Die Masse macht's

Management

Crowdfunding - Das Geldsammeln im Internet ist erwachsen geworden. Vorbei die Zeit, als nur Erfinder oder Enthusiasten auf diesem Weg Spendenfür ihre Projekte einwarben. Das heutige Crowdfunding sieht anders aus. Es ist professionell aufgestellt und finanziert kommerzielle Projekte aller Art. Städte und Gemeinden können sich das zunutze machen.

27. Januar 2015

So wird man berühmt: 2013 kaufte die Kommune Oestrich-Winkel im Rheingau-Taunus-Kreis in Hessen neue Digitalfunkgeräte für die Feuerwehr. Die mehr als 83.000 € für den Kauf bekam die Kleinstadt in Form von Krediten mit Hilfe des Portals Leihdeinerstadtgeld.de; das Beispiel hat für viel Interesse gesorgt und gilt als erstes Projekt seiner Art in Deutschland. Es steht für eine neue Generation des Crowdfunding. Professionell aufgestellte Portale bieten sich als Mittler an und stellen den Kontakt her zwischen potenziellen Geldgebern auf der einen und den zu finanzierenden Projekten auf der anderen Seite. Im Fall der Funkgeräte für Oestrich-Winkel ging das sehr schnell. Medienberichten zufolge kam das Geld in nur drei Wochen zusammen; letztlich wurde das Vorhaben laut den Angaben von 13 Geldgebern finanziert.

Mit einem schnellen Mittelrückfluss können die Sponsoren nicht rechnen. Die Verzinsung liegt bei 0.67% über die Dauer von sechs Jahren. Das ist nicht viel. Trotzdem ist das moderne Crowdfunding nicht mehr vergleichbar mit den Anfängen.

Banken sehr zögerlich bei Krediten

Denn längst sind es nicht mehr nur Künstler, Filmemacher oder Journalisten, die bei Fans und anderen Geldgebern Kapital einsammeln, um ihr erstes Buch oder ein Filmprojekt zu verwirklichen. Auch Unternehmen und Kommunen entdecken die Schwarmfinanzierung als Alternative zum Bankdarlehen. Unter anderem die verschärften Eigenkapitalvorschriften Basel III für die Banken sorgten dafür, dass sich die Kreditbedingungen für Städte und Kommunen verschlechtern.

Das macht im Gegenzug die Kollektivfinanzierung über Leihdeinerstadtgeld.de und ähnliche Portale attraktiver. Laut einer Prognose des Beratungsunternehmens Ernst & Young müssen Stadtwerke und regionale Energieversorgungsunternehmen bis zum Jahr 2020 schätzungsweise rund 70Mrd.€ in die Energiewende investieren. Dies stellt kommunale Unternehmen jedoch nicht nur vor große Herausforderungen, sondern prägt auch neue Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsmechanismen. Zumindest bei kleineren lokalen Vorhaben könnte Crowdfunding ein ergänzender Lösungsbaustein sein, bei dem möglichst viele Anleger über das Netz ein konkretes Umweltvorhaben fördern. Hinzu kommt: In der aktuellen Niedrigzinsphase hält so mancher Anleger nach neuen Möglichkeiten zur Geldanlage Ausschau.

Leihdeinerstadtgeld.de gibt es bereits seit 2011. Die Betreiberfirma hat noch ein zweites Portal: Leihdeinerumweltgeld.de. »Dort haben wir in rund 20 Monaten für 16 Projekte rund zwei Millionen Euro abgewickelt«, sagt Jamal El Mallouki, Geschäftsführer der Leihdeinerstadtgeld GmbH aus Mainz.

Millionengeschäft Crowdfunding

»Zudem werden wir mit unseren White-Label-Kunden dieses Jahr einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag verwalten.« Das Unternehmen ist nach seinen Angaben als technischer Finanzdienstleister für Unternehmen tätig und stellt diesen eigene Plattformen zur Abwicklung von Bürgerbeteiligungen in Form von White-Label-Lösungen zur Verfügung. Die Resonanz sei sehr gut, sagt El Mallouki. »Besonders stark nachgefragt sind seitens der Energieversorger unsere individuellen Bürgerbeteiligungslösungen. Denn durch diese können Stadtwerke neben dem Finanzierungseffekt auch stärker den Imagegewinn nutzen, den sie gezielt zu Kundengewinnung und -loyalisierung einsetzen.«

Crowdfunding mache auch Projekte möglich, die von den Unternehmen aufgrund einer zu niedrigen Eigenkapitalrendite ansonsten nicht umgesetzt werden könnten, so El Mallouki.

