Holger Dirks, Energiespektrum: Herr Haußen, Gisa nennt die Einführung von S/4HANA eine Transformation. Trifft das den Punkt? Die Einführung neuer IT-Systeme ist für Unternehmen heute gang und gäbe. Ist die Transformation so gesehen ein normaler Vorgang?

Jörn Haußen, Leiter Key Account Utilities Gisa: Es ist kein normaler Vorgang. Es ist kein Releasewechsel, kein Update oder Ähnliches. Wir reden hier von einem Transformationsprozess – sicherlich aus der IT getriggert – mit Auswirkungen auf Prozesse, mit Auswirkungen bis hin zur Organisation. Es handelt sich um eine Transformation in einer Gesamt-IT-Architektur, wo SAP unserer Auffassung nach im Zentrum steht und wo

dementsprechend viele Schnittstellen vorliegen beziehungsweise bedient werden müssen. Sei es hinein oder

heraus aus dem SAP. Das ist der hochintegrative Aspekt bei einer solchen Transformation.

Dirks: Entsteht mit der Transformation ein IT-System neuer Qualität, die es vorher nicht gab?

Haußen: Ja. Es kommt eine neue Funktionsschicht hinzu. Um die komplette Wertschöpfung des Unternehmens anders strukturiert aufzubereiten, ist es in der Funktionsebene neu, dass die Cloud-Funktion nicht zwingend in der eigenen IT-Verantwortung liegen muss. Im IT-Kontext nennt man das On-premise-Funktionen. Das heißt, im Rahmen der Transformation steht jeder Versorger vor der Herausforderung, seine heutige Funktion zu entscheiden. Konsumiert er die zukünftig lokal, sprich on premise? Oder in einer Cloud-Alternative, weil die Funktion besser zu ihm passt? Das ist eine neue Qualität.

Dirks: Nicht jeder Energieversorger setzt SAP ein. Bedeutet das, dass die Ansprechpartner nur diejenigen sind, die SAP einsetzen? Oder sollen Energieversorger die Chance nutzen, SAP neu einzuführen? Was hätte das für Vorteile?

Haußen: Das ist eine zweiseitige Medaille. Zum einen müssen immer aus der IT-Architektur heraus solche grundsätzlichen strategischen Entscheidungen getroffen werden. Macht ein SAP auf meinen heutigen Geschäftsdimensionen, auf meinem zukünftigen Geschäftsanspruch Sinn oder nicht? Das ist eine Frage der Unternehmensstrategie. Zum anderen ist für uns als integrierender IT-Dienstleister natürlich der Weg hin zu SAP jederzeit möglich, aber durchaus auch ein strategisch kundenindividueller, umgekehrter Weg, sprich in Teilen weg von SAP.

Jeannine Kallert, Leiterin Marketing Gisa: Herr Weipert, Sie haben als Mitarbeiter der Stadtwerke Pforzheim die Einführung von S/4HANA begleitet. Sie mussten sich der Frage SAP – Ja oder Nein? widmen. Wie sind Sie vorgegangen?

Mario Weipert, Leiter Controlling Netze Stadtwerke Pforzheim: Wir waren systemoffen. Aus der Historie heraus war die IT-Landschaft ohne Zusammenhänge gewachsen über Jahre. Wir mussten also das Ganze vereinheitlichen. Relativ schnell stand fest, dass wir ein integriertes ERP-System einführen. Es folgte eine systemoffene Ausschreibung, um das alte System zu ersetzen durch was Neues.

Michael Hernsdorf, Senior Account Manager Utilities Gisa: Jörn Haußen sprach über die Notwendigkeit zu einem strategischen Ansatz, dem sich ein Unternehmen stellen muss.

Das unterstreiche ich. Erfahrungsgemäß ist es so: Jeder macht irgendwas, aber viele machen das Gleiche. Deshalb sage ich, treffen sie eine strategische Entscheidung. Welches System passt wirklich zum Unternehmen? Wie zukunftssicher ist es? Deckt es alle Themen ab, die die Firma zukünftig abholen will? Natürlich spielt auch das Preis-Leistungs-Verhältnis mit rein.

Dirks: Herr Seifert, betrachten wir mal die technologische Ebene. Die Stadtwerke Pforzheim haben voriges Jahr S/4HANA eingeführt. Worauf kommt es bei so einem Großprojekt an? In Pforzheim hat man es binnen eines Jahres umgesetzt. Ist das ein guter Wert?

