Eine Alternative zur Hochspannungsleitung?

Markt

Sauber - Gas wird zunehmend das Rückgrat unserer Energieversorgung. Selbst wenn es aus fossilen Quellen stammt, besticht es durch seine geringen Verbrennungsrückstände. Gaspipelines könnten 380kV-Trassen ersetzen. Doch die Gas-Abhängigkeit birgt Risiken.

24. August 2011

>Eine 900mm-Ferngasleitung hat den gleichen Energiedurchsatz wie fünf oder sechs 380kV-Hochspannungstrassen. Wenn man bedenkt, dass mittlerweile der Neubau einer einzigen solchen Stromtrasse nur sehr schwer gegen Trassengegner in der Bevölkerung durchsetzbar ist, erscheint es unmöglich, gleich fünf davon parallel durch die Landschaft zu bauen.

Landschaftsschonend

Da gewinnt einmal mehr ein dezentrales Energieversorgungsmodell an Attraktivität – in diesem Fall auf der Basis kleinerer und mittlerer Gaskraftwerke als regionale Partner der Erneuerbaren, um deren Volatilität ausgleichen zu können und für Sicherheit und Netzstabilität zu sorgen. Und auf einen Teil des geplanten Hochspannungsnetzausbaus könnte man verzichten – stattdessen könnten Gasfernleitungen den Energietransport übernehmen.

Marc Hall, Geschäftsführer der Bayerngas, bringt solche Ideen ganz bewusst in die aktuelle Energiewendediskussion, »allerdings nicht im Wettbewerb zu den Stromtrassen, sondern im Rahmen eines Mischkonzepts, das situationsbezogen auf die eine oder andere Möglichkeit setzt.« Ausdrücklich betont Hall allerdings, dass Erdgastransport deutlich landschaftsschonender möglich ist als Stromtransport.

Erdgas ist also Zukunftsthema. »Ich weiß allerdings nicht, ob das in den Köpfen unserer Politiker bereits angekommen ist«, sagt Dr. Gerhard König, Sprecher der Wingas-Geschäftsführung. Der Markt weist allerdings bereits in die eingangs erwähnte Richtung: »Der Kraftwerksmarkt ist aktuell bei Erdgas der Wachstumstreiber«, so König.

Gas bietet nicht nur hier, sondern auch im heute hauptsächlich von Heizenergieanforderungen geprägten Privatmarkt eine Alternative. König: »Mit konsequenter Umrüstung auf neue Brennwertgeräte, Mikro-KWK oder Gas-Wärmepumpen würden wir zu einer deutlich besseren und schnelleren CO2-Reduzierung kommen, als mit teurer Wärmedämmungs-Nachrüstung.« Nebenbei würde sich zumindest bei Mikro-KWK der Anteil der vom Privathaushalt selbst erzeugten Strommengen weiter erhöhen. Die notwendigen Kapazitäten bei Strom-Ferntrassen könnten also noch ein wenig kleiner ausfallen.

Immer deutlicher tritt dann allerdings eine Abhängigkeit vom Gasimport zu Tage: das deutsche Erdgasaufkommen von rund 1.000Mrd. kWh verteilt sich auf die Importe von 35% aus Russland, 27% aus Norwegen, 18% aus den Niederlanden, und etwa 5% aus Großbritannien, Dänemark und weiteren Bezugsquellen. 15% stammen aus eigenen Quellen – vor allem in der norddeutschen Tiefebene und in der Nordsee. Zwar kommen 2/3 des Gasaufkommens aus Westeuropa. Trotzdem ist vielen nicht wohl dabei, dass das verbleibende Drittel auf einen einzigen und damit den größten Einzellieferanten geht, nämlich Russland.

Eigene Quellen suchen

Bei den Stadtwerken München hat man sich dazu ernste Gedanken gemacht und will als erstes deutsches Energieversorgungsunternehmen ab 2014 alle SWM-Heizgaskunden in München und im Umland unabhängig von russischem Gas aus eigenen Quellen versorgen können.

SWM greift dazu auf die bereits im Februar 2006 gemeinsam mit der Bayerngas, der Swissgas und der Tigas gegründete Bayerngas Norge zurück. Aktuell produzieren die drei Felder Volve, Vega und Trym. 2012 sollen die Felder Oselvar und Clipper South in Produktion gehen, das Feld Cygnus im Jahr 2014. Die Felder Solsort und Hejre folgen voraussichtlich 2015 sowie das Feld Draupne 2016. Insgesamt erwartet die Bayerngas Norge anteilig ein Fördervolumen von mehr als 20 Mrd. m3 für diese Felder, darunter auch einen nennenswerten Anteil Öl. Den SWM stehen davon mehr als 60% zu.

Das gewonnene Erdgas können die Stadtwerke von der Nordsee über verschiedene Pipelines nach München liefern oder bei Herkunft aus britischen Feldern über sogenannte Location Swaps tauschen oder in Großbritannien verkaufen.

Goldrichtiger Schritt

»Unser Schritt vor fünf Jahren stellt sich jetzt als goldrichtig heraus«, so Dr. Kurt Mühlhäuser, Vorsitzender der SWM-Geschäftsführung. Denn Erdgas zu wettbewerbsfähigen Preisen zu beschaffen, werde immer schwieriger. Daher bereiten mehrere große deutsche Energiekonzerne eilends Kooperationen und Allianzen mit russischen Energiekonzernen vor. »So profitiert Russland gleich mehrfach von der Energiewende: es liefert das Gas, es rechnet mit steigenden Atomstromexporten nach Westen und mit dem Einstieg bei RWE und einer kräftigen Anteilsaufstockung bei VNG würde es den lange ersehnten Zugang zu den europäischen Endverbrauchern erhalten.«

Die Schlüsselposition Russlands als Erdgaslieferant Deutschlands wäre zementiert, wenn es der EU nicht gelingt, die Nabucco-Pipeline zu realisieren. Russland hat zudem mit dem Iran und Katar, den Ländern mit den nach Russland zweit- und drittgrößten Reserven, eine Art ›Gas-Opec‹ installiert und kann so perspektivisch den Weltmarkt kontrollieren Angesichts des ›russisch-ukrainische Gaskriegs‹ von 2009, in dessen Verlauf die Leitungen nach Zentraleuropa im tiefsten Winter abgedreht wurden, ist Mühhäuser da nicht wohl. (vt)

Joint-Venture in Norwegen

SWM: Eigene Quelle statt Rolle des ›Tankstellenpächters‹

Aktuell verfügt Bayerngas Norge AS über rund 50 Lizenzen – darunter die bereits produzierende Felder Volve, Vega und Trym, sechs weitere in der Entwicklung befindliche Felder sowie über 40 Explorationslizenzen. zwischen 2012 und 2016 beginnen diese Quellen mit einem anteiligen Bayerngas Norge-Volumen von 20 Mrd. m3 zu produzieren. SWM stehen daraus mehr als 60% zu. Damit wollen sich die Münchner von Russland-Importen unabhängig machen.

Erschienen in Ausgabe: 07/2011