Rückfluss muss sein

Private Investoren bewegen oftmals nicht nur wirtschaftliche Indikationen, sondern auch ideologische oder regionale Beweggründe. Wenn es nur um Rendite geht, sprechen Experten von Crowdinvesting. Es hat ein beachtliches Wachstum hingelegt, wenn auch von niedrigem Niveau aus: Konnten 2011 gerade mal insgesamt 0,5 Mio. € über Crowdinvesting eingesammelt werden, waren es 2013 schon 15 Mio. €, heißt es in einer Studie der Deutschen Bank. Für die Projektanbieter kann die Kollektivfinanzierung eine Win-win-Situation sein sofern sie ihre Hausaufgaben gemacht haben. Das Vorhaben muss auf soliden Beinen stehen und die Rückflüsse an die Geldgeber müssen gesichert sein. Und es muss dem Zeitgeist entsprechen: Das gilt zum Beispiel für Solarstrom- oder Windenergieanlagen; oder für ökologische Bauvorhaben und besonders energieeffiziente Technik. Auch Projekte, die das kulturelle Angebot in einer Stadt oder einer Region verbessern, haben gute Chancen.

Umwelt und Kultur

Mal angenommen, die Geldgeber für die Funkgeräte der Feuerwehr Oestrich-Winkel hätten sich abgesprochen und die Kreditsumme zu gleichen Teilen untereinander aufgeteilt, dann hätte jeder der 13 Sponsoren rund 6.400 € investieren müssen. Bei solchen Summen und auch schon bei geringeren Beträgen sollten die Interessenten rechtzeitig prüfen, auf was sie sich einlassen, rät die Verbraucherzentrale NRW. Sie hat eine Checkliste erarbeitet, worauf Investoren achten sollten, wenn sie in Crowdfunding investieren wollen. Zur Nachhaltigkeit der Geldanlage heißt es: »Seien Sie kritisch, ob Klimaschutz oder soziales Engagement nur als Werbeargumente missbraucht werden. Deckt sich Ihre Vorstellung von Klimafreundlichkeit oder sozialem Engagement mit dem finanzierten Projekt?« Zu den Vermittlungsportalen heißt es: »Leider bestehen derzeit noch wenige Erfahrungen, welche Portale als seriös angesehen werden können.«

Die Verbraucherschützer raten unter anderem darauf zu achten, ob das Geld im Falle einer Insolvenz des Vermittlungsportals oder gegen Veruntreuung geschützt ist. Zudem sollte klar sein, was mit dem Geld der Anleger passiert, wenn die erforderliche Investitionssumme nicht erreicht wird. Ist das Portal nur als Vermittler aktiv, oder haben die Betreiber eigene Interessen an den beworbenen Projekten?

»Bei einem klassischen Crowdfunding muss eine vorgegebene Finanzierungsschwelle erreicht werden, um das Projekt auch tatsächlich umsetzen zu können«, sagt El Mallouki.

»Kommt die erforderliche Summe nicht zustande, beauftragen wir die Treuhänderin mit der Rückzahlung der Gelder an die Bürgerinnen und Bürger.« Leihdeinerumweltgeld sei nach seinen Angaben bei keinem der bis dato abgewickelten Projekte gesellschaftsrechtlich involviert. Somit agiere die Plattform tatsächlich als unabhängiger Dritter. Die Portale finanzieren ihre Arbeit über Gebühren, die die Projektbetreiber zahlen müssen. Die Website Greenvesting.de nehme eine vergleichsweise geringe einmalige Pauschale sowie jährliche Administrationskosten von einem Prozent der Darlehenssumme, so Peter Walburg, Gründer und Geschäftsführer der Greenvesting GmbH aus dem hessischen Usingen.

»Wichtig ist in diesem Zusammenhang aber, dass Greenvesting mit seiner Crowdinvesting-Plattform nicht als Makler auftritt und keine Projekte Dritter auf seine Plattform nimmt«, sagt Walburg.

Kommunen und Bürger

Aus prinzipiellen Erwägungen würden stets selbst initiierte, finanzierte sowie fertiggestellte Photovoltaikanlagen auf der Crowdinvesting-Plattform angeboten. Mit Ausnahme von Gemeinschaftsprojekten mit Kommunen oder Bürgerenergiegenossenschaften sei das Angebot von Projekten Dritter auch nicht vorgesehen, so Walburg. Greenvesting wolle allen Projekten, die über seine Crowdinvesting-Plattform angeboten werden, gesellschaftsrechtlich verbunden sein und damit unternehmerische Verantwortung übernehmen. Nur dieses Vorgehen biete den Nutzern der Crowdinvesting-Plattform maximale Sicherheit.