Michael Seifert, Leiter Architecture Management & Business Transformation Gisa: Pauschal lässt sich das schlecht beantworten. Letztlich geht es um das Szenario: Geht es darum, S/4HANA einzuführen in eine vorher zerklüftete Landschaft? Oder redet man davon, Landschaften zu haben und die nach S/4HANA zu transformieren? Das ist eine unterschiedliche Ausgangssituation. Unabhängig davon ist die Planung wesentlich. Technologisch wird das immer wichtiger. Weil das ganze SAP-System heterogener wird. Die Entwicklung geht in Richtung serviceorientierte Architektur beziehungsweise Cloud-Services. Das als Gesamtbild vorneweg zu orchestrieren ist absolut wesentlich. Wenn man ein hochintegriertes ERP-System wie SAP einführt, ist das wunderbar für die Prozesse. Im Utilities-Umfeld stellt es sich anders dar. Da habe ich kaum die Möglichkeit, dasjenige, was ich jetzt in der IT als Monolithen habe, weiterhin im Monolithen betreiben zu können.

Dirks: Mit welchen Folgen?

Seifert: Da werden bestimmte Funktionen nur als Cloud-Service bereitgestellt. Das heißt, das Gesamtbild ist vorher zu skizzieren.

Dirks: Gerade bei kleinen und mittleren Stadtwerken sind Ressourcen knapp. Wie gehen diese Unternehmen am besten vor bei großen IT-Projekten? Komplett nach außen abgeben an einen Dienstleister?

Seifert: Bei vielen Stadtwerken funktioniert das nur im Zusammenspiel. So spannend und heterogen es ist, so individuell ist das Ganze auch. Das ist von außen schlecht zu beurteilen. Wir machen das üblicherweise in kleineren Beratungsprojekten, die sechs Wochen dauern. Anhand dieses Ablaufs kann man sehr gut die Beschaffenheit feststellen. Wir geben uns zwei Wochen Zeit, um den Stand zu analysieren. Weitere zwei Wochen sind für erste Ideen vorgesehen, wie man so eine Konzeption starten kann. Schließlich zwei Phasen, in denen wir die Ergebnisse evaluieren. Das geht nur mit der Person, die die IT verantwortet und die Baustellen, sei es ressourcenseitig, sei es aufseiten des Gesellschafters, kennt.

Kallert: Michiel van Aart, Sie kennen das Thema Beratung aus vielen Projekten, sowohl aus Pforzheim als auch aus anderen Unternehmen. IT-Dienstleister bedeutet vor allen Dingen, so haben wir gerade gehört, Prozessbereinigung zu machen, sprich viel früher einzusteigen als gemeinhin angenommen. Wie würden Sie das einschätzen?

Michiel van Aart, Geschäftsbereichsleiter Beratung ERP/HCM/Public Gisa: Ist es ein IT-Projekt oder ein Business-Projekt? Das muss man vorab klar artikulieren. Bleibt die Technik bestehen, dann kann man das als IT-Projekt durchführen. Wir beobachten, dass viele Unternehmen von der alten SAP-Welt technologisch in S/4HANA migrieren; die Prozesse an sich werden nicht angefasst. Das ist eine Möglichkeit. Aber wenn Firmen diesen monströsen Aufwand betreiben, dann muss klar sein, wie das zu einem wirtschaftlich sinnvollen Business-Case wird. In Pforzheim ist es gelungen, 95 Prozent der Prozesse in einen SAP-Standard hineinzubewegen. Übertragen auf die Zeitachse zeigt das Beispiel, dass es schnell gehen kann, wenn die Bereitschaft da ist, in den Standard zu gehen. Letzten Endes ist es so: Wenn Firmen in die S/4-Welt umsteigen, dann entsteht damit eine einzigartige Möglichkeit. Sie können ihre Prozesse auf den Prüfstand stellen. Zum Beispiel in Form eines Rankings der Top-5- oder Top-10-Prozesse, die entweder nicht im Standard laufen oder nicht effizient laufen. Das wird dann bewertet, das ist jetzt unsere Aufgabe als Berater.

Kallert: Wie geht denn die Energiewirtschaft mit dem Thema S/4 um? Herrscht die große Angst? Das große Phlegma? Bis 2025 muss eine Entscheidung gefallen sein.

Michael Hernsdorf: Angst herrscht nicht. Alle wissen, was auf sie zukommt. Die Frage ist ganz einfach: Wie gehen die unterschiedlichen Versorger an diese Thematik ran? Wir haben Beispiele gehört, wie man es tun kann; sei es durch technische Umstellung, sei es prozessual. Einige Firmen tun sich sehr schwer, diesen goldenen Weg zu finden. Unsere Aufgabe ist es, den Kunden bestmöglich mitzunehmen auf dem Weg mit all unserem Wissen. Da sind wir wieder beim Eingangsthema. Strategische Dinge spielen eine ganz entscheidende Rolle. Wo will das Unternehmen hin? Sicherlich ist die kaufmännische Betrachtung ein wichtiger Punkt. Aber aus meiner Sicht nicht der entscheidende Punkt bei so einer Betrachtung.

