Auftrieb durch Nachholbedarf

Reststoffe Die thermische Verwertung erlebt in vielen Ländern Europas einen Aufschwung. Auch in Deutschland entstehen derzeit einige Großprojekte.

09. September 2008

»Unsere Geschäfte entwickeln sich hervorragend «, sagt Georg Gasteiger, CEO der Austrian Energy & Environment Gruppe (AE&E). Der Umsatz des weltweit tätigen Unternehmens stieg von 2006 auf 2007 von über 613 Mio. € auf rund 1,045 Mrd. €. Gasteiger ist sich sicher, dass man nach dem Rekordjahr 2007 auch in diesem Jahr den Umsatz verbessern werde.

Dabei verzeichne AE&E in allen Bereichen – ob Kesselbau, thermische Abfallbehandlung oder Umwelttechnik – einen erfreulichen Zuwachs an Auftragseingängen, betont der Firmenchef. Nach der anhaltend positiven Entwicklung des Auftragseingangs müsse man nun jedoch den Fokus umso mehr auch auf die Abwicklung der laufenden Projekte legen. Eines davon ist eine Ersatzbrennstoff (EBS)-Anlage in Schwedt/Oder. Dabei handelt es sich um die derzeit größte EBS-Wirbelschichtanlage Europas. AE&E erhielt von der Kraftwerk Schwedt GmbH & Co. KG den Auftrag über Engineering, Lieferung, Montage und Inbetriebnahme eines schlüsselfertigen Kraftwerks für die bestehende Papierfabrik.

Die Anlage hat eine thermische Leistung von 136 MW und eine elektrische Leistung von maximal 31 MW. Sie erzeugt zudem eine Dampfmenge von 155 t/h (bei 470 °C und 70 bar). Der Brennstoffmix ist vielfältig: Neben den am Standort anfallenden Faserreststoffen und Rejekten kommen EBS sowie Biogas, Erdgas und Heizöl zum Einsatz. Derzeit sind die Bauarbeiten im Gange, die Montagearbeiten beginnen im kommenden November. Die Inbetriebsetzung ist für Ende 2009 geplant, der kommerzielle Betrieb soll im 2. Quartal 2010 starten.

Die Herausforderungen für den Anlagenbauer sind vielfältig. Neben der Sicherstellung geringster Emissionen durch optimale Feuerungsführung und Feuerraumgestaltung nennt Gasteiger das Beherrschen eines großen Heizwertbandes durch beliebige Mischungen mehrerer Brennstoffe und des komplexen Dampfmanagements der Papierfabrik. Hinzu kommt, dass die Anlage auf engstem Raum am Standort integriert werden muss.

Nahezu zeitgleich mit der Anlage in Schwedt erhielt der österreichische Systemanbieter für thermische Energieerzeugung und Umwelttechnik eine zweiten Auftrag in einer Papierfabrik. Der von der Stora Enso Maxau GmbH vergebene Auftrag für die Papierfabrik Maxau in der Nähe von Karlsruhe umfasst das Engineering, die Montage und Inbetriebnahme eines Multifuelkessels inklusive der Rauchgasreinigungsanlage sowie weitere Nebenanlagen. Die beiden Aufträge haben zusammen ein Volumen von rund 200 Mio €. Das freut Unternehmens- Chef Gasteiger: »Die beiden Großaufträge markieren den vorläufigen Höhepunkt in einer Reihe von wichtigen Aufträgen, die wir in den vergangenen Monaten im strategischen Schwerpunktmarkt Deutschland gewinnen konnten.«

Westeuropa als Vordringlicher Markt

Dennoch rechnet er damit, dass in Deutschland das Energy-from-Waste-Geschäft einer »vorläufigen Sättigung entgegen läuft und sich im Wesentlichen auf den Austausch von Altanlagen und den punktuellen Ausbau von bestehenden Kapazitäten beschränkt«. Der EBS-Markt habe in den vergangenen Jahren sprunghaft angezogen, sagt Gasteiger. Er geht davon aus, dass nach der großen Anzahl der EBS-Anlagen hierzulande auch »in anderen Ländern Ersatzbrennstoffe ein Markt für unsere Produkte sein werden«. Als vordringlichen Markt sieht er hier in Westeuropa vor allem die Länder Großbritannien, Niederlande, Norwegen und Spanien. Erst kürzlich zog man einen 180-Mio.-€-Großauftrag in den Niederlanden an Land. In Roosendaal baut die Schweizer AE&E-Tochter Von Roll Inova im Konsortium mit dem niederländischen Baudienstleister BAM eine neue Abfallverwertungsanlage. Die Inbetriebnahme ist für den Frühsommer 2011 vorgesehen. Die auf die Verarbeitung von 290.000 t Haushaltsund Gewerbeabfälle pro Jahr ausgelegte Anlage soll den Strom für 70.000 Haushalte in und um Roosendaal liefern.

Als interessanter EBS-Markt gilt auch Großbritannien. Das Königreich will seinen Anteil an thermisch behandeltem Abfall bis 2012 auf 25 % bringen. Die AE&E-Gruppe partizipiert bereits davon. 2007 erhielt man Aufträge für zwei Turnkey-Anlagen. In diesem Jahr kam der Auftrag für die größte EBS-Anlage des Landes in Belvedere in London mit einer Jahreskapazität von 585.000 t hinzu. (mn)

Erschienen in Ausgabe: 09/2008