PV-Strom für Schulen

Greenvesting betreibt nach eigenen Angaben über 160 Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 80 MWp und einem Investitionsvolumen von rund 200 Mio. €.

Grundsätzlich habe das Unternehmen großes Interesse an Kontakten und Anfragen von Kommunen und Stadtwerken, so Walburg. Dabei seien unterschiedliche Kooperationsformen sowie Betreiber- und Finanzierungsmodelle denkbar: Etwa dann, wenn ein Stadtwerk oder ein anderer kommunaler Betrieb eine Schule, einen Kindergarten oder ein Altenheim mit grünem Eigenstrom versorgen möchte.

»Wir können in diesem Falle eine entsprechend dimensionierte PV-Anlage zur Eigenstromversorgung finanzieren, errichten und betreiben und so den erzeugten Grünstrom direkt, also EEG-unabhängig, an die kommunale Einrichtung oder den kommunalen Betrieb zu langfristigen Konditionen liefern«, sagt Peter Walburg. Die Finanzierung könne dann ganz oder teilweise über die Crowdinvesting-Plattform erfolgen.

Auch für Mittelständler

Laut einem Bericht der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹ raten Experten inzwischen auch mittelständischen Unternehmen zum Crowdfunding als Finanzierungsalternative.

Das Portal Bettervest.de mit Sitz in Frankfurt am Main realisiert unter anderem Projekte für mehr Energieeffizienz in Zusammenarbeit mit einigen Contracting-Unternehmen. »Neben den direkten Kundenprojekten arbeiten wir bereits erfolgreich mit einigen Contracting-Unternehmen zusammen, welche die Vorfinanzierung der Energieeffizienzmaßnahmen über ein Crowdfunding abwickeln«, sagt Patrick Mijnals, geschäftsführender Gesellschafter der Betreiberfirma Bettervest GmbH.

Energieeffizienz

Ein gutes Beispiel dafür sei ein Projekt der Firma GTC Green Technologies & Consulting, die ein Blockheizkraftwerk für die Eigentümergemeinschaft einer Wohnanlage mit 98 Wohneinheiten in Lübeck betreibe. »Projekte im Bereich Green IT und E-Mobilität befinden sich in Vorbereitung«, so Mijnals.

Das Bettervest-Modell stehe grundsätzlich auch für kommunale Projekte offen und es würden aktuell auch Gespräche mit verschiedenen Kommunen geführt.

»Die Entscheidungswege sind aber naturgemäß länger als in inhabergeführten Unternehmen, sodass es hier leider noch nicht zu einer Umsetzung kam.«

Längs der Wertschöpfung

Das Portal versteht sich laut Mijnals als Teil eines größeren Ökosystems, dass sich mit der Umsetzung der Energiewende befasst. Dazu zählen Energieberater, Energiemonitoring-Unternehmen, Hersteller und Händler effizienter Produkte, bis hin zu lokalen Energiedienstleistern und Handwerksbetrieben.

Letztlich sei es im Interesse all dieser Stakeholder, dass sich ihre Kunden Energieeffizienzmaßnahmen leisten können und – noch wichtiger – leisten wollen. Darum würde Bettervest von all diesen Akteuren als Finanzierungs- und vor allem auch Kommunikationspartner verstanden und in die eigene Akquise eingebunden.

Die Bettervest-Community umfasse 15.000 Personen, so Mijnals; das Portal bekomme so viele Hinweise auf mögliche Projekte.

Bettervest nennt das das Energiedetektiv-Programm. Trotz aller Erfolge ist Crowdfunding noch ein junges Phänomen, das noch immer nur einem kleinen Teil der Bevölkerung ein Begriff ist. In den nächsten fünf Jahren wird es sich aber als gängiges Instrument der Finanzierung etabliert haben und in der Mitte der Gesellschaft ankommen, sagt Mijnals.

»Es wird traditionelle Formen der Finanzierung nie komplett ersetzen, aber an vielen Stellen komplementieren.« Auch Banken würden eigene Plattformen betreiben. Die Volksbanken machen nach Mijnals Worten bereits heute erste Versuche mit spendenbasiertem Crowdfunding.

»In Zukunft wirkt sich Crowdfunding auf den Finanzsektor in etwa so aus, wie es die Sozialmedien auf die klassischen Medien getan haben.«

Erschienen in Ausgabe: 01/2015