Die Stadt der Energiebewussten

Smart Meter Haßfurt profitiert bei der bundesweit ersten flächendeckenden Installation von der Praxis seines Pilotprojektes.

06. November 2008

»Nur durch die Nutzung innovativer Technologien werden mittelgroße Energieversorger auf dem deutschen Energiemarkt überleben können«, sagt Johannes Alte-Teigeler, Vorstandvorsitzender bei der EVB Energie AG. Weniger Feststellung als vielmehr Lob ist seine Aussage in Bezug auf das kürzlich gestartete Mammut-Projekt des Stadtwerks Haßfurt. Als Anbieter des Smart Meter unterstützt die EVB die Versorger im bundesweit ersten flächendeckenden Rollout intelligenter Zähler. In nahezu 10.000 unterfränkischen Haushalten des Versorgungsgebietes soll in den nächsten drei Jahren der Ferraris-Zähler dem intelligenten Kollegen, dem Meterus- Stromzähler von Echelon, weichen.

»Die Lieferung der ersten 1.000 Zähler wird momentan vorbereitet«, so der Leiter Smart Metering der EVB, Ingo Tiede. »Bis Jahresende sollen weitere 1.500 Zähler geliefert werden, die das Stadtwerk Haßfurt dann bis Mitte 2009 verbaut«. Der Schritt in die fortschrittliche Stromzähler-Infrasturkur zieht, so die Aussage der Stadtwerke, keinerlei Gebührenerhöhung für die Endverbraucher nach sich. Ein über 162 Monate angelegtes Leasing-Projekt soll die Kosten decken. Detaillierte Auskünfte über das Finanzierungskonzept wollen das Stadtwerk Haßfurt und die Deutsche Leasing für Sparkassen und Mittelstand »in naher Zukunft« veröffentlichen, merkt Tiede gegenüber >e energiespektrum an.

Ein Kostensenkungspunkt ist die genutzte Kommunikation über Powerline (PLC) zur Übertragung der Verbrauchsdaten anstelle von Funk. Den Breitband- Internetanschluss für die Kunden bietet das Stadtwerk über diese Verbindung an.

Die Infrastruktur von Echelon umfasst eine Reihe hochintegrierter, komplexer elektronischer Stromzähler, die mittels eines webbasierten Netzwerk-Betriebssystems über eine IP-Networking-Infrastruktur zugänglich sind. Im Gegensatz zu Systemen mit einer einzigen Funkverbindung pro Messpunkt können sich durch den Einsatz der standardbasierten Networking- Technologie für Stromleitungen mehrere Stromzähler eine einzige IP-Verbindung teilen. Die Kosten für die Kommunikationsverbindung pro Messpunkt sinken dadurch und neue Wide Area Network-Technologien können über die offene Systemschnittstelle problemlos und kosteneffizient integriert werden.

Verlässlichkeit bewiesen

Für den Geschäftsführer des Versorgers, Norbert Zösch, ist der Rollout aufgrund der steigenden Verbrauchstransparenz ein »wichtiger Schritt zu mehr Kundenzufriedenheit «. So sei es für den Verbraucher zukünftig ein Leichtes, den eigenen Energieverbrauch zu senken. »Wir wollen die Chance nutzen, solange die Technologie noch neu und nicht so verbreitet ist«, so Zösch über die Motivation des Stadtwerkes. Die Kosten der digitalen Zähler, die viele Versorger, als Einführungshemmnis sehen, relativiert er: »Noch gibt es keine Kapazitätsprobleme. Smart Meter sind vergleichsweise günstig, da die Nachfrage noch nicht groß ist«, so Zösch. Dies könne sich nach der kommenden Gesetzgebung sehr schell ändern, vermutet der Leiter des Stadtwerks.

Doch der Mut zur Vorreiterrolle gründet neben markttechnischen Überlegungen auch auf Erfahrung. »Meterus konnte bereits im Pilotprojekt seine Leistungsfähigkeit beweisen und aufzeigen, dass sowohl die regelmäßige und automatische Übertragung der Zählerstände zum Stadtwerk als auch der Zugriff auf erweiterte Zählerfunktionalitäten verlässlich funktionieren«, führt Tiede mit Blick auf den mit 200 Zählern vor zwei Jahren gestarteten Piloten aus.

Die Mitarbeiter des Stadtwerks installierten zu diesem Zeitpunkt parallel eine separate Anwendung zur Zählerfernauslesung. »Allerdings haben wir erkannt, dass diese Verfahrensweise für einen Rollout wirtschaftlich nicht sinnvoll ist«, zieht Tiede das Fazit. Deshalb soll nun das Abrechnungssystem des Stadtwerks Haßfurt direkt auf die Zählerinfrastruktur zugreifen können, um sich Zählerstände für Rechnungserstellung automatisch zu holen oder zukünftig auch Tarifmodelle auf dem Zähler aktivieren oder umschalten zu können. »Bei den zweihundert Testzählern wurden die Daten noch über manuelle und unidirektionale Schnittstellen zum Abrechnungssystem des Stadtwerks übertragen«, blickt Tiede zurück. Auch den Wert einer strukturierten Planung der Installationsrouten für die Zähler und Datenkonzentratoren haben die Partner in dem Pilotprojekt erkannt. »Sie nimmt entscheidenden Einfluss auf die Geschwindigkeit beim Aufbau eines stabilen Kommunikationssystems«, erläutert Tiede. Die jetzigen Montageplanungen für den Rollout sollen von dieser Erfahrung profitieren.

Die anfänglichen Bedenken der Smart-Meter-Tester über die sichere Übertragung der persönlichen Verbrauchsdaten konnten die Dienstleister aus dem nordrheinwestfälischen Velbert entkräften. Generell seien die meisten Verbraucher daran interessiert zu wissen, wie leistungsfähig die neuen Zähler sind und wo der eigene Nutzen der Technologie liegt, so Tiede. Dieser überschneidet sich mit den Vorteilen des Versorgers: Letzterer kann die Fernsperrung bei Wohnungswechsel oder Zahlungsverzug zeitnah an- und abschalten. Neben der nun obligatorischen Fernablesung und der Schaltung von verschiedenen Tarifen kann der Kunde mit einer Leistungsbegrenzung zudem seinen Höchstverbrauch selbst festlegen. (ds)

Standpunkte

»Für das Stadtwerk Haßfurt handelt es sich bei Smart Meter nicht nur um ein digitales Stromzählsystem, sondern auch um ein Instrument für Prozessoptimierung und Kundenmanagement. Das Stadtwerk sieht das Rollout als treibende Kraft für einen neuen Geschäftsbereich«, sagt Johannes Alte-Teigeler (EVB Energie).

Ein Ausbau der digitalen Zählerinfrastruktur auf die Sektoren Gas und Wasser ist auf Nachfrage von >e energiespektrum in naher Zukunft nicht in Umsetzung. Norbert Zösch (Stadtwerk Haßfurt) erkennt dies jedoch als weitere wichtige Alternative an, Energie zu sparen.

Erschienen in Ausgabe: 11/2008