Kallert: Herr Weipert, wie lange haben Sie sich Zeit gelassen, bis Sie wussten, so wird Ihre Landschaft aussehen?

Weipert: Die Implementierung dauerte zwölf Monate; das Projekt begann Ende 2015, Anfang 2016. Wir haben uns zwei Jahre Zeit genommen, unter anderem für diese Fragen: Was sind eigentlich die Prozesse, die wir angehen wollen? Wie sieht die IT-Landschaft jetzt aus, wie soll sie zukünftig aussehen? Was sind die Systeme, die wir beibehalten wollen? Auch wenn wir einen Kern haben: Welche Umsysteme wollen wir anschließen? Und so weiter.

Kallert: Sie können ja jetzt zurückblicken. Ist das gut investierte Zeit gewesen?

Weipert: Wenn wir uns die Zeit vorher nicht genommen hätten, hätten wir es nicht geschafft, das innerhalb von einem Jahr einzuführen. Die Zeit muss man sich nehmen. Sonst funktioniert es nicht. Die Mitarbeiter müssen lernen, mit dem neuen System umzugehen. Einige Prozesse wurden angepasst oder neu aufgesetzt. Unter anderem werden die Aufträge heute anders angelegt als früher. Sobald ein Bauprojekt ansteht, legt der Planungsbereich die Aufträge selbst an und plant diese auch selber. Früher legte eine kaufmännische Stelle den Auftrag an.

Kallert: Ist das eine Verbesserung für Sie, dass Sie sozusagen prozesskonformer abbilden?

Weipert: Ja, aber es braucht seine Zeit, bis es in den Köpfen ankommt.

Dirks: Was wickeln die Stadtwerke Pforzheim alles über das neue System ab?

Weipert: Finanzen inklusive Anlagenbuchhaltung, Controlling, Personal, Projektmanagement für Baumaßnahmen inklusive Workforce-Management, das Vertriebsmodul für Rechnungsstellung, unter anderem für Hausanschlüsse, sowie Einkauf und Lagerhaltung.

Haußen: Ein ganz wichtiger Aspekt sind die versorgungswirtschaftlichen Prozesse. Die Komplexität der Prozesse, die der Versorgungswirtschaft durch die Regulierung auferlegt wurden, sorgen dafür, dass die Prozesse sich nicht nur im SAP abspielen. Das führt dazu, dass die notwendige Umsystemlandschaft, um den Prozess abzudecken, noch viel komplexer ist. Das kann der zweite Schritt sein. Angenommen, ein Unternehmen unternimmt mit einer klassischen S/4HANA einen ERP-Sprung; damit lernt die Firma Technologien kennen wie Fiori-Oberflächen. Die Mitarbeiter bekommen Berührungspunkte mit dem neuen System.

Dann folgt sukzessive ein strukturiertes Vorgehen. Was macht man mit den energiewirtschaftlichen Prozessen? Ist dafür S/4HANA Utilities richtig? Sind Cloud-Komponenten, die SAP als zweite funktionale Ebene bereitstellt, für mich relevant? Und so weiter.

Mit Blockchain kann verbessertes Carsharing oder die Energierente realisiert werden.

— Martin Seidel, Quantic Digital

Dirks: Herr Seidel, sprechen wir über Digitalisierung als Chance. Quantic hat dazu voriges Jahr einen Experten-Workshop veranstaltet. Thema war die Frage, wie die Energiewirtschaft neue IT-Technologien wie Blockchain nutzen kann. Zu welchem Ergebnis ist man gekommen?

Martin Seidel, Prokurist Strategie und Business Development Quantic Digital: Wir haben spannende Themen erarbeitet. Etwa die Idee, ob ich nicht eine Plattform beziehungsweise ein Angebot schaffen kann, mit dem man quasi das Carsharing radikal vereinfacht. Heute ist die Registrierung und Authentifizierung zum Teil sehr kompliziert bei den Carsharing-Diensten. Der Fahrer muss erst in die Mobilitätszentren und sich ausweisen. So entstand die Idee für eine Technik, womit man sich am Angebot sozusagen authentifiziert. Mal salopp gesprochen: Kann ich nicht als Leipziger in München an ein Fahrzeug rantreten und mich mittels eines Smart Contracts über eine Blockchain-Anwendung am Auto authentifizieren?

Dirks: Wenn Sie so fragen, scheint das nicht der Fall zu sein.

