Aus einem Guß

Technik

KWKK - Der Pharmakonzern Merck investiert in die Eigenerzeugung. Am Stammsitz in Darmstadt ging im Juli ein neues BHKW in Betrieb. Eine zweite Anlage ist im Bau. 27 Millionen Euro lässt sich das Unternehmen die Arbeiten kosten.

13. Oktober 2014

Mit seinen eigenen Energiezentralen stellt das Unternehmen nach eigenen Angaben langfristig die Erzeugung von Strom, Wärme, Luft und Kälte für die Herstellung seiner pharmazeutischen und chemischen Produkte sicher.

Im Juli ging auf dem Werksgelände in Darmstadt ein BHKW in Betrieb, das speziell die Gebäude mit pharmazeutischer Produktion und Forschung des Standorts versorgt.

Netzbetrieb und ersatzbetrieb möglich

2G lieferte für das BHKW nach eigenen Angaben zwei Erdgas-Aggregate mit einer Leistung von je 1,56 MWel sowie eine Abwärmeleistung zur Kälteerzeugung von je 1,58 MWth. Die Anlage ist laut 2G so ausgelegt, dass sie im Bedarfsfall umgehend auch im Netzersatzbetrieb gefahren werden kann, um bei einem Stromausfall die Versorgungssicherheit für wichtige Teilbereiche des Darmstädter Unternehmens in Funktion zu halten und den Betrieb aufrechtzuhalten.

In dem neuen BHKW-Gebäude sind unter anderem auch die Kälte- und Druckluftanlagen installiert sowie ein Eisspeicher und eine 6-kV-Trafostation.

Eine Absorptionskältemaschine erzeugt mit der Abwärme der 2G-Aggregate über einen Absorptions- beziehungsweise Desorptionsprozess 2,5 MW Kaltwasser für das Leitungsnetz auf dem Werksgelände. Es wird zur Prozesskühlung und Klimatisierung in der Pharmaproduktion verwendet.

2G hat nach eigenen Angaben für Merck die komplette Planung der KWK-Anlage mit der Installation und der Anbindung an die bauseitig vorhandene Infrastruktur für Strom, Erdgas und Wärme sowie das Projektmanagement übernommen. Dazu gehörte auch der Aufbau eines 48 m hohen Stahlschornsteins.

Die Bauzeit der KWK-Anlage betrug rund viereinhalb Monate, so 2G in einer Mitteilung.

Nächstes Jahr soll noch eine weitere Energiezentrale in Betrieb gehen. Sie wird laut Merck unter anderem den Kältebedarf der chemischen Betriebe und Labore decken.

Die Kältegrundlasterzeugung sichert auch im Sommer die hohe Auslastung des BHKW. Der Gesamtwirkungsgrad beträgt den Angaben zufolge 87 %.

Lastmanagement mit Eispeicher

Die Eispeicher mit einer Speicherkapazität von rund 20 MW dienen dem Lastmanagement. In Zeiten mit einem Stromüberangebot wird die Energie für die Eiserzeugung verwendet. Zu Spitzenlastzeiten im Sommer wird die gespeicherte Energie dann wieder zur Verfügung gestellt. Merck hat bereits Erfahrungen mit Regelenergiebereitstellung. »Wir nehmen bereits seit 2002 aktiv am Regelenergiemarkt teil«, sagt Stephan Sawallich, der Leiter der Energieerzeugung bei Merck.

Betrieb gemäß EEGund KWKG

Das Lastmanagement ist gemäß den gesetzlichen Bestimmungen des EEG oder KWKG organisiert. Somit habe der Verteilnetzbetreiber Zugriff auf die neue KWK-Anlage, obwohl diese nicht direkt in dessen Netz einspeise, so Sawallich. »Probleme sehe ich hier, dass es sich bei unserer KWKK-Anlage nicht um eine klassische EEG-Anlage handelt, sondern der Wärmeanteil in unsere Produktionsprozesse eingebunden ist und somit bei einem Eingriff in die KWK-Anlage durch den externen Netzbetreiber direkt in unsere Produktion eingegriffen wird. Das kann sekundäre Auswirkungen haben.«

Millioneninvest in den Standort

Hier müsse der Gesetzgeber nachbessern. Insgesamt investiert Merck nach eigenen Angaben in den Jahren 2013 und 2014 rund 250 Mio €, um den Standort Darmstadt im Rahmen des Transformations- und Wachstumsprogramms Fit für 2018 zukunftsfähig zu machen.

»Mit dem Bau unserer Energiezentralen investieren wir nicht nur in den Standort Darmstadt, wir leisten auch einen Beitrag zur Energiewende in Deutschland«, sagte Merck-Chef Karl-Ludwig Kley bei der Inbetriebnahme des neuen Blockheizkraftwerks im Beisein von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel.

Gleichzeitig forderte der Firmenchef von der Politik, Planungssicherheit und gute Rahmenbedingungen für künftige Investitionen von Unternehmen sicherzustellen und bei allen Reformvorhaben die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie im Auge zu behalten.

Bald 70 Prozent Eigenerzeugung

Während Merck mit dem bestehenden Gaskraftwerk am Standort heute bereits ungefähr 60 % der benötigten elektrischen Energie selbst erzeugt, wird sich dieser Anteil ab 2015 auf rund 70 % erhöhen.

Darmstadt ist mit rund 9.000 Mitarbeitern Hauptsitz von drei der vier Sparten und wichtiger Produktions- und Forschungsstandort von Merck.

Unter anderem werden in Darmstadt Medikamente wie der Betablocker Concor, das Schilddrüsenmedikament Euthyrox oder das Antidiabetikum Glucophage hergestellt. Daneben produziert Merck hier seine Flüssigkristallmischungen für Produkte wie Flachbildfernseher und Handy-Displays und forscht darüber hinaus nach eigenen Angaben an neuen Lösungen im sogenannten Performance-Materials-Bereich. (hd)

Erschienen in Ausgabe: 08/2014