerzeugung. Mit ›Link‹ präsentiert zum Beispiel die TU Wien, unter Leitung von Albana Ilo, ein neues Smart-Grid-Paradigma, das die Verwaltung von Netzen, Stromerzeugern, Stromspeichereinrichtungen und Verbrauchern neu organisiert.

Das Gesamtsystem wird in Einheiten wie Kraftwerke, Speicher, Konsumenten– sogenannte Links– aufgeteilt.

Jeder Link, also jedes Glied dieser Kette, verfügt über ein eigenes Steuersystem und entsprechende Schnittstellen zu den benachbarten Systemen. Wie tatsächliche Glieder einer Kette können sie nach Belieben zusammengehängt und kombiniert werden.

Jedes von ihnen bekommt Input von den benachbarten Gliedern und entscheidet dann selbst, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen. Jedes Kettenglied teilt bloß ein kleines Set von unbedingt nötigen elektrischen Daten mit den Nachbareinheiten. Einer der Vorteile des selbstregulierenden Systems sei, dass es keine großen Anforderungen an den Netzausbau stelle, so Ilo.

 

Laut Christian Arnold stecken wir noch in der Präindustrialisierung der digitalen Energiezukunft. Der Managing Director von EWE arbeitet an Enera, einem von der Bundesregierung geförderten Modellprojekt für das Smart Grid. Ein Netzwerk aus klassischen Unternehmen der Energiebranche und neuen Playern arbeitet dabei eng zusammen.

Jörg Benze von T-Systems Multimedia Solutions denkt bereits an eine Peer-to-Peer-Zukunft. Vielleicht gäbe es bald gar keine Großkraftwerke mehr, sondern nur noch unzählige Einzelproduzenten, die Energien produzieren. IT kümmert sich um die intelligente Verteilung. Hier kommen Dienstleister wie Google ins Spiel.

In der Google Cloud könnten Unternehmen beispielsweise Smart-Meter-Daten zentral verarbeiten. Sein Unternehmen sehe sich daher als IT-Partner der Energiebranche, sagt Marc Ritter, Energy-Experte des Unternehmens. In der Cloud ließen sich Nutzeranalysen durchführen und so letztlich individuellere Produkte anbieten.

KabelKosten im Griff

Wohin auch immer die digitale Reise im Einzelnen gehen mag: Ganz ohne Kabel, beziehungsweise Netzausbau, wird es nicht gehen. Die Prysmian Group zeigt auf der Integrated Energy Plaza Innovationen aus dem Bereich der Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ).

Dazu zählen masseimprägnierte 700kV MI-PPL und 600kV vernetzte Polyethylen-Kabelsysteme (VPE), die doppelt so viel wie die heute gebräuchlichen Gleichstrom-Kabelsysteme leisten können.

Andererseits zeigt Prysmian die ›600kV-P-Laser Technologie‹, bei der ein thermoplastisches Material eingesetzt wird, das voll recycelbar ist.

»Mit 3,5GW pro Bipol haben wir zudem die höchste bisherige Nennleistung erzielt. Sie ermöglicht Kostenreduzierungen von bis zu 30 Prozent pro übertragenem Megawatt«, so Hans Koch, Geschäftsführer der Prysmian Group Deutschland.

Sie wollen die Energy als internationale Leitmesse für integrierte Energiesysteme und Mobilität neu positionieren. Aus welchen Gründen spielt der systemische Ansatz eine so wichtige Rolle im neuen Konzept?

Mit der Integrated Energy Plaza bieten wir der Energiewelt einen Ort, an dem alle wichtigen aktuellen Themen, die die Energiewelt bewegen, abgebildet werden. Dazu zählen die Themen Energiemanagement, Netzstabilität, die Erschließung von Effizienz- und Flexibilitätspotenzialen sowie Lösungen für die Integration, Steuerung und intelligente Vernetzung dezentraler Energieerzeugung. Darüber hinaus werden neue Geschäftsmodelle präsentiert, die aus der Kopplung von Strom-, Wärme-, Kälte- und Mobilität entstehen.

Das Energiesystem verändert sich zurzeit rasant und braucht den systemischen Ansatz, um sich so weiterzuentwickeln, dass wir künftig in der Lage sein werden, den dezentral erzeugten Strom über unsere Netze zu verteilen, ohne deren Stabilität zu gefährden, und den Strom kostengünstig zu speichern, um ihn dann wieder abrufen zu können, wenn er gebraucht wird.

Sie binden auch Industriethemen ein wie Lastmanagement und Energieeffizienz. Welche Überlegungen stehen dahinter?

Mit der Digitalisierung wachsen die Themen zunehmend zusammen. Neue Softwareprodukte ermöglichen ein ganzheitliches Energiecontrolling und Energiemanagement.

Dabei schlummern in nahezu allen Bereichen der Produktion noch Potenziale. Deren Erschließung ist nicht immer leicht, da relativ niedrige Preise auf den Erdölmärkten im harten internationalen Wettbewerb umfangreiche Investitionen in energiesparende Technologien erschweren. Um aber in den Reihen der Industrie trotzdem mehr Aufmerksamkeit für Energiefragen zu erzielen, haben wir die Sonderschauen Energy Efficiency und Digital Energy ins Leben gerufen.

Partnerland ist in diesem Jahr unser Nachbar Polen. Wo liegen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Energiebereich?

Insgesamt werden sich mehr als 150 Unternehmen auf der Hannover Messe präsentieren, davon rund ein Drittel auf der Energy. Der polnische Energiemarkt ist stark von der Stein- und Braunkohle abhängig, deren Abbau in Polen einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellt. Damit ist Polen in Sachen Energieerzeugung in einer anderen Entwicklungsphase als Deutschland. Dennoch spüren wir auf polnischer Seite ein starkes Interesse an technologischen Entwicklungen im Energiebereich und sind gespannt auf die Produkte, die unsere polnischen Aussteller präsentieren.

Ihre Empfehlung: Was sollte man sich auf der Energy unbedingt ansehen?

Der Besucher sollte auf jeden Fall die Integrated Energy Plaza in der Halle 27 besuchen. Dort kann er erleben, wie das Energiesystem künftig vernetzt und digital funktionieren wird. Von Forschungsseite werden sowohl SINTEG-Projekte des Bundeswirtschaftsministeriums als auch Kopernikus-Projekte des Bundesbildungsministeriums präsentiert. Beide liefern einen wichtigen Beitrag zum Gelingen der Energiewende und zeigen Musterlösungen für eine sichere, wirtschaftliche und umweltverträgliche Energieversorgung bei hohen Anteilen fluktuierender Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenenergie.

Erschienen in Ausgabe: 02/2017