Seidel: Stimmt. Die Idee soll das künftig ermöglichen. Ein zweites spannendes Thema ist die Energierente. Die Pilotierung läuft im Moment. Die Idee dahinter ist, ein Angebot zu schaffen, wo der Energiekunde heute kWh kauft; nicht zum Verbrauch, sondern um sie auf eine Art persönlichem Rentenkonto anzusparen. Verbraucht wird die kWh erst im Alter. Angenommen, die Stadtwerke Pforzheim bieten mir das Produkt an. Die Firma stellt für mich die kWh zurück und in rund 30 Jahren zahlen sie mir diese kWh zurück. Ich bin quasi frei von Energiekosten. Die Blockchain eignet sich dafür recht gut. Weil sie eine sehr revisionssichere Technologie ist.

Dirks: Warum ist das wichtig?

Seidel: Das heißt, dass die kWh, die ich heute anspare, noch in 30 Jahren nachweisbar ist. Zudem ist Blockchain auch relativ fälschungssicher. Da tut sich stellenweise großes Potenzial auf. Zum Beispiel für eine Kundenbindung.

Kallert: Welche Marktresonanz gibt es auf den Piloten?

Seidel: Wir haben die Website Anfang Februar online geschaltet; inzwischen gibt es rund 20 Anmeldungen. Das entspricht einer Conversion-Rate von einem Prozent.

Kallert: Herr Weipert, beschäftigt man sich damit als regionaler Versorger? Nicht mit dem konkreten Fall, sondern generell mit neuen Geschäftsmodellen?

Weipert: Wie erzeugt man eine Kundenbindung bei einem emotionslosen Produkt? Das ist die große Frage. Kommunale Unternehmen haben ihren Bonus als lokaler Nahversorger. Jetzt gilt es, Kundenbindungsmodelle zu finden. Das ist gar nicht so einfach. Da sind alle Ideen gerne gesehen.

Haußen: Blockchain ist im Sinne eines Geschäftsmodells oder einer Geschäftsmodellunterstützung sicherlich für die Kundenbindung gut geeignet. Die Vernetzung der Kunden untereinander, die wieder auf den Versorger zurückzuführen ist, das ist ein spannendes Thema. Für Pilotprojekte nach dem Motto ›Wir probieren es mal‹ ist Blockchain gut geeignet.

Kallert: Das S/4-Projekt der Stadtwerke Pforzheim. Merken Sie, dass die Aufmerksamkeit steigt bei den übrigen Stadtwerke-Kollegen, Herr Weipert?

Weipert: Es gibt Interesse und Anfragen, ja.

Es braucht seine Zeit, bis neue Systeme in den Köpfen ankommen.

— Mario Weipert, Stadtwerke Pforzheim

Dirks: Herr Haußen, im Zusammenhang mit S/4HANA werden immer wieder zwei Jahreszahlen genannt, 2023 und 2025. Was hat es damit auf sich?

Haußen: Die aktuellen SAP-Roadmaps für Auslieferungszustände im Cloud-Umfeld sowie im On-premise-Funktionsumfang sind definiert bis 2023. Der Reifegrad der SAP-S/4-Entwicklung ist im ERP-Kontext bereits fortgeschritten. Ein funktionaler Kern ist da. Erfahrungsgemäß zählt für Unternehmen im versorgungswirtschaftlichen Kontext Planbarkeit. Das heißt, die Unternehmen müssen sich darauf verlassen können, dass der Hersteller zum Zeitpunkt X in ausreichender Qualität liefert. Ich empfehle den Versorgern, Vorbereitungen zu treffen und sich mit den strategischen Fragestellungen jetzt auseinanderzusetzen. Zu erwarten sind grob zwei Jahre für Vorbereitung, zwei Jahre für die Implementierung.

Dirks: Dann ist man ja im Jahr 2023.

Seifert: 2023 ist auch interessant, wenn man SAP im HCM-Umfeld einsetzt. Weil SAP die Produktstrategie entkoppelt hat vom Enterprise-Management, wie man es im Kern kennt. 2023 kommt die S/4-HCM-Suite. Unternehmen haben zwei Jahre Zeit für den Umstieg. Die Suite wird sich kundenindividuell aufteilen zwischen Cloud-Produkten oder S/4HANA on premise. 2025 ist S/4HANA verpflichtend.

Fakt

SAP S4/HANA

Als digitaler Kern für alle Geschäftsprozesse ermöglicht S/4HANA die Vernetzung in das Internet der Dinge (IoT) sowie zu Big-Data-Anwendungen.

Die Benutzeroberfläche SAP Fiori bietet eine intuitive Handhabung aller Anwendungen auch bei mobilem Gebrauch.