Auf dem Weg zum Standard

Management

EU - Auf der Suche nach einheitlichen Normen arbeiten Anwender und Hersteller zusammen. Ziel ist, harmonisierte Lösungen für Smart Meter zu erleichtern. Dabei ist die Abstimmung nicht immer einfach.

18. November 2010

>In den unterschiedlichen Bran-chen der Energiesysteme existiert bereits eine Vielzahl an Normen. Diese müssen nun im Rahmen der Entwicklung zum Smart Grid zusammengeführt werden, um branchenübergreifende Lösungen zur Energieversorgung zu entwickeln. Dabei sind neben gesteigerter Komplexität und Technologiekonvergenz weitere Aspekte zu beachten. So soll auch die Integration neuer Erzeugungs- und Speicheroptionen und die Einbindung der Kunden durch das Smart Metering berücksichtigt werden.

»Kennzeichnend für die Normungsaktivitäten im Bereich der intelligenten Stromnetze sind dabei die Vielzahl der Akteure, die enorme Geschwindigkeit und die großen wirtschaftlichen Auswirkungen«, weiß Ralf Hoffmann. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Görlitz-Gruppe und Vizepräsident der Herstellerorganisation ESMIG (European Smart Metering Industry Group) ist seit einigen Jahren auf allen Ebenen der europäischen Standardisierung aktiv.

Für die Hersteller – so der Experte – mindern verbindliche Normen das Risiko von Fehlinvestitionen deutlich und stellen Rechtssicherheit her. »Ein hohes Maß an Interoperabilität ebnet zudem den Weg in eine Massenproduktion zu niedrigeren Kosten, ermöglicht den ungehinderten Wettbewerb innerhalb der EU und verbessert die Chancen auf eine führende Position der europäischen Hersteller im Weltmarkt.«

Die deutsche Normungs-Roadmap zu E-Energy und Smart Grid nimmt dazu eine nationale Standortbestimmung vor, fasst die unterschiedlichen Ansätze zusammen und identifiziert die Lücken mit Handlungsbedarf.

Mit in dieser Roadmap berücksichtigt sind die Aktivitä-ten auf europäischer Ebene bei der Standardisierung von Smart Meter-Funktionalitäten und Kommunikationsschnittstellen.

Denn im Vorfeld wurden 2009 im Rahmen des EU-Standardisierungsmandats M/441 drei Organisationen damit beauftragt, auf freiwilliger Basis einheitliche EU-Normen für Smart-Metering-Technologien, -Protokolle und -Prozesse zu verabschieden. Dies sind die drei europäischen Normungsgremien CENELEC (European Committee for Electrotechnical Standardization), CEN (European Committee for Standardization) und ETSI (European Telecommunications Standards Institute).

Bei M/441 werden vor allem sechs Aspekte der Zähler betrachtet und die vorherrschenden Standards und Normen untersucht:

• Auslesen und übermitteln von Messwerten

• Zwei-Wege-Kommunikation zwischen dem Zähler und einem Marktteilnehmer

• Unterstützung verschiedener Tarifmodelle und Zahlungssysteme durch den Zähler

• Zählerfernabschaltung und Versorgungsstart/-beendigung

• Kommunikation mit Geräten im Haushalt

• Unterstützung eines Displays oder einer Schnittstelle im Haushalt zur Anzeige der Zählerdaten in Echtzeit.

»Der Zeitplan des Mandats M/441 sieht vor, dass innerhalb von neun Monaten nach Annahme des Auftrags ein EU-Standard für die Kommunikation von Smart-Metering-Systemen vorgelegt wird«, berichtet Andreas Bolder, Leiter Datenbereitstellung Messdaten bei der RheinEnergie. Er ist als Vertreter der Anwender unter anderem im Technischen Komitee 294 des CEN aktiv, dass für die Normung von Kommunikationssystemen für Zähler und deren Fernablesung zuständig ist.

Neben dieser einheitlichen Norm für die Kommunikationssysteme, die dann auch im April 2010 vorgelegt wurde, sollen unter anderem in einem Zeitraum von 30 Monaten nach Annahme des Auftrags harmonisierte Lösungen für zusätzliche Funktionen der intelligenten Zähler festgelegt sein.

Bei der Realisierung – so die Vorgabe aus Brüssel – soll nach Möglichkeit bestehenden Standards und Verfahren der Vorzug vor möglichen Neuentwicklungen gegeben werden. Das geht schneller und ist kostengünstiger. Dabei ist sich die EU-Kommission klar, dass sich Lösungen in den einzelnen Mitgliedsstaaten auch künftig voneinander unterscheiden werden. Dies liegt an nationalen Gesetzen und Richtlinien sowie den Prozessen zwischen den Marktteilnehmern.

70 bis 80 Änderungswünsche

»Das Ziel ist, harmonisierte Lösungen durch geeignete freiwillige Standards zu erleichtern«, heißt es in dem Arbeitsauftrag. »Die Mitgliedsstaaten können dann in einem solchen harmonisierten Rahmen ihre eigenen Anforderungen spezifizieren, unter Beachtung ihrer nationalen Gesetzgebung und spezifischer lokaler Anliegen, wie Datensicherheit oder Verbraucherschutz.«

Zur Bearbeitung des 30-Monats-Mandats haben die drei Normungsgremien zusammen mit den Repräsentanten der Herstellerverbände Aqua und Fagogaz sowie der europäischen Vereinigung für Messwesen (WELMEC) die Arbeitsgruppe ›Smart Metering Coordination Group‹ gegründet. Sie übernimmt die Gesamtkoordination.

In diesem Rahmen erarbeiten zwei Ad-hoc-Arbeitsgruppen die Vorlagen der Standards für die unterschiedlichen Teile. Eine Arbeitsgruppe standardisiert die Kommunikation, die andere regelt zusätzliche Funktionen. Beide Gruppen konzentrieren sich auf die Bedürfnisse privater Haushalte und den Sektor der kleinen und mittleren Unternehmen, da es für das obere Segment der Sondervertragskunden bereits funktionsfähige Lösungen am Markt gibt.

»An der Diskussion sind alle Interessenvertreter auf europäischer Ebene beteiligt, insgesamt rund 20 Verbände«, so Ralf Hoffmann, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Kommunikation. Diese müssen sich mit den Mitgliedsorganisationen in den 27 EU-Ländern abstimmen. Liegen Entwürfe vor, kommen so oft zu jedem Satz 70 bis 80 Änderungswünsche zusammen. »Aber am Schluss gab es bisher immer eine Konsensmeinung.«

Erschienen in Ausgabe: 9-10/2010