Ein neues Innenleben

Erneuerung von Rohrnetzen im Hochdruckbereich

Grabenlose Verfahren zum Sanieren und Erneuern der Gas- und Wasserversorgungsnetze gewinnen an Bedeutung, denn so können Aufbrucharbeiten, Lärmbelastung, Verkehrsbehinderung und Bauzeit gegenüber der offenen Verlegung minimiert werden. Zudem eröffnen sich erhebliche Einsparpotenziale.

09. April 2003

Vor gut einem Jahr stellte das Unternehmen Rädlinger primus line GmbH aus Cham eine neue Technik zur grabenlosen Erneuerung von Rohrleitungen im Hochdruckbereich vor. Dabei wird eine neue, flexible Kunststoffrohrleitung mit hoher Festigkeit und geringer Wandstärke in das bestehende Rohr eingezogen. Das Altrohr fungiert als Trasse, um ein neues Druckrohr ohne nennenswerten Durchmesserverlust in Betrieb zu nehmen. Primus Line nennt Rädlinger das System, das Energieversorgern, der chemischen und petrochemischen Industrie sowie Betreibern von Abwasserdruckleitungen neue Möglichkeiten der Netzerhaltung und Kosteneinsparung bietet. Ein Einsatz im Trinkwasserbereich ist für das kommende Jahr 2003 geplant.

Basis des Verfahrens ist eine flexible Kunststoffrohrleitung mit hoher Festigkeit und einer Wanddicke von wenigen Millimetern. Sie wird mit einer Seilwinde in das schadhafte Altrohr eingezogen. Die Flexibilität der Kunststoffrohrleitung erlaubt eine Installationslänge von über 1.000 m in einem Arbeitsgang - auch durch Bögen bis 5D hindurch. Der Durchmesser der Rohrleitung bleibt aufgrund der geringen Wandstärke nahezu unverändert. Je nach Typ der Primus Line-Druckleitungen beträgt der Betriebsdruck bis zu 25 bar.

Die flexible Druckleitung besteht im Kern aus einem Aramid-Gewebe. Aramid ist eine synthetische Hochleistungsfaser mit der Festigkeit von Stahl. Sie ersetzt in vielen Anwendungsbereichen Metall, wenn neben hoher Festigkeit zusätzlich Flexibilität, Gewichtsreduktion oder Korrosionsschutz gefordert sind. In der Primus Line-Kunststoffrohrleitung ist das Aramidgewebe für die Druckhaltung verantwortlich. Die hohe Festigkeit verleiht dem Kunststoffrohr bereits bei einer Wandstärke von wenigen Millimetern einen Berstdruck von über 100 bar.

Das Aramidgewebe ist beidseitig mit einer thermoplastischen Kunststoffbeschichtung versehen. Die Außenbeschichtung ist aus Polyethylen und schützt das Gewebe beim Einzug und später im Rohr vor mechanischer Beschädigung. Die Innenbeschichtung der Kunststoffrohrleitung wird entsprechend den Anwendungsbereichen Gas, Erdöl, Abwasser oder Trinkwasser gewählt. (Polyurethan in den Bereichen Gas, Erdöl und Abwasser, Polyethylen bei Trinkwasser). Die Möglichkeit, die Innenbeschichtung zu variieren, eröffnet auch neue Perspektiven für Rohrleitungen in der Chemie. Je nach Medium kann die Beständigkeitsanforderung an die Innenbeschichtung angepasst werden.

Vor der Installation ist das Molchen der Altleitung notwendig. Anschließend inspiziert eine Kamera die Leitung auf eventuelle scharfe Kanten an Muffen oder ähnliches. Sie werden mit den am Kamerafahrzeug mitgeführten Werkzeugen bearbeitet. Danach ist eventuell ein nochmaliges Molchen erforderlich, bevor die Primus Line-Kunststoffrohrleitung eingezogen wird.

Die Kunststoffrohrleitung kann aufgrund ihrer Flexibilität selbst im Durchmesser von 400 mm kompakt auf eine Trommel gewickelt werden. Der Rollbund fasst bis zu 2.000 m Druckleitung. Die Einzugsgeschwindigkeit beträgt etwa 400 m/h. Die einfache Installationstechnik ermöglicht Einzugslängen bis zu 1.000 m und mehr in einem Arbeitsschritt. Die eingezogene Druckleitung wird an den Enden mit dem Altrohr kraftschlüssig verbunden. Die entsprechende Verbindungstechnik - eine Pressverbindung - wurde zusammen mit der Schuck Armaturen GmbH entwickelt.

Das Einsparpotential liegt gegenüber der klassischen offenen Bauweise je nach Leitungssituation bei 30 bis 50 %. Durch die Anlieferung großer Rohrlängen als Trommelware und der unkomplizierten Installationstechnik werden Bauzeiten gegenüber dem klassischen Rohrbau um 50 bis 70 % reduziert.

Erschienen in Ausgabe: 